ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2010Chronische Erkrankungen in Entwicklungsländern: Herzinfarkte und Diabetes im Slum

WORLD HEALTH SUMMIT

Chronische Erkrankungen in Entwicklungsländern: Herzinfarkte und Diabetes im Slum

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1922 / B-1684 / C-1656

Merten, Martina

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Obwohl inzwischen 80 Prozent chronischer Erkrankungen in Schwellen- und Entwicklungsländern auftreten, stehen sie noch immer im Schatten der Infektionskrankheiten. Das muss sich ändern, zeigen internationale Studien.

Faiz Mohammad leidet seit vielen Jahren an Diabetes. Der 48-jährige Pakistaner muss in regelmäßigen Abständen in einer kleinen lokalen Gesundheitsstation Insulin kaufen. Die Informationen über das Krankheitsbild, die Mohammad dort bislang erhielt, haben zum Teil mehr zu Verwirrung als zu Klarheit geführt. Noch immer glaubt der Viehhalter, Diabetes sei eine sexuell übertragbare Krankheit. Die Leute in der Umgebung des dreifachen Vaters nehmen sogar an, Mohammad habe in der Vergangenheit etwas Schlimmes getan und sei dafür mit der Krankheit bestraft worden.*

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Chronische Krankheiten wie Krebs, Herzerkrankungen und Diabetes sind längst keine „Wohlstandskrankheiten“ mehr. 80 Prozent dieser nichtübertragbaren Krankheiten treten inzwischen in Schwellen- und Entwicklungsländern auf. Dies wirkt sich auf die Mortalitätsraten aus: Einem Bericht der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) aus dem Jahr 2002 zufolge sind 60 Prozent aller weltweiten Todesfälle die Folge dieser „non-communicable diseases“ (NCD). Bis 2020 soll ihr Anteil auf 73 Prozent weltweit steigen.

Foto: picture-alliance
Foto: picture-alliance

Damit vollziehen die Entwicklungsländer einen Prozess, für den die westliche Welt rund zwei Jahrhunderte benötigt hatte, in nur wenigen Jahrzehnten. „Das ist einer der Nachteile des Fortschritts“, sagt Sheana Tambourgi, Leiterin des Risikonetzwerks beim Weltwirtschaftsforum. Sie sieht die Ursachen für die Zunahme chronischer Erkrankungen in mangelnder Bewegung, zu fettem Essen, erhöhtem Tabak- und Alkoholkonsum – eben den Nebenwirkungen von Wohlstand und Verstädterung.

Industrialisierung und Urbanisierung nehmen zu

Am stärksten betroffen sein werden der WHO zufolge die Länder in der Western-Pacific-Region und in Südostasien sein. Schon jetzt sind chronische Erkrankungen für 51 Prozent aller Todesfälle in Südostasien verantwortlich, 89 Millionen Menschen werden wahrscheinlich in den nächsten zehn Jahren an diesen Krankheiten sterben – allein 60 Millionen mit hoher Wahrscheinlichkeit in Indien.

Die Gründe für diese Entwicklung liegen auf der Hand: „Die Menschen in Entwicklungsländern sind mittlerweile ähnlichen Belastungsfaktoren ausgesetzt wie die in entwickelten Ländern“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Hein vom German Institute of Global and Area Studies in Hamburg. Die Urbanisierung schreite voran, ebenso die Industrialisierung. Gleichzeitig mangele es an adäquaten Kontrollmechanismen, um die mit diesen Entwicklungen einhergehenden Belastungsfaktoren wie verunreinigtes Trinkwasser und schlechte Luftqualität zu reduzieren, meint der Mitherausgeber des Buches „Making Sense of Global Health Governance“.

Auch die Ergebnisse einer Untersuchung von Suman Kanungo et al. zu den Todesursachen von Indern, die in einem Slum in Kalkutta lebten, widerlegen die irrige Auffassung, chronische Erkrankungen träten überwiegend bei wohlhabenden Menschen auf. Danach gehören übertragbare Krankheiten zu den häufigsten Todesursachen der Slumbewohnern im Alter von über 40 Jahren. An erster Stelle standen kardiovaskuläre Erkrankungen, gefolgt von malignen Tumoren, Atemwegsleiden und Verdauungsstörungen.

Nach Ansicht von Dr. med. Peter Tinnemann vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin wird sich diese Entwicklung fortsetzen. „Arme Menschen ernähren sich schlecht, weil ihnen das Geld für ausgewogenes Essen fehlt. Außerdem neigen sie zum Rauchen und übermäßigem Alkoholkonsum“, sagt der Public-Health-Experte.

Gleichzeitig steige die Zahl der Slums in den Megastädten, weil die Politik bei der Armutsbekämpfung nicht mitgekommen sei, ergänzt Hein. Auch Tinnemann sieht hier maßgeblich die Politik in der Verantwortung. „Ohne ein Eingreifen der Politiker wird sich die Situation nicht verbessern.“

Eine negative Entwicklung geht auch aus internationalen Studien hervor. NCDs, heißt es, würden bis 2020 80 Prozent der Krankheitslast in Entwicklungsländern ausmachen – eine Entwicklung, die auch wirtschaftliche Auswirkungen nach sich zieht. In China beispielsweise, heißt es in dem WHO-Bericht „Preventing Chronic Diseases – a vital investment“, gingen bedingt durch Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Diabetes zwischen 2005 und 2015 558 Milliarden US-Dollar des Nationaleinkommens verloren. Damit wiegen die Verluste der Volksrepublik weitaus schwerer als die Indiens (236 Milliarden US-Dollar), der Russischen Föderation (303 Milliarden US-Dollar) oder die des Vereinigten Königreichs (circa 35 Milliarden US-Dollar).

Globale Netzwerke sollen geknüpft werden

Um die Entwicklung zu stoppen, hat die WHO im Mai 2008 eine Resolution über die Prävention und Kontrolle nichtansteckender Erkrankungen verabschiedet. Der darin formulierte Aktionsplan, der zwischen 2008 und 2013 umgesetzt werden soll, zielt in erster Linie darauf ab, mehr Aufmerksamkeit für die Zunahme von NCDs vor allem in Entwicklungsländern zu erzeugen.

Gleichzeitig wird angestrebt, Präventionsmaßnahmen zu entwickeln und diese durch die nationale Politik umzusetzen. Zudem sollen globale Netzwerke zur Prävention und Kontrolle nichtansteckender Erkrankungen geknüpft werden.

Der Arzt und Wissenschaftler Tinnemann hält Resolutionen wie diese zwar grundsätzlich für begrüßenswert, der weltweit starke Einfluss der Großindustrien, insbesondere der Tabak- und der Nahrungsmittelindustrie, führe allerdings dazu, dass die Umsetzung sinnvoller Präventionsmaßnahmen häufig jahrzehntelang dauere. „Man denke nur daran, wie schwer die deutsche Politik sich mit der Einführung eines Rauchverbots getan hat.“

Ein aktuelles Ziel internationaler Organisationen ist es, die Prävention chronischer Erkrankungen in den sogenannten Millennium Developments Goals (MDGs) zu verankern. Als die Weltgemeinschaft diese Ziele im Jahr 2000 formuliert habe, hätten NCDs noch nicht im Mittelpunkt gestanden, erinnert Hein. Denkbar wäre, die Bekämpfung chronischer Erkrankungen dem sechsten Punkt der MDGs (Die Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und anderen Erkrankungen) zuzuordnen. Dies wäre vor allem vor dem Hintergrund sinnvoll, dass mit Ausnahme Afrikas jährlich weitaus mehr Menschen an chronischen Erkrankungen sterben als an HIV/Aids, Malaria oder Tuberkulose.

Die Tatsache, dass chronische Erkrankungen öffentlich noch nicht als Problem der Entwicklungsländer erachtet werden, wirkt sich auch auf die internationale Spendenbereitschaft aus: 2002 wurden zwar 2,9 Milliarden US-Dollar für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten gespendet, der Betrag für die Bekämpfung nichtansteckender Erkrankungen betrug lediglich 0,1 Milliarden US-Dollar.

Martina Merten

* Geschichte stammt aus dem WHO-Bericht: „Preventing Chronic Diseases – a vital investment“

WHS – Programmpunkt

Am Montag, den 11. Oktober 2010, wird sich von 10.30 bis 12.30 Uhr eine Working Session mit dem Thema: „The Future is Chronic: Adapting Health and Sustainable Development to Epidemiological Transitions“ beschäftigen. Redner werden unter anderem Olivier Raynoud vom World Economic Forum und Hal Wolf von Kaiser Permanente sein. Geleitet wird die Sitzung von Dr. Ala Alwan von der Welt­gesund­heits­organi­sation und von Pekka Puska, Direktor des National Institute for Health and Welfare in Finnland.

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