ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2010Gesundheitstelematik: Mehrwert im Mittelpunkt

POLITIK

Gesundheitstelematik: Mehrwert im Mittelpunkt

PP 9, Ausgabe Oktober 2010, Seite 454

Krüger-Brand, Heike E.

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Nach dem Neustart des Telematikprojekts ist klar: Es geht nicht um eine Karte, sondern um eine sichere Infrastruktur für Anwendungen und Dienste, die am Nutzen und Bedarf ausgerichtet sind.

Von Telematikanwendungen wie der elektronischen Fallakte oder dem Not­fall­daten­satz profitieren Ärzte und Patienten. Foto: Fotolia
Von Telematikanwendungen wie der elektronischen Fallakte oder dem Not­fall­daten­satz profitieren Ärzte und Patienten. Foto: Fotolia

Zwar war Bundesgesundheits­minister Philipp Rösler durch die Haushaltsdebatte im Parlament verhindert, die Eingangsrede zur „eHealth Conference 2010“* in Hannover wie angekündigt selbst zu halten. Doch ließ er es sich nicht nehmen, beim Abendempfang im Neuen Rathaus zum Thema E-Health zu sprechen. „Wir haben ein klares Bekenntnis zur modernen Tele­ma­tik­infra­struk­tur für das Gesundheitswesen im Koalitionsvertrag formuliert“, betonte Rösler. Allerdings müssten drei Dinge erfüllt sein: der Nutzen für die Patienten, die Praktikabilität im Arbeitsalltag und der Datenschutz, denn „es gibt keine sensibleren Daten als Gesundheitsdaten“. Die Gespräche mit der Selbstverwaltung seien nach der Bestandsaufnahme jetzt auf einem guten Weg. Man werde drei Maßnahmen im Rahmen des Basisrollouts auf den Weg bringen: den Versichertenstammdatendienst, die Arzt-zu-Arzt-Kommunikation und den Not­fall­daten­satz. Modular sollen dann weitere Elemente hinzukommen, wie das elektronische Rezept, das nicht aus politisch-inhaltlichen Gründen, sondern an der Praktikabilität gescheitert sei, oder der Einzug der Praxisgebühr über die elektronische Gesundheitskarte (eGK). „Der eGK-Basisrollout ist daher nur der Anfang“, sagte der Minister. So könne eine moderne Tele­ma­tik­infra­struk­tur beispielsweise für die Versorgung im ländlichen Raum ein wichtiges Hilfsmittel sein. Rösler verwies auch auf Projekte zur elektronischen Patientenakte (ePA): „Ich habe mir Modelle der ePA angesehen, wie etwa ‚ProspeGKT‘ von der Knappschaft. Das funktioniert, und das sollte uns Mut machen.“

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Bürokratieabbau durch die Gesundheitskarte

Der Neustart und die damit verbundene Zäsur im Telematikprojekt hat bei allen Beteiligten der Selbstverwaltung dazu geführt, über das Wie einer sicheren Infrastruktur erneut nachzudenken, denn der Bedarf an sektorübergreifenden Kommunikationslösungen und IT-gestützten Prozessen wächst. „Viele Niedergelassene beklagen sich über zu viel Bürokratie. Die elektronische Gesundheitskarte bietet viele Möglichkeiten, diese abzubauen. Davon können auch die Patienten nur profitieren“, erklärte Dr. med. Carl-Heinz Müller, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die KBV setze sich zum Beispiel dafür ein, dass auf der Karte vermerkt werde, ob der Versicherte die Praxisgebühr und andere Zuzahlungen, etwa für Arznei- und Heilmittel, in dem entsprechenden Quartal bereits bezahlt habe. „Dadurch müssen die Praxen keine Quittungen mehr ausstellen und die Patienten diese nicht mehr aufbewahren“, sagte der KBV-Vorstand. „Langfristig kann ich mir sogar vorstellen, dass die Praxisgebühr beim ersten Arztbesuch im Quartal automatisch von der eGK abgebucht wird – immer vorausgesetzt, der Patient ist mit diesem Verfahren einverstanden.“

Müller plädierte aus Sicherheitsgründen zudem für eine dezentrale Speicherung der Patientendaten. „Die Daten müssen aber zugänglich sein. Das setzt voraus, dass die Krankenhäuser und die niedergelassenen Ärzte ihre Systeme für andere öffnen.“ Der kürzlich vorgestellte „eHealth-Report“ der Bundes­ärzte­kammer habe gezeigt, dass die befragten Ärzte der Datensicherheit kritisch gegenüberstünden. „Hier müssen wir weiter handeln, um für die höchste Sicherheit von Patienten- und Praxisdaten zu sorgen“, betonte Müller. Dennoch ist der KBV-Chef davon überzeugt: „Das Vertrauen in die Technik wird wachsen durch die Anwendungen.“

Fallakte als beispielhaftes Migrationsprojekt

Eine Anwendung, die mit dem Neustart des eGK-Projekts verstärkt in den Blickpunkt gerückt ist und die derzeit in ersten Piloten umgesetzt wird, ist die elektronische Fallakte (eFA). Im Unterschied zur (potenziell lebenslang geführten) elektronischen Patientenakte werden in einer eFA jeweils nur die Daten zu einem medizinischen Fall zusammengeführt. Dafür müssen die teilnehmenden Kliniken und Praxen ihre lokalen Daten selektiv den anderen Partnern zur Verfügung stellen. Die behandelnden Ärzte erhalten durch die Fallakte eine strukturierte Sicht auf die Daten.

Initiiert wurde die eFA 2006 zunächst von den privaten Klinikketten Asklepios, Rhön, Sana und der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik. Inzwischen hat sie sich zu einem bundesweiten Standard für die fallbezogene Kommunikation für alle Leistungserbringer entwickelt und soll zudem in die geplante Tele­ma­tik­infra­struk­tur integriert werden. „Auch der niedergelassene Arzt profitiert davon. Er hat alle Informationen zum Behandlungsprozess im Krankenhaus auf Knopfdruck auf seinem Bildschirm“, erläuterte Jörg Meister von der DKG. Ähnliches gelte auch für andere Anwendungen und Mehrwertdienste. Daher haben die Gesellschafter der Gematik das Projekt „Migration von Gesundheitsdatendiensten in die Tele­ma­tik­infra­struk­tur am Beispiel der eFA“ als zusätzliches Projekt unter Federführung der DKG beschlossen. Ziel sei es, von Insellösungen wegzukommen und am Fall der eFA zu demonstrieren, wie Interoperabilität zwischen den Anwendungen der Tele­ma­tik­infra­struk­tur hergestellt werden könne, sagte Meister.

Notfalldaten oder klinischer Basisdatensatz?

Die Orientierung am Nutzen soll künftig auch die Anwendung des Not­fall­daten­satzes bestimmen. Vom Stand der Arbeiten berichtete Dr. med. Johannes Schenkel aus dem Telematik-Dezernat der Bundes­ärzte­kammer, die nach dem Relaunch des eGK-Projekts die Verantwortung für diese Anwendung übernommen hat. Die gewonnenen Einsichten aus den früheren Testmaßnahmen sind vielfältig: So entsprach der Datensatz nicht dem Bedarf der Nutzer, die Einsatzszenarien waren zu eng gefasst, und die Handhabung war viel zu umständlich – der Patient musste mehrmals seine PIN eingeben. Eine Datenübernahme aus den Praxis-EDV-Systemen war nicht möglich. Auch wurde die Anlage eines Not­fall­daten­satzes nicht eingeübt.

„Wir wissen noch nicht genau, wie der Not­fall­daten­satz eigentlich aussehen sollte, denn die medizinisch-inhaltlichen Fragen sind bislang nicht ausreichend evaluiert“, betonte Schenkel. So sei die Gruppe der Ärzte, die den Datensatz anlege und pflege (die Hausärzte), eine andere als diejenige, die ihn nutze (die Notärzte). Entscheidend sei, dass der Datensatz vom Nutzungsszenario abhängig sei. Nach Schenkel sind bei der Konzeption eines Not­fall­daten­satzes drei Szenarien zu bedenken: Das erste Szenario betrifft die Rettungsmedizin, das heißt die präklinische Versorgung des Patienten durch den Rettungsdienst. Dabei kommt es vor allem auf Datensparsamkeit an, denn der Notarzt benötigt nur sehr komprimierte Daten, etwa eine Liste notfallrelevanter Diagnosen und Medikamente. Im zweiten Szenario geht es um das ungeplante Eintreffen eines Patienten in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Hier dürfte ein höherer Detaillierungsgrad der medizinischen Informationen erforderlich sein. Das dritte Szenario spielt im ambulanten Sektor: Der Arzt muss einen ihm unbekannten Patienten mit Akutbeschwerden versorgen. Hierbei geht es um den Arzt, der den Datensatz erstellt und pflegt und der daher auf eine gute Unterstützung durch sein Praxisverwaltungssystem angewiesen ist.

Hinzu kommen Überlegungen, zwei Informationsblöcke auf der eGK anzulegen: Der eine enthält die notfallmedizinisch relevanten Informationen, der zweite persönliche Erklärungen des Patienten, etwa zur Organspende, oder Hinweise darauf, ob eine Patientenverfügung oder eine Vorsorgevollmacht hinterlegt ist. Während die Notfalldaten nur in einer geschützten Umgebung, zum Beispiel in Gegenwart eines Arztes, ausgelesen werden dürfen, sollen die Angaben im zweiten Block jederzeit vom Patienten am Patientenkiosk verändert werden dürfen.

Heike E. Krüger-Brand

*„Telematik bringt mehrWERT“, 14./15. September 2010, veranstaltet von der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e.V., vom Bundesministerium für Gesundheit und vom Ministerium für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration des Landes Niedersachsen

Gesundheitskarte und neuer Personalausweis

Eine Lösung, die die Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) mit denen des neuen Personalausweises (nPA) verknüpft, hat die KKH-Allianz zusammen mit Atos Worldline bei der „eHealth Conference“ in Hannover vorgestellt. So demonstrierte die Krankenkasse die Aktualisierung von Versichertenstammdaten auf der eGK sowie die Zahlung der Praxisgebühr und individueller Gesundheitsleistungen mit der Karte. Möglich sind diese Anwendungen durch ein IT-Sicherheitskit. Dabei handelt es sich um ein Kartenlesegerät (SCM Microsystems), das sowohl den nPA, die Krankenversichertenkarte als auch die eGK verarbeiten kann. Versicherte der Krankenkasse erhalten dieses Gerät, mit dem sie in Kombination mit dem nPA, einer speziellen Software und vorheriger Online-Registrierung ihre Identität im Internet nachweisen können, ab Oktober auf Wunsch kostenfrei.

Kritiker der Lösung bemängeln, dass deren Sicherheit nicht ausreichend sei, weil das Lesegerät kein eigenes Tastenfeld für eine PIN-Eingabe beinhalte, so dass der Anwender hierfür die PC-Tastatur nutzen müsse. Diese kann jedoch bei korrumpierten PCs über sogenannte Keylogger von Hackern ausgelesen werden. Die KKH-Allianz hat dagegen betont, dass bei der Entwicklung der Schutz der Versichertendaten vor dem Zugriff Unbefugter durch ein spezielles Verschlüsselungsverfahren gewährleistet sei.

Die Mittel für die Finanzierung des Kartenlesers stammen aus dem IT-Investitionsprogramm der Bundesregierung, die damit die Akzeptanz des nPA fördern will, der ab November 2010 erhältlich ist.

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