ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2010Blindheit: Folge von Armut und Unkenntnis

WORLD HEALTH SUMMIT

Blindheit: Folge von Armut und Unkenntnis

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1920 / B-1682 / C-1654

Gerste, Ronald D.

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In 80 Prozent der Fälle hätte den Betroffenen dieses Schicksal durch Prävention oder Therapie erspart werden können – vor allem Kindern und Neugeborenen.

Etwa 37 Millionen Menschen auf der Welt sind aufgrund von Katarakt, Glaukom, Trachom, Flussblindheit, Vitamin-A-Mangel und diabetischer Retinopathie erblindet (124 Millionen sind sehbehindert). 90 Prozent der Betroffenen leben in Entwicklungsländern. Aber in 80 Prozent der Fälle wäre dieses Schicksal zu vermeiden oder zu behandeln gewesen – vor allem bei Kindern. Blindheit ist bei internationalen Organisationen definiert als ein Visus von weniger als 3/60 (0,05) oder ein auf weniger als zehn Grad eingeschränktes zentrales Gesichtsfeld. Zwar ist die Zahl betroffenen Kinder weltweit im letzten Jahrzehnt um circa zwölf Prozent gesunken, aber immer noch gelten 1 260 000 Kinder als blind.

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Weitere zwei Millionen Kinder bis zum 15. Lebensjahr sind so hochgradig sehbehindert, dass ihnen ein eigenverantwortliches Leben beinahe unmöglich ist. Vor allem asiatische Kinder weisen häufig eine hohe Myopie (Kurzsichtigkeit) auf. Die Versorgung mit einer Brille ist in manchen Regionen für Kinder (und Erwachsene) mit einem Refraktionsdefizit meist ein unerfüllbarer Traum.

Blindenschule in Tangalle auf Sri Lanka: Der Mehrzahl der blinden Kinder bleibt allerdings ein Schulbesuch oder eine Berufsausbildung verwehrt. Foto: vario images
Blindenschule in Tangalle auf Sri Lanka: Der Mehrzahl der blinden Kinder bleibt allerdings ein Schulbesuch oder eine Berufsausbildung verwehrt. Foto: vario images

„Blindheit im Kindesalter ist der tragische und oft übersehene Begleiter der Armut“, betonte Prof. Clare Gilbert (Kodirektorin des International Centre of Eye Health) auf dem Weltkongress für Ophthalmologie in Berlin. Neben finanziellen Mängeln bestehen auch erhebliche Versorgungsdefizite. So ist ein Augenarzt in Afrika statistisch gesehen für eine Million Menschen zuständig, in Deutschland für rund 13 000 Einwohner.

Blinde Kinder sterben häufiger als sehende

Bei aller Vorsicht gegenüber den zur Verfügung stehenden Daten (in vielen Ländern fehlt eine valide Dokumentation sehbehinderter Patienten) scheint eine erstaunliche Parallele der Prävalenz von Blindheit im Kindesalter und Mortalität bei unter Fünfjährigen (U5MR) zu bestehen: Je größer die Sterblichkeit im Kleinkindesalter ist, desto häufiger sind auch schwere, zum Funktionsverlust führende Augenleiden. In Ländern mit besonders hoher Kindersterblichkeit (U5MR über 240 je 1 000 Lebendgeburten) liegt die Blindheitsprävalenz im Kindesalter bei 0,3 pro 1 000.

Fortschritte im Kampf gegen Blindheit im Kindesalter hat vor allem China gemacht, wo die Zahl erblindeter Kinder von 210 000 im Jahr 1999 auf derzeit geschätzte 116 000 gesunken ist. Auch in Lateinamerika waren Erfolge zu verzeichnen, die Blindheitsprävalenz ging im besagten Zeitraum von 100 000 auf 71 000 zurück.

Nur bedingt dem medizinischen Fortschritt und besserer Prävention zuzuschreiben, ist die gesunkene Zahl blinder Kinder in den ehemals sozialistischen Ländern von 50 000 auf 19 000 – in dieser Region mit extrem niedrigen Geburtenraten hat sich die Zahl der Kinder insgesamt halbiert. Sorgenkind ist einmal mehr das Afrika südlich der Sahara, wo die Zahl blinder Kinder seit 1999 von 320 000 auf 419 000 gestiegen ist.

Die Ursachen für die kindlichen Erblindungen wechseln ihr Profil fast dramatisch, je mehr man sich von den reichen Nationen auf der Nordhalbkugel den armen Ländern, insbesondere in Afrika, zuwendet. Ein Kind, das in Deutschland oder anderen Industrienationen erblindet, hat in aller Regel eine der modernen Augenheilkunde therapeutisch nicht zugängliche Augenerkrankung. Pathologische Befunde, oft hereditäre Dystrophien oder Atrophien am Sehnerv und an der Netzhaut sind für je etwa 25 Prozent aller Erblindungen bei oder kurz nach der Geburt verantwortlich, wenn nicht eine zentralnervöse Läsion Ursache des Funktionsverlusts ist. Erblindungen durch diese Krankheitsbilder gelten als unvermeidbar.

In Ländern mit mittlerer Prosperität treten kongenitale Katarakte und Glaukome mit zusammen 20 Prozent häufiger auf; beide könnten erfolgreich operiert werden, wenn die augenärztliche Infrastruktur vorhanden wäre. Erblindungen durch eine Frühgeborenen-Retinopathie, die hierzulande immer häufiger mit der aufwendigen intravitrealen Injektion von VEGF-Inhibitoren behandelt wird, ist im ökonomischen Mittelbau der Welt mit 25 Prozent relativ häufig (in Europa bis zu zehn Prozent).

In den ärmsten Ländern hingegen stehen Pathologien an der Spitze der Statistiken, die bei uns eher Seltenheitswert haben. Sowohl in Nepal und Indien als auch in Uganda, Malawi und Äthiopien ist die Hornhaut der anatomische Sitz der zur Erblindung führenden Läsion. Meist handelt es sich um korneale Narben nach Infektionskrankheiten wie Masern oder aufgrund von ernährungsbedingtem Vitamin-A-Mangel (Xerophthalmie). Es folgen Katarakte und Glaukome – die behandelbar wären, wenn die Augenarztdichte, die in manchen afrikanischen Ländern bei circa einem Ophthalmologen auf eine Million Einwohner liegt, eine höhere wäre.

Vitamin-A-Prophylaxe für Mutter und Kind

Dass sich kindliche Erblindungen zurückdrängen lassen, wenn zum Beispiel eine normale Vitamin-A-Zufuhr gewährleistet wird und die Immunisierung gegen Masern Realität geworden ist, haben Beispiele aus Ländern wie Uganda und Tansania gezeigt. Wo immer eine halbwegs professionelle Versorgung von Neugeborenen möglich ist, werden nach den Empfehlungen der Welt­gesund­heits­organi­sation und deren Aktionsprogramm Vision 2020 (Kasten), dem Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt antibiotikahaltige Augentropfen oder eine entsprechende Augensalbe gegeben. Die Mutter soll unmittelbar nach der Niederkunft 200 000 IU Vitamin A erhalten, dem Neugeborenen werden 100 000 IU zugeführt.

Doch insgesamt wird die internationale Augenheilkunde dem Problem Blindheit erst Herr werden, wenn Armut und Unkenntnis in den betroffenen Regionen besiegt sind.

Dr. med. Ronald D. Gerste

Aktionsprogramm: Vision 2020

Die WHO hat in ihrem Rahmenkonzept „Gesundheit 21 – Gesundheit für alle“ die Verhinderung von vermeidbarer Erblindung zu einem ihrer Hauptziele für die nächsten Jahre erklärt und 1999 das globale Aktionsprogramm „Vision 2020 – Das Recht auf Augenlicht“ ins Leben gerufen. Kernstück dieser Kampagne ist die Entwicklung und Umsetzung nationaler Pläne zur Blindheitsverhütung.

Die Hauptursache für Erblindung in Entwicklungsländern ist der Graue Star, der operativ zu beheben ist. Weitere Ursachen wie Flussblindheit und Trachom können medikamentös behandelt werden. Das Aktionsprogramm sieht auch den Aufbau einer effektiven Infrastruktur zur augenärztlichen Versorgung sowie die Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Fachpersonal vor. Getragen wird die Aktion von verschiedenen UN-Organisationen, Regierungen, Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen und Einzelpersonen. Nach dem World Health Report 2003 stehen Augenerkrankungen an zehnter Stelle auf der Liste der Erkrankungen, die die globale Gesundheit am meisten bedrohen.

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