ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2010Interview mit Dr. Christoph Wölk, Entwickler von computergestützten Selbsthilfeprogrammen: „Der Psychotherapeut aus Fleisch und Blut ist eben nicht entbehrlich“

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Interview mit Dr. Christoph Wölk, Entwickler von computergestützten Selbsthilfeprogrammen: „Der Psychotherapeut aus Fleisch und Blut ist eben nicht entbehrlich“

PP 9, Ausgabe Oktober 2010, Seite 470

Sonnenmoser, Das Gespräch führte Marion

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Dr. Christoph Wölk ist Dozent an der Universität Osnabrück und Psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie) in eigener Praxis. Foto: Universität Osnabrück, Archiv Pressestelle
Dr. Christoph Wölk ist Dozent an der Universität Osnabrück und Psychologischer Psychotherapeut (Verhaltenstherapie) in eigener Praxis. Foto: Universität Osnabrück, Archiv Pressestelle

Der Psychologische Psychotherapeut und Softwareentwickler über die Vor- und Nachteile computergestützter Selbsthilfeprogramme

Herr Dr. Wölk, Sie haben einige Computer­pro­gramme zur Selbsthilfe bei Zwangsstörungen entwickelt, beispielsweise „Talk to him!“ und „Brainy, das computergestützte Anti-Zwangs-Training“. Worum geht es in den Programmen?

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Dr. Wölk: Bei „Talk to him!“ schlüpft der Patient mal in die Rolle des Zwangs, mal in seine eigene. Indem er mit dem personifizierten Zwang spricht, setzt er sich nicht nur mit seiner Störung auseinander, sondern wird mit seiner eigenen Stimme konfrontiert. Dies führt zu einer emotional bedeutsamen Beteiligung, die nötig ist, damit sich seine von ihm selbst gefundene Einsicht dauerhaft einprägt.

Bei „Brainy“ handelt es sich um einen virtuellen Kotherapeuten, der den Anwender darin unterstützt, verhaltenstherapeutische Konfrontationsübungen zur Überwindung seiner Zwänge durchzuführen.

Welche Vorteile und Risiken bringen computergestützte Selbsthilfeprogramme mit sich?

Wölk: Ein Vorteil ist beispielsweise, dass Patienten anonym bleiben können, was gerade für Menschen, die unter einer Zwangsstörung leiden, sehr wichtig sein kann. Nachteilig kann sein, dass Patienten, die bei der Arbeit mit solchen Programmen möglicherweise scheitern, enttäuscht werden und womöglich ihre Motivation verlieren, sich einer herkömmlichen Psychotherapie zu unterziehen.

Weshalb gibt es bislang nur sehr wenige deutschsprachige computergestützte Selbsthilfeangebote?

Wölk: Es könnte daran liegen, dass in Deutschland bisher noch zu wenig darüber informiert wurde. Vielleicht mangelt es auch an Offenheit und Interesse an der Thematik. Hier sollte sich aber etwas ändern, denn es besteht eine große Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage im therapeutischen Bereich. Es gibt wesentlich mehr Patienten, die eine Therapie benötigen und einen Therapieplatz nachfragen, als angeboten wird.

Können die Programme von Patienten zur Selbsttherapie ohne Kontakt zu einem Psychotherapeuten genutzt werden?

Wölk: Man könnte es sicherlich nicht verhindern. Allerdings vertrete ich die Position, dass computergestützte Programme Hilfsmittel sind, die begleitend zur Therapie eingesetzt und in die Behandlung integriert werden sollten. Ein Psychotherapeut aus Fleisch und Blut ist eben nicht entbehrlich. Falls Therapeuten Computerprogramme als sinnvolle Option erachten, sollten sie diese ihren Patienten erst nach einer gründlichen Diagnose und Unterweisung in den Gebrauch des Programms an die Hand geben und deren Wirkung im Auge behalten. Auf diese Weise hätten sie auch eine gewisse Kontrolle über die Nutzung und Verbreitung solcher Programme.

Wie reagieren die Patienten auf computergestützte Selbsthilfeangebote?

Wölk: Das Interesse seitens der Patienten ist da, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Markt darauf mit entsprechenden Angeboten reagiert, wie man es zurzeit besonders im englischsprachigen Ausland sowie in den Niederlanden und in Schweden beobachten kann. Die Bereitschaft der Patienten nimmt zu, selbst Verantwortung für die Überwindung ihrer psychischen Probleme zu übernehmen.

Welche Rolle spielen bei dieser Entwicklung die Psychotherapeuten?

Wölk: Psychotherapeuten sind im Allgemeinen wenig technikbegeistert und glauben, dass Stift, Notizblock, gegebenenfalls eine Couch und vor allem Worte ausreichen, um eine Psychotherapie durchzuführen. Meiner Meinung nach sollte es hinsichtlich moderner Technologien im Rahmen einer „Psychotherapie 2.0“ jedoch nicht „stattdessen“, sondern „mit“ heißen. Psychotherapeuten haben die Verantwortung, zeitgemäße, effektive Medien zu nutzen. Zum einen können damit mehr Patienten erreicht und behandelt werden als bisher, zum anderen erweitern moderne Technologien wie Computer, Internet oder Handy das Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten. Warum sollte man nicht nutzen, was ohnehin bei den meisten Patienten schon vorhanden ist?

Welche Vorteile hätten Psychotherapeuten durch computergestützte Selbsthilfeangebote?

Wölk: Psychotherapeuten können Patienten für ihre technikunterstützten Angebote interessieren und so Wettbewerbsvorteile erzielen. Sie können die Wirksamkeit therapeutischer Interventionen und gleichzeitig die Compliance der Patienten erhöhen. Sie können sich entlasten, indem sie technikgestützte Interventionen im Rahmen eines umfassenden therapeutischen Geschehens nutzen. Und sie können sich von Routinen befreien und sie an den Computer delegieren, um in den kritischen Momenten einer Psychotherapie „hell- wach“ und effektiver zu sein.

Das Gespräch führte Marion Sonnenmoser.

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