ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2010Interview mit Dr. Christine Bergmann, Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs: „Wir möchten die Erfahrungen der Ärzte und Psychologen nutzen“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. Christine Bergmann, Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs: „Wir möchten die Erfahrungen der Ärzte und Psychologen nutzen“

PP 9, Ausgabe Oktober 2010, Seite 440

Bühring, Petra; Rieser, und Sabine

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Christine Bergmann ist seit März dafür zuständig, aus Wünschen und Hinweisen sexuell Missbrauchter Empfehlungen für den Runden Tisch zu formulieren – eine erste Bilanz.

Frau Dr. Bergmann, nach Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle in Schulen und Internaten Anfang des Jahres wurde die Bundesregierung aktiv und setzte Sie als Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs ein. Wie ist die bisherige Bilanz Ihrer Arbeit?

Die gebürtige Dresdenerin Christine Bergmann war von 1998 bis 2002 Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin (SPD) unter Gerhard Schröder. In den 90er Jahren gründete die heute 70-Jährige als Berliner Arbeitsund Frauensenatorin unter anderem das Berliner Interventionsprojekt gegen häusliche Gewalt.
Die gebürtige Dresdenerin Christine Bergmann war von 1998 bis 2002 Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin (SPD) unter Gerhard Schröder. In den 90er Jahren gründete die heute 70-Jährige als Berliner Arbeitsund Frauensenatorin unter anderem das Berliner Interventionsprojekt gegen häusliche Gewalt.
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Bergmann: Als Unabhängige Beauftragte, als die ich zusammen mit dem „Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch“ eingesetzt wurde, habe ich drei Aufgaben: zum ersten, eine Anlaufstelle zu schaffen, also möglichst viel aufzunehmen von den Erfahrungen der Betroffenen sexuellen Missbrauchs. Zum zweiten, herauszufinden, welche Forderungen und Wünsche die Betroffenen und deren Angehörige an die Politik haben, also aufzuarbeiten. Die dritte Aufgabe ist es, Erfahrungen auszuwerten, die die Mitarbeiter in Beratungsstellen gesammelt haben. Zusätzlich würden wir auch gerne die Erfahrungen von Ärzten und Psychologen einbeziehen, die wir ausdrücklich bitten, sich zu melden.

Wie groß ist denn die Resonanz auf Ihre Angebote?

Bergmann: Wir haben inzwischen mehr als 1 200 schriftliche Berichte bekommen, überwiegend von Betroffenen. Die lese ich alle. Seit Ende Mai besteht auch eine telefonische Anlaufstelle, wo erfahrene Fachkräfte, Sozialpädagogen, Psychotherapeuten und Mediziner für Gespräche zur Verfügung stehen. Mittlerweile haben wir rund 3 200 Anrufe bekommen. Das ist schon eine ganze Menge.

Was machen Sie mit all den Berichten und Anregungen?

Bergmann: Die Arbeit soll schließlich in Empfehlungen für den Runden Tisch beziehungsweise für die Bundesregierung über materielle und immaterielle Hilfen für Betroffene münden. Dabei geht es nicht nur um sexuellen Missbrauch in Institutionen, sondern auch in der Familie, was es ein Stück schwerer macht.

Wer meldet sich denn überwiegend?

Bergmann: Überwiegend melden sich Menschen, bei denen der Missbrauch lange zurückliegt, bei vielen sogar Jahrzehnte. Das Durchschnittsalter der Betroffenen liegt zwischen 50 und 55 Jahren. Bei vielen wird deutlich, wie sehr dieses Geschehen in der Kindheit oder Jugend das ganze Leben beeinflusst hat und welche Schäden sie davongetragen haben. Schriftlich melden sich mehr Männer als Frauen. Viele Männer sprechen das erste Mal über den Missbrauch. Es ist erschreckend: Da ist jemand 70 geworden und hat eigentlich noch nie mit jemandem über das Erlebte reden können. Entweder, weil Sexualität in der damaligen Zeit tabuisiert war, oder aber, weil sie befürchteten, sowieso keine Hilfe zu bekommen.

Wie erklären sich die Betroffenen, dass sie keine Hilfe bekamen?

Bergmann: Diejenigen, die darüber gesprochen haben, sagen überwiegend, dass ihnen nicht geglaubt wurde. Sie sind zum Teil in den Institutionen noch dafür bestraft worden. Das ist dann gleich doppelter Missbrauch. Der Schutz der Institutionen kam vor der Hilfe für die Betroffenen. Erschütternd ist auch, dass der größte Teil massive, jahrelange Missbrauchserfahrungen schildert. Sie wurden zum Teil über Jahre von unterschiedlichen Tätern missbraucht. Inzwischen melden sich auch viele Opfer von sexueller Gewalt in der Familie, Fälle, die fast noch härter sind. Wenn die Mutter dem eigenen Kind nicht hilft, obwohl sie weiß, was passiert – das ist grausam.

Melden sich auch Kinder und Jugendliche bei Ihnen?

Bergmann: Kaum. Es melden sich aber die Mütter. Knapp ein Fünftel der Anrufer sind Kontaktpersonen, davon fast 70 Prozent Mütter. Das ist eine sehr hohe Quote.

„Die Erfahrungen der Ärzte interessieren uns sehr.“ – Christine Bergmann im Gespräch mit den DÄ-Redakteurinnen Sabine Rieser und Petra Bühring. Fotos: Georg J. Lopata
„Die Erfahrungen der Ärzte interessieren uns sehr.“ – Christine Bergmann im Gespräch mit den DÄ-Redakteurinnen Sabine Rieser und Petra Bühring. Fotos: Georg J. Lopata

Wie erklären Sie sich, dass sich die Betroffenen erst jetzt melden? Spielt die breite öffentliche Diskussion über Missbrauch eine große Rolle?

Bergmann: Ich denke schon. Eine gewisse Sensibilisierung hat in den letzten Jahren stattgefunden, die es leichter macht, darüber zu reden. Durch die Häufung von Missbrauchsfällen in renommierten Schulen und Institutionen, wie dem Canisius-Kolleg, ist das Thema mehr in die Mitte der Gesellschaft gedrungen. Man kann es nicht mehr in der Unterschicht verorten. Vielen macht es unsere Anlaufstelle, bei der sie anonym bleiben, aber wohl auch leichter, sich zu öffnen.

Was empfehlen die Fachkräfte der telefonischen Anlaufstelle den Betroffenen?

Die Fachkräfte können ein intensives Erstgespräch führen, dafür haben sie die entsprechende Qualifikation. Bei Bedarf nennen wir Hilfsangebote in der Nähe. Wir können aber keine Rechtsberatung machen, sondern nur Hinweise geben, wie beispielsweise das Vorgehen bei einer Anzeige ist. Wir fragen jeden Anrufer: Was hat Ihnen geholfen, was nicht? Welche Erwartungen an mich und an die Politik haben Sie?

Und was fordern die Betroffenen am häufigsten?

Bergmann: Nahezu alle fordern: Kümmert euch darum, dass es anderen Kindern nicht so geht, wie es mir ergangen ist. Gleich danach fordern sie die Anerkennung dessen, was sie erlebt haben, als bitteres Unrecht, von der Gesellschaft, aber am besten auch vom Täter. Das Bekenntnis der Schuld ist den Betroffenen wichtig, wenn auch schwer zu erreichen.

Eine Entschädigung oder materielle Hilfen scheinen, so wie Sie es schildern, nicht so wichtig zu sein?

Bergmann: Die Entschädigung spielt natürlich auch eine Rolle. Manche fordern die Finanzierung einer vernünftigen Psychotherapie. Viele wollen aber auch eine finanzielle Entschädigung, weil sie zum Beispiel sagen: Durch den Missbrauch habe ich Ausbildungen abgebrochen. Nichts lief mehr rund, zu niemandem konnte ich mehr Vertrauen fassen. Der Missbrauch zog sich durch mein Leben, und ich habe dadurch zu viele Nachteile erfahren. Eine finanzielle Entschädigung wird aber auch als ein Anerkennen des Unrechts gesehen.

Sie sagten, dass die Fachkräfte bei Bedarf auf Beratungsstellen verweisen. Sind diese denn für einen möglichen Ansturm gerüstet?

Bergmann: Die Beratungsstellen müssen natürlich entsprechend ausgestattet werden. Viele, die gute Arbeit machen, kämpfen von Jahr zu Jahr um eine halbe Stelle, um ein paar Euro für einen Flyer oder darum, eine Fortbildung für Schulen anbieten zu können. Es muss ein kontinuierliches, qualitativ gutes Angebot abgesichert sein, das den Betroffenen zeitnah helfen kann. Ich glaube, hier wird kräftig nachzubessern sein. Vor allen Dingen fehlt es an Angeboten für Männer. In Großstädten wie Berlin gibt es zwar eher Angebote, auf dem Land sieht es aber sehr viel schlechter aus, weil es dort immer noch ein tabuisiertes Thema ist.

Wie beurteilen Sie die neuen Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz, die Anfang September vorgelegt wurden?

Bergmann: Die Leitlinien sind ein Schritt in die richtige Richtung. Sie müssen natürlich konsequent umgesetzt werden. Es gibt aber auch Kritikpunkte, beispielsweise bei der Auswahl der Beauftragten als Ansprechpartner für Verdachtsfälle auf sexuellen Missbrauch. Nach den neuen Leitlinien sollen die beauftragte Personen der Diözese angehören. Eine Einschränkung besteht zwar darin, dass, wenn es nur ein Beauftragter ist, dieser nicht zur Leitung des Bistums gehören soll. Werden mehrere beauftragt, soll mindestens einer nicht zur Leitung gehören. Für mich stellt sich dabei die Frage der Unabhängigkeit. Eigentlich zeigt die Erfahrung bei allen Institutionen, dass es besser ist, jemanden von außen einzusetzen, damit Vertrauen aufgebaut werden kann.

Sehen Sie weitere Punkte der neuen Leitlinien kritisch?

Bergmann: Auch die Anzeigepflicht steht in der Diskussion. Die Leitlinien sehen vor, dass die Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden entfallen soll, wenn das Opfer dies ausdrücklich wünscht. Das finde ich richtig, weil eigentlich alle Beratungsstellen empfehlen, die Betroffenen selbst entscheiden zu lassen, ob das Vergehen angezeigt werden soll. Die Befürchtung ist, dass bei einer Verpflichtung die Betroffenen gar nicht mehr zu einer Aussage bereit sind.

Was hat Sie bewogen, die Aufgabe der Unabhängigen Beauftragten zu übernehmen?

Bergmann: Ich habe in meinem politischen Leben immer schon zu häuslicher Gewalt, gewaltfreier Erziehung und Ähnlichem gearbeitet. Das sind Themen, die treibt man voran, weil sie einem wichtig sind, oder man sollte es lassen. Da kann man eigentlich nicht Nein sagen, wenn eine entsprechende Anfrage kommt.

Belastet die jetzige Tätigkeit Sie manchmal?

Bergmann: Es ist belastend, natürlich. Ich lese, wie gesagt, alle Briefe von Betroffenen. Es ist furchtbar für mich, mir vorzustellen, was der Missbrauch für diese Menschen nach wie vor täglich bedeutet. Manchmal lese ich Schilderungen, 20 Seiten handschriftlich, und am Ende steht der Satz: Warum schreibe ich Ihnen das eigentlich? Ich wollte es einfach mal loswerden. Dann spüre ich, dass diese Arbeit Sinn macht.

Wie sehen die nächsten Schritte aus in der Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs?

Bergmann: Wir werden dem Runden Tisch, erste Ergebnisse vorlegen. Außerdem starten wir jetzt die Kampagne „Das Schweigen brechen“, die diese Botschaft über Fernsehspots, Plakate, Flyer, Postkarten und Anzeigen verbreitet. Wir hoffen, dass dadurch noch mehr Betroffene und Kontaktpersonen – wie eben auch die Ärzte – den Mut finden, sich bei unserer telefonischen Anlaufstelle zu melden. Das Thema muss über aktuelle Skandalfälle hinaus auf der Tagesordnung bleiben.

Das Interview führten Petra Bühring
und Sabine Rieser.

Die telefonische anlaufstelle

Unter der kostenfreien Rufnummer 0800 2255530 der Unabhängigen Beauftragten können Betroffene sexuellen Missbrauchs und Angehörige mit Fachkräften aus der Sozialpädagogik, Psychologie und Medizin sprechen. Sie zeigen Möglichkeiten der Hilfe und Beratung auf.

Ärztinnen und Ärzte werden gebeten, sich zu melden, um von ihren Erfahrungen zu berichten oder um Anregungen zum weiteren Umgang mit Betroffenen zu bekommen. Alle Anliegen können auch schriftlich gerichtet werden an:

Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, 11018 Berlin, Fax: 030 1855541555, E-Mail:
kontakt@ubskm.bund.de pb

Der Runde Tisch

Der „Runde Tisch Sexueller Kindesmissbrauch“ wurde mit Kabinettsbeschluss vom 24. März von der Bundesregierung eingerichtet. Die gleichzeitig eingesetzte Unabhängige Beauftragte ist Mitglied des Runden Tisches und hat die Aufgabe, die Anliegen der Betroffenen in Empfehlungen für dieses Gremium umzusetzen. Der Runde Tisch steht unter dem Vorsitz der Bundesministerinnen Kristina Schröder (Familie, Senioren, Frauen und Jugend), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (Justiz) und Annette Schavan (Bildung und Forschung). Circa 60 Vertreter von Kinderschutzverbänden, Beratungsstellen, Familienverbänden, Schul- und Internatsträgern, der freien Wohlfahrtspflege, den beiden Kirchen, der Wissenschaft, von Rechtswesen und der Politik nehmen daran teil. Der Runde Tisch soll in drei Arbeitsgruppen (1. Prävention, Intervention und Information, 2. Durchsetzung von Strafansprüchen, rechtspolitische Folgerungen, 3. Forschung und Lehre) Maßnahmen zum Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch erarbeiten und umsetzen. pb

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