ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2010Interview mit Prof. Dr. med. Detlev Ganten, Präsident des 2. World Health Summit in Berlin „Man hat ,Global Health‘ sträflich vernachlässigt“

WORLD HEALTH SUMMIT

Interview mit Prof. Dr. med. Detlev Ganten, Präsident des 2. World Health Summit in Berlin „Man hat ,Global Health‘ sträflich vernachlässigt“

Dtsch Arztebl 2010; 107(40): A-1914 / B-1677 / C-1649

Zylka-Menhorn, Vera

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Internationale Repräsentanten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft werden unter dem Motto „Translation – Transition – Transformation“ vom 10. bis 13. Oktober über Fragen der globalen Medizin diskutieren. Das Deutsche Ärzteblatt ist Medienpartner.

Herr Professor Ganten, wie soll sich der World Health Summit (WHS) 2010 von dem des Vorjahres unterscheiden?

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Ganten: Das Thema globale Gesundheit umfasst so viele unterschiedliche und wichtige Facetten, dass es immer eine Qual der Wahl ist. Die richtigen Prioritäten sind entscheidend. Die weltweite Zunahme chronischer Erkrankungen, der Klimawandel, die Wirtschaftskrise und die schwierigen Bedingungen für eine adäquate Gesundheitsversorgung und -forschung in vielen Teilen der Erde stellen uns vor so drängende Fragen, dass wir sie nur als Weltgemeinschaft und schrittweise lösen können. Aber auch die Globalisierung des Medizinstudiums oder neue Ausbildungsmodelle für Gesundheitsberufe in strukturschwachen Regionen erfordern eine enge Abstimmung zwischen dem akademischen System und der Politik.

Kritiker sagen, es gebe schon zu viele Veranstaltungen dieser Art. Welche Argumente setzen Sie dagegen?

Ganten: Wenn die Probleme der Weltgesundheit gelöst wären, wären auch solche Meetings überflüssig. Leider ist das Gegenteil der Fall. Die Diskussionen der Regierungschefs bei den Vereinten Nationen Ende September haben dies eindrücklich gezeigt. Die großen Millenniums-Entwicklungsziele bleiben also auf der Tagesordnung. Entscheidend ist es, die Strategien der verschiedenen Gruppen und deren unterschiedliche Interessen offen und unvoreingenommen zu diskutieren. Denn die Meinungen der Protagonisten können sich diametral gegenüberstehen: Die einen wollen Geld verdienen, die anderen die Welt verbessern – und manche am liebsten beides. Die M-8-Allianz der universitären Einrichtungen und Nationalakademien kann hier eine wichtige Rolle spielen.

Inwiefern?

Beim WHS geht es darum, diese Kontroversen offenzulegen und auf verschiedenen Ebenen zu kommunizieren – zuerst auf der Ebene der Entscheidungsträger, dann zwischen ihren Partnern und am Ende in die Öffentlichkeit hinein. Wenn wir die Öffentlichkeit nicht von notwendigen Veränderungen überzeugen können, sind die Politiker machtlos. Der Wissenschaft kommt hier argumentativ eine neutrale und entscheidende Bedeutung zu. Der World Health Summit hat sich daher erneut zum Ziel gesetzt, überzeugende Kernbotschaften zu formulieren, die Entscheidungsträgern zur Verfügung gestellt werden.

Die Wirtschaftskrise hat allerdings gezeigt, dass ungeregelte Finanzsysteme das globale Geschehen eher beeinflussen als Politiker und Wissenschaftler. Wie sollen sich die Teilnehmer des WHS dagegen mit ihren Ideen und Strategien durchsetzen können?

Ganten: Ja, es ist unbestritten, dass die Finanzkrise eine ganz besondere Gefährdung darstellt. Denn sie führt dazu, dass Krankenhäuser nicht gebaut, Kredite nicht gegeben und moderne Geräte und Medikamente nicht gekauft werden können. In der Folge sterben mehr Menschen – allerdings tragisch unauffällig, unspektakulär und im System verborgen, so dass nicht unmittelbar erkennbar wird, wie viel persönliches Leid auf die Finanzkrise zurückzuführen ist. Wir müssen auch solche und andere indirekte Faktoren deutlich machen und beispielsweise im Finanzbereich die Dinge schonungslos offenlegen.

Ist durch die Finanzkrise nicht viel Idealismus verloren gegangen?

Ganten: Nein, das glaube ich nicht. Katastrophen und Verbrechen hat es immer gegeben. Nur die Methoden sind heute andere, und das Ausmaß ist in der globalen Welt größer und in der Komplexität weniger leicht erkennbar. Die Welt ist nicht schlechter geworden. Die Zivilgesellschaft funktioniert erfreulich gut, und eine freie Presse und Berichterstattung hat heute mehr denn je weltweite Wirkung.

Finanzielle Hilfen sind wichtig, aber müssen die verfügbaren Mittel nicht effektiver eingesetzt werden, um eine höhere Wirksamkeit zu erreichen?

Prof. Dr. med. Detlev Ganten ist seit 2005 Vorsitzender des Stiftungsrats Stiftung Charité. Als Facharzt für Pharmakologie und molekulare Medizin war er Gründungsdirektor des Max- Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin- Buch. Von 2004 bis 2008 stand er dem Vorstand der Charité – Universitätsmedizin Berlin vor. Für seine Forschungen zur hormonalen Regulation der Hypertonie hat er hohe nationale und internationale Auszeichnungen erhalten. Foto: Georg J. Lopata
Prof. Dr. med. Detlev Ganten ist seit 2005 Vorsitzender des Stiftungsrats Stiftung Charité. Als Facharzt für Pharmakologie und molekulare Medizin war er Gründungsdirektor des Max- Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin- Buch. Von 2004 bis 2008 stand er dem Vorstand der Charité – Universitätsmedizin Berlin vor. Für seine Forschungen zur hormonalen Regulation der Hypertonie hat er hohe nationale und internationale Auszeichnungen erhalten. Foto: Georg J. Lopata

Ganten: Ja, auf jeden Fall. Der wirksamere koordinierte Einsatz vorhandenen Geldes hat eine ganz hohe Priorität. Um verbesserte Resultate zu erzielen, müssen einerseits verschiedene Finanzierungsmechanismen genutzt und diese an jedes landesspezifische System angepasst werden. Darüber hinaus ist die gegenseitige Rechenschaftspflicht ein absolutes „Muss“, also sowohl die Geldgeber als auch die Empfänger müssen zur Verantwortung gezogen werden können. Denn auch in der Entwicklungshilfe gilt: Man muss kritisch bewerten, was man tut. Dafür bedarf es der Qualitätskontrolle durch „health metrics“-Systeme – und zwar von Projektbeginn an. Die ist übrigens ein Schwerpunkt auf der Konferenz.

Wie soll Qualitätskontrolle in Entwicklungsländern funktionieren?

Ganten: Nun, nehmen Sie das Beispiel einer Ambulanz in einem Entwicklungsland. Am Anfang zählt man vielleicht nur, wie viele Leute dorthin kommen. Und weil pro Tag 1 000 Patienten versorgt werden, hält man das für einen Erfolg. Aber wie viele Menschen davon tatsächlich geheilt wurden, muss weiter verfolgt werden – erst über kurze, dann über längere Zeiträume. Die Evaluation wird immer detaillierter, so dass die Projektverantwortlichen auf solider Basis überlegen können, ob Aufwand und Erfolg in rechtem Maß stehen beziehungsweise welche Dinge konkret verändert werden müssen, um das Programm zu optimieren. Eine derartige selbstkritische, wissenschaftliche Bewertung ist zwingend.

Es gibt viele Initiativen und Institutionen, die das Thema globale Gesundheit adressieren. Konkurrieren diese untereinander? Oder gibt es ein Alleinstellungsmerkmal für den WHS?

Ganten: Vielfalt ist wichtig und hat einen hohen Stellenwert, sonst stirbt die Kreativität. Der World Health Summit, verbunden mit der M-8-Allianz, zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Nationalakademien und die akademische Forschung zusammengetan haben, um die Strategien zum Thema „global health“ mit den Methoden der Grundlagenforschung aufzubereiten und Verantwortung zu übernehmen. Diese Initiative ist von unschätzbarem Wert, weil die Nationalakademien und die Universitäten die Aufgabe haben, den Nachwuchs auszubilden und ihn für das Thema „global health“ zu sensibilisieren. Leider ist es in der Vergangenheit bei uns sträflich vernachlässigt worden, die Themen globale Gesundheit und Prävention im Medizinstudium ihrer Bedeutung entsprechend zu verankern.

Das heißt, dass sich die medizinische Ausbildung in den nächsten Jahren deutlich verändern muss . . .

Ganten: Ja, eindeutig. Die Ausbildung für die Mediziner hängt in diesem Punkt weit hinter den Erfordernissen her – und zwar weltweit, nicht nur in Deutschland. Sie bezieht weder den evolutionären Aspekt der Medizin ein noch in ausreichendem Maß die Prävention mit Aspekten wie Ernährung, Bildung, Gesundheitserhaltung und -erziehung. Bisher fühlen sich die Ärzte für diese Fragen nicht ausreichend verantwortlich.

Das klassische Bild, dass Ärzte erst ins Spiel kommen, wenn Krankheiten bereits entstanden sind, muss sich dahingehend verändern, dass Ärzte die Bevölkerung besser unterrichten, wie Krankheiten gar nicht erst entstehen. Prävention wird zwar gepredigt, aber nicht wirklich praktiziert.

Haben Sie dafür ein positives Beispiel?

Ganten: Ja, am Campus Berlin-Buch gibt es einen Kurs, bei dem kleinere Kinder über ihren Körper und Gesundheit unterrichtet werden. Solche und andere Programme müssen Kindergärten und akademische Einrichtungen anbieten, um nachhaltig Verhaltensveränderungen bei den Menschen zu bewirken. Je früher, desto besser.

Die sich verändernden gesellschaftlichen Ansprüche spiegeln sich demnach nicht im Medizinstudium wider?

Ganten: Nein, nicht ausreichend, deshalb wurde 1999 mit der Bologna-Deklaration der Entwicklungsprozess zu einem gemeinsamen europäischen Hochschulraum eingeleitet, in dem die Studiengänge auch für die Medizin auf das Bachelor-Master-System umgestellt und flexibilisiert wurden. Obwohl einige EU-Länder dies bereits umgesetzt haben, herrscht hierüber in Deutschland noch keine Einigkeit. Dabei gibt es durchaus Aufgaben in der Medizin, zum Beispiel die Präventionserziehung, die man hervorragend mit einem Bachelorabschluss ausführen kann. Aber diese Ansicht ist hierzulande bisher nicht konsensfähig. Australien und USA hingegen sind diesbezüglich sehr zukunftsgewandt.

Das Gespräch führte Dr. med. Vera Zylka-Menhorn.

DER WHS 2009 IN BUCHFORM

Die Ergebnisse des World Health Summit 2009 „The Evolution of Medicine“ hat der Deutsche Ärzte-Verlag als „Book of Proceedings“ herausgegeben. Das Buch ist eine lebendige Zusammenfassung der verschiedenen Schwerpunktthemen und ihrer Diskussion von Wissenschaftsjournalisten. Jedes Kapitel schließt mit Kernaussagen und den daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen (ISBN 978-3-7691-1291-7, 115 Seiten, broschiert, 12,50 Euro).

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