ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2010Ethik in der Psychotherapie – Patientenrecherche: Die Grenzen sind fließend

THEMEN DER ZEIT

Ethik in der Psychotherapie – Patientenrecherche: Die Grenzen sind fließend

PP 9, Ausgabe Oktober 2010, Seite 459

Sonnenmoser, Marion

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Holt der Therapeut Informationen über Patienten im Internet ein, muss bewusst zwischen persönlicher Neugier und beruflichem Nutzen unterschieden werden. Im Vordergrund stehen die Patienteninteressen.

Das Internet ist eine Fundgrube: Suchmaschinen, Foren, soziale Netzwerke und persönliche Homepages liefern sekundenschnell und mit nur wenigen Mausklicks eine Vielzahl an Informationen, Bildern und Videos und legen auf diese Weise Vergangenheit und Gegenwart, Privates und Berufliches von Millionen Menschen dar. Dieses Angebot ist verlockend und kann dazu genutzt werden, sich einerseits selbst zu präsentieren und sich andererseits über andere Personen zu informieren.

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Besonders für die jüngere Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist, ist es selbstverständlich, Beziehungen übers Internet zu knüpfen und sich per Internet ein Bild von ihren Mitmenschen zu machen. Zu ihnen gehören auch viele junge Ärzte, Psychiater und Psychotherapeuten, die gerade ins Berufsleben treten oder erst wenige Jahre beruflich tätig sind. Es liegt daher nahe, dass sie auch über ihre Patienten Informationen per Internet einholen, also „Patientenrecherchen“ durchführen.

Schon allein die Eingabe des Patientennamens in eine Suchmaschine kann zahlreiche Informationen zutage fördern. Noch ergiebiger sind jedoch private Homepages und soziale Netzwerke (zum Beispiel Facebook, MySpace), denn dort offenbaren die Mitglieder oft sehr persönliche Meinungen, Erlebnisse, Aktivitäten, Inter- essen und Vorlieben sowie Foto- und Videomaterial. Um nicht jedem Internetnutzer Einblick in diese private Welt zu gewähren, sollten die Mitgliederseiten eigentlich vor nichtberechtigten Einblicken durch Dritte geschützt werden. Tatsächlich bemüht sich aber nur etwa ein Drittel der Mitglieder, teils aus Leichtsinn, teils aus Unwissenheit, um entsprechende Sicherheit und wirksamen Schutz. Daraus folgt, dass persönliche Informationen oft sehr leicht und für jedermann zugänglich sind und entsprechend genutzt oder missbraucht werden können.

Vom Nutzen einer Recherche

Einen Nutzen im Rahmen einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung verspricht eine Patientenrecherche per Internet dann, wenn Gefahr droht und wenn Schaden von einem Patienten abgewendet werden kann. Diese Meinung vertreten Psychiater und Psychotherapeuten um den niedergelassenen Psychiater Geoffrey Neimark aus Ardmore (USA). Sie befassten sich mit dem Fall eines 38-jährigen Mannes, der sich in einer Klinikambulanz vorgestellt hatte. Er nahm Kokain und hegte Suizidgedanken, ohne jedoch konkrete Suizidpläne zu äußern. Zudem behauptete er, dass er keine ernsthaften Suizidversuche in der Vergangenheit unternommen habe. Daher beschloss die Klinikleitung, den Mann als wenig suizidgefährdet einzustufen und ihn zu entlassen. Neimark und Kollegen zweifelten jedoch an der Glaubwürdigkeit der Aussage und führten eine Internetrecherche durch. Sie fanden einen Zeitungsbericht, nach dem sich der Patient drei Monate zuvor von einer Brücke in einen Fluss gestürzt hatte, um sich umzubringen. Er wurde von der Polizei gerettet und kurzzeitig in eine psychiatrische Abteilung gebracht. Die Selbstaussage des Patienten stand also im Widerspruch zu den Tatsachen, was allerdings nur durch die Internetrecherche aufgedeckt werden konnte. Letztere führte dazu, dass der Mann als gefährdet eingestuft wurde und eine adäquate Behandlung erhielt.

Internet kann machmal die einzige Quelle sein

Eine Internetrecherche kann also vertretbar und nötig sein, wenn Zweifel an den Selbstaussagen eines Patienten aufkommen. Dasselbe trifft zu, wenn der Patient nicht ansprechbar ist (zum Beispiel weil er sich in einer akuten Krankheitsphase befindet, bewusstlos ist oder unter Schock steht), sich nicht erinnern kann (etwa aufgrund einer Schädelverletzung oder von Demenz) und auch keine Angehörigen oder behandelnden Ärzte vorhanden oder verfügbar sind. Das Internet ist dann oft die einzige Quelle, um etwas über den Patienten zu erfahren. Darüber hinaus lassen sich im Internet Hinweise unter anderem auf Gewaltdelikte, Drogenmissbrauch, private und berufliche Beziehungen, sexuelle Aktivitäten und auf die finanzielle Lage von Patienten sowie Fotos, Videomaterial, Gerichtsreportagen und Zeitungsmeldungen finden, die im klinischen Sinne eingesetzt werden können, um sich in Patienten hineinzuversetzen und deren Zustand, die aktuelle Situation und mögliche Reaktionen einschätzen zu können.

Die Grenzen zwischen Nutzen und Missbrauch bei der Patientenrecherche sind jedoch fließend. Missbrauch liegt zum Beispiel vor, wenn es dem Behandler darum geht, seine Neugier zu befriedigen, wenn er gewohnheitsmäßig und ohne nachzudenken andere Menschen „ausspioniert“, wenn er sich durch sein Wissen einen Vorteil verschafft oder wenn Voyeurismus und Sensationsgier mit im Spiel sind. Dem Recherchetreibenden selbst drohen Gewissenskonflikte. Beispielsweise kann es passieren, dass er unerwartet mit unerfreulichen und kompromittierenden Bildern, Meinungen oder Informationen konfrontiert wird und zum Beispiel feststellen muss, dass ein Patient ein bekannter Gewalttäter war, in Pornofilmen mitspielt, einer radikalen Partei oder Sekte angehört oder sich zu Drogen bekennt, obwohl er gerade eine Suchttherapie macht. „Das Wissen um solche Dinge ist kein Gewinn, sondern eher eine Belastung“, meinen Psychiater um Brian Clinton vom McLean Hospital in Belmont (USA). Das Problem für den Psychotherapeuten oder Arzt besteht darin, wie er reagieren soll und darf. Soll er beispielsweise eine Behandlung abbrechen, weil ihm der Gewalttäter oder Sektenguru nicht geheuer ist, obwohl dieser sich in den Sitzungen bisher unauffällig und freundlich verhalten hat? Darf er sich die Fotos und Filme einer Patientin ansehen, die sich im Internet sehr freizügig gibt? Solche Fragen können jederzeit aufkommen. Sie zeigen, dass es im Zusammenhang mit Patientenrecherchen nicht nur um Berufsethik, sondern auch um Einstellungen und Gefühle geht, die wiederum die Haltung gegenüber dem Patienten, das Arbeitsbündnis und den weiteren Therapieverlauf beeinflussen.

Nach Meinung von Clinton und Kollegen können sämtliche Informationen, die hinter dem Rücken des Patienten erkundet werden, Psychotherapeuten und Ärzten Gewissenskonflikte bereiten, und zwar unabhängig davon, ob sie brisant oder eher harmlos sind. Mit dem Einholen von Informationen ohne Wissen des Patienten überschreitet der Behandler nämlich eine ethische Grenze: Er verletzt die Privatsphäre des Patienten, sogar dann, wenn der Patient absichtlich oder unbeabsichtigt persönliche Informationen im Internet zugänglich macht. Denn nach wie vor gilt: Der Therapeut oder Arzt weiß offiziell nur das über den Patienten, was dieser ihm mitteilt, was Angehörige und kooperierende Behandler berichten und was in der Krankenakte steht. Dies unterliegt der Schweigepflicht und muss vertraulich behandelt werden. Gilt das jedoch auch für Informationen, die außerhalb des Therapiesettings eingeholt werden? Die Frage ist nicht geklärt und kann Ärzte und Psychotherapeuten in ein Dilemma stürzen: Einerseits verfügen sie über zusätzliche Informationen, die zum Nutzen des Patienten in die Therapie eingebracht werden können, andererseits verlieren sie möglicherweise das Vertrauen des Patienten, wenn dieser erfährt, dass eine Patientenrecherche stattgefunden hat oder wenn er auf etwas angesprochen wird, das zwar im Internet steht, das er aber aus bestimmten Gründen dem Therapeuten (noch) nicht mitteilen wollte.

Ethische Richtlinien gibt es noch nicht

Der Umgang mit Informationen aus dem Internet ist in der Psychotherapie eine Gratwanderung. Da noch keine ethischen Leitlinien von Berufsverbänden, Fachgesellschaften oder anderen Institutionen dazu existieren, schlagen Clinton und Kollegen Folgendes vor:

Es ist legitim, Internetrecherchen durchzuführen, wenn ein Patient (oder Therapeut) sich in Gefahr befindet und keine, zu wenige oder nicht vertrauenswürdige Informationen zur Verfügung stehen, um die Gefahr abzuwenden. Dennoch sollte immer zuerst geprüft werden, ob Informationen auf herkömmlichem Weg (zum Beispiel durch die Befragung von Angehörigen oder über Unterlagen) eingeholt werden können. Sollte es sich im Laufe einer Therapie als sinnvoll und nützlich erweisen, im Internet zu recherchieren, sollte der Patient vorher darauf angesprochen und um Erlaubnis gebeten werden („informed consent“). Darüber hinaus ist es unbedenklich, die Homepage eines Patienten oder seine Mitgliederseite aufzusuchen, wenn dieser den Arzt oder Psychotherapeuten ausdrücklich dazu einlädt oder auffordert.

Als ethisch bedenklich gelten hingegen heimliche und vom Patienten nicht genehmigte Recherchen, die Weitergabe der Ergebnisse von Patientenrecherchen, die Nutzung der Ergebnisse von Patientenrecherchen, sofern sie nicht dem Patientenwohl dienen, sowie Recherchen zur Befriedigung persönlicher Bedürfnisse. Vorsicht ist auch geboten bei der Speicherung und Dokumentation von Patientenrecherchen in der Krankenakte, denn die Unterlagen könnten irgendwann einmal dem Patienten oder anderen Behandlern in die Hände fallen.

Da Informationen aus dem Internet einen erheblichen Einfluss auf die Einstellung und das Verhalten eines Arztes oder Therapeuten gegenüber einem Patienten haben können, raten die Wissenschaftler dazu, sich vor jeder Patientenrecherche folgende Fragen zu stellen:

  • Was sind meine wirklichen Motive und Interessen für die Patientenrecherche?
  • Welche Alternativen gibt es zur Patientenrecherche im Internet?
  • Welchen zusätzlichen Nutzen bringt eine Patientenrecherche?
  • Welche Chancen und Risiken birgt eine Patientenrecherche für den Therapeuten, den Patienten und das Arbeitsbündnis? Welche Folgen könnte eine Patientenrecherche für die Beteiligten haben?
  • Bin ich sicher, dass ich richtig recherchiert habe? Es ist zu prüfen, ob die Quellen objektiv sind, ob die Informationen der Wahrheit entsprechen und ob sie sich eventuell auf einen Namensvetter beziehen.
  • Was ist von der Selbstpräsentation des Patienten zu halten? Es muss unter anderem berücksichtigt werden, dass Personen sich im Internet mitunter anders darstellen oder als jemand anderer ausgeben, als sie tatsächlich sind.
  • Wie werden die Informationen meine Haltung, meine Gefühle und meine Einstellung gegenüber dem Patienten und seiner Therapie beeinflussen? Wie reagiere ich möglicherweise, wenn ich Unerwartetes und Unerfreuliches entdecke?
  • Wie könnte der Patient reagieren? Würden er und seine Angehörigen einer Patientenrecherche zustimmen?
  • Können die Informationen nutzbringend in die Therapie eingebunden werden?

Gewissenskonflikte klären

Nach Meinung der Wissenschaftler können solche Fragen nicht pauschal beantwortet werden, sondern müssen von Fall zu Fall gestellt werden. Als Leitlinie gilt jedoch: Im Vordergrund jeder Patientenrecherche sollten immer der therapeutische Nutzen und das Patientenwohl stehen. Nur wenn die Patienteninteressen gewahrt werden und kein Widerspruch zu berufsethischen Grundsätzen besteht, sind Patientenrecherchen als Ergänzung zu herkömmlichen Verfahren der Informationsgewinnung im therapeutischen Kontext gestattet und als zielführend einzustufen.

Ist ein Psychotherapeut oder Arzt nicht in der Lage, seine Haltung gegenüber Patientenrecherchen eindeutig zu bestimmen, oder verspürt er Gewissens- oder Gefühlskonflikte aufgrund einer Patientenrecherche, sollte er klärende Gespräche mit Kollegen oder Experten führen, sich in Supervision begeben oder andere Beratungs- und Hilfsangebote nutzen. Denn erst, wenn moralische und andere Fragen aus dem Weg geräumt sind, darf und kann er sich wieder in professioneller Weise der Therapie widmen.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt:
Brian Clinton, McLean Hospital, 115 Mill St., Belmont, MA 02478 (USA), E-Mail: bkclinton@gmail.com

1.
Clinton B, Silverman B, Brendel DH: Patient-targeted googling: The ethics of searching online for patient information. Harvard Review of Psychiatry 2010; 18(2): 103–12. MEDLINE
2.
Guseh JS, Brendel RW, Brendel DH: Medical professionalism in the age of online social networking. Journal of Medical Ethics 2009; 35(9): 584–6. MEDLINE
3.
Neimark G, Hurford MO, Digiacomo J: The internet as collateral informant. American Journal of Psychiatry 2006; 163(10): 1842. MEDLINE
1.Clinton B, Silverman B, Brendel DH: Patient-targeted googling: The ethics of searching online for patient information. Harvard Review of Psychiatry 2010; 18(2): 103–12. MEDLINE
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3.Neimark G, Hurford MO, Digiacomo J: The internet as collateral informant. American Journal of Psychiatry 2006; 163(10): 1842. MEDLINE

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