ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2010Achtsamkeit: Nicht an einem Wochenende zu erlernen

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Achtsamkeit: Nicht an einem Wochenende zu erlernen

PP 9, Ausgabe Oktober 2010, Seite 473

Koch, Joachim

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Eine der wichtigsten Auswirkungen eines achtsamen Verhaltens ist es, im Alltag innehalten zu können. Diese wesentliche Fähigkeit der Selbststeuerung lässt eine Person aus dem aktuellen Geschehen her-austreten und beobachten, was vor sich geht. Dadurch entsteht der Raum für eine Verhaltensänderung, ohne den viele Verhaltensmuster weiter automatisch und unkontrolliert ablaufen.

Im ersten Teil behandelt das Buch die Grundlagen zum Thema Achtsamkeit. Der Begriff kann zweierlei meinen: einen vorübergehenden Zustand oder auch überdauernde verinnerlichte Merkmale. Die Achtsamkeit hat vier grundlegende Bausteine. Zunächst bedeutet sie, die Aufmerksamkeit bewusst zu lenken. Die Lenkung richtet sich auf den jeweiligen Moment, der fließt und sich ständig verändert (zweiter Baustein). Dann meint Achtsamkeit eine Haltung, in der das Erleben akzeptiert wird, ohne zu urteilen oder etwas anderes anzustreben. Der vierte Aspekt betrifft die Distanzierung vom Beobachteten, die eine Reflexion ermöglicht. Die Autoren merken an, dass die Achtsamkeit eine Alternative zum Alltagsbewusstsein darstellt. Das Training der Achtsamkeit trägt dazu bei, dass sich die wichtigen menschlichen Fähigkeiten der Klarheit, des Gleichmuts und der Konzentration weiterentwickeln können. Bei Überlegungen zur Achtsamkeit im Umgang mit negativen Gefühlen und Depression wird angemerkt, dass jeder dann in eine gedrückte Stimmung gerät, wenn er lange genug darüber nachdenkt, was in seinem Leben alles schiefgelaufen ist oder welche Fehler er gemacht hat. Die Autoren behandeln weitere Themen, die sie zur Achtsamkeit in Beziehung setzen, wie Achtsamkeit in engen Beziehungen oder Achtsamkeit und Schmerz. Nach grundlegenden Beschreibungen, wie Achtsamkeit gelernt und geübt wird, werden einzelne Übungen beschrieben: Klassische Atembeobachtung, Body-Scan und auch ein Ablauf für einen Tag der Achtsamkeit werden vorgestellt.

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Im zweiten Teil des Buches geht es um die Achtsamkeit im Umgang mit der Innenwelt. Die Autoren erweitern das Training um Aspekte zielorientierten psychodynamisch geprägten Vorgehens. Um mit der Komplexität der menschlichen Psyche umgehen zu können, wird das Modell der Persönlichkeitsanteile vorgestellt. Mit Hilfe von Fragen zur Selbsterforschung auf den Ebenen des Körpers, der Gedanken und der Gefühle wird anhand von Fallbeispielen und Übungsanleitungen gezeigt, wie verschiedene Persönlichkeitsanteile durch eine Orientierung nach innen identifiziert werden können.

Der dritte Teil des Buches thematisiert Achtsamkeit in Psychotherapie und Coaching. In diesen Bereichen hat die Achtsamkeit in den letzten beiden Jahrzehnten große Aufmerksamkeit gefunden. Die Autoren mutmaßen, dass diese alte Geistesschulung einen Paradigmenwechsel im Feld der gesamten Psychotherapie antreiben könnte. Sie nehmen schließlich den Lesern die Illusion, dass das Thema Achtsamkeit nach einem Wochenendkurs schon beherrscht werden kann, sondern verweisen auf eine notwendige vertiefte Praxis. Joachim Koch

Halko Weiss, Michael E. Harrer, Thomas Dietz: Das Achtsamkeitsbuch. Klett-Cotta, Stuttgart 2010, 303 Seiten, gebunden, 22,90 Euro

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