ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2010Kinder- und Jugendärzte: Ein Kampf ums Kind

POLITIK

Kinder- und Jugendärzte: Ein Kampf ums Kind

PP 9, Ausgabe Oktober 2010, Seite 451

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

In manchen Regionen fehlen längst Haus- und Kinderärzte – Tendenz steigend. Doch die bisherigen Hausarztverträge förderten keine sinnvolle Kooperation, sondern drängten Kinderärzte aus der Versorgung, kritisiert deren Verband.

Wenn sich der Kollege Prof. Dr. med. Karl Lauterbach öffentlich äußert, regt das Ärzte schon einmal auf. Doch vielen Kinder- und Jugendärzten hat Lauterbach, mittlerweile gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, unlängst wohl aus der Seele gesprochen. „Ich halte es für falsch, dass schwer kranke Kinder in Hausarztverträge eingeschrieben werden, und der Hausarzt dann nur marginal qualifiziert ist, diese Versorgung anzubieten“, erklärte Lauterbach vor kurzem. Der Oppositionspolitiker forderte, die medizinische Versorgung des Nachwuchses ausschließlich in die Hände von Kinder- und Jugendärzten zu legen.

So weit würden in Kenntnis der bestehenden Versorgungs- und Nachwuchsprobleme sicher nicht alle Kinderärzte gehen. Doch Dr. med. Wolfram Hartmann, der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (bvkj), stellte aktuell erneut klar: „Wir wollen verhindern, dass in Zukunft der Hausarzt die Grundversorgung der Kinder- und Jugendärzte macht.“

Anzeige

Sein Argument: Die Kinderärzte diagnostizierten und behandelten den Nachwuchs aufgrund ihrer Kenntnisse aus der Weiterbildung unter einem weiten Blickwinkel. „Wir machen nicht nur Medizin, wir machen Sozialmedizin und Pädagogik.“ Die Anforderungen an Kinder- und Jugendärzte seien im Vergleich zu früher erheblich gewachsen, betonte der bvkj-Präsident. Nach seinen Worten sind mehr chronisch kranke Mädchen und Jungen ambulant zu betreuen, dazu mehr sozial benachteiligte Kinder.

Dass die Kinder- und Jugendärzte in letzter Zeit derart deutlich auf ihre Kompetenzen hinweisen, hat einen Grund: die Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung nach § 73 b Sozialgesetzbuch V. So, wie sie ausgestaltet seien, schränkten sie „die freie Arztwahl ein und verleiten Hausärzte, die bisher wenig Kinder behandelt haben, dazu, dies zu tun“, kritisiert Hartmann. Gemeint sind damit vor allem die kontaktunabhängigen Pauschalen, die für eingeschriebene Patienten bezahlt werden.

Hausärzte: Kritik an Röslers Kinderarzt-Vorliebe

Der bvkj ist zudem in Sorge, dass Eltern durch Hausarztverträge verunsichert werden, ob sie mit ihrem eingeschriebenen Kind noch zum Kinderarzt gehen dürfen oder nicht. Dass diese Entscheidung komplizierte und verzerrende Honorareffekte für die beteiligten Ärzten nach sich zieht, kommt noch hinzu.

Ob Eltern ihre Kinder aus Überzeugung vom Hausarzt behandeln lassen oder weil der nächste Kinderarzt weit weg praktiziert, ob sie sie freiwillig einschreiben oder dazu überredet wurden – dazu gibt es keine offiziellen Daten. Offiziell ist nur der anhaltende Streit darüber zwischen dem Deutschen Hausärzteverband (HÄV) und dem bvkj. Auf der jüngsten Delegiertenversammlung des HÄV wurde ein Antrag verabschiedet, in dem eine Äußerung von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler (FDP) missbilligt wurde „angesichts der millionenfachen Behandlung von Kindern durch Hausärzte“. Rösler hatte in einem Interview erklärt: „Meine Kinder sind jetzt zwei – und ich würde nicht im Traum darauf kommen, mit ihnen zum Hausarzt zu gehen.“

So urteilt nicht jeder. In Bayern hat die AOK zwei Verträge abgeschlossen, einen mit dem HÄV, einen mit dem bvkj. Dort können Eltern sich entscheiden, in welchen Vertrag sie ihr Kind gegebenenfalls einschreiben. Für den HÄV-Vertrag haben sich bis Ende September 2,6 Millionen Versicherte entschieden; wie viele Kinder darunter sind, war bis Redaktionsschluss nicht zu ermitteln. Im März waren es etwa 200 000. Im Kinderarztvertrag sind derzeit circa 180 000 Kinder und Jugendliche eingeschrieben.

In Baden-Württemberg gibt es nur einen Vertrag zwischen AOK und HÄV/Medi – ohne Altersgrenze. In ihn sind derzeit 935 000 Versicherte eingeschrieben, darunter 51 000 Kinder. Etwa 19 000 von ihnen sind bis zu zehn Jahre alt.

Sabine Rieser

ADHS: STRENGERE VORGABEN

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat den Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) begrüßt, wonach an die Verordnung von Methylphenidat-haltigen Arzneimitteln an Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADS/ADHS) strengere Anforderungen gestellt werden als bisher.

„Die Diagnose muss künftig noch umfassender als bisher gestellt werden, und die Verordnung darf nur noch von einem Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen erfolgen“, teilte der G-BA mit. Dazu zählen unter anderem Kinder- und Jugendärzte, Kinder- und Jugendpsychiater, Nervenärzte und Neurologen. Damit die Versorgung im ländlichen Raum gesichert ist, dürfen in Ausnahmefällen auch Hausärzte Folgeverordnungen vornehmen.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hat darauf hingewiesen, dass ADHS von 2011 an nicht mehr zu den Erkrankungen gehören wird, deren Behandlungskosten durch den morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich abgedeckt sind. Innovative Verträge und Modelle für eine bessere Behandlung stünden deshalb auf der Kippe.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema