ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2010Aussenseiterkunst: Hans Jürgen Fränzer – Ein brennendes Thema

KUNST UND SEELE

Aussenseiterkunst: Hans Jürgen Fränzer – Ein brennendes Thema

PP 9, Ausgabe Oktober 2010, Seite 434

Endreß, Heide

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Die Signatur und die Datumsangabe auf der Kreidezeichnung „Zigaretten“ ermöglichen die Orientierung, dass es sich um ein Querformat handelt und dass die drei großen Motive von links (Filter) nach rechts (Rauchwolke) zu lesen sind. Viele Bilder Fränzers bilden Zigaretten-Serien, rauchende Köpfe in Profilansicht, fiktive Münzen und Fantasie-Banknoten mit großem nominellem Wert ab, offensichtlich ein „brennendes“ Thema für diesen chronisch schizophrenen Menschen unseres Wohnbereiches.

Zigaretten mit grünen Rauchwolken oder liegende Bäume? Fränzers bisheriges Werk spricht für ersteres Motiv. Foto: Eberhard Hahne
Zigaretten mit grünen Rauchwolken oder liegende Bäume? Fränzers bisheriges Werk spricht für ersteres Motiv. Foto: Eberhard Hahne

Das reiche Werk von Fränzer, das über 1 700 Werke zählt, enthält Bilder, in denen er plakativ, markant, klar konturiert und auf das Wesentliche reduziert „sein Weltall“ präsentiert: Dicke Sonnen, vier- bis sechszackige Sterne, sichelförmige Monde, das Kreuz, gehörnte Teufel, Tiere, Mischwesen und Schriftbilder mit den Namen prominenter Personen wie James Bond 007, Elvis Presley, Max Schmeling, Adolf Hitler und – selbstbewusst – Hans-Jürgen Fränzer, gemäß seinem Größen-selbst: „Ich hab’ die Welt gemacht, war viel Arbeit“. Die Figuren und Objekte in Fränzers Arbeiten sind expressiv, provozierend direkt, in der Darstellung flächig und deutlich voneinander abgegrenzt, die Umrisse werden entschlossen gezogen, die kräftigen Farben schnell gewählt.

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Dem plakativen Stil entspricht der offensichtlich archaische Symbolgehalt der Bilder im Kontext von aggressiven und sexuellen Impulsen, in unserem Beispiel also die Zigarette als Phallus, der in seiner unerschöpflichen Potenz bestätigt wird durch die Wiederholung im Bild. Diese Schlüssigkeit besticht, dennoch steht bei einem Teil der Betrachter nicht die Wahrnehmung von Gewehrläufen und Revolvern im Vordergrund, sondern die von Blumen und Bäumen. Diese stehen in der Symbolsprache von C. G. Jung für das menschliche Leben auf Erden, der Pflanzensaft steht für das Blut und die Baumkrone für Wachstum und Fruchtbarkeit. Deshalb hat der Baum als Symbol eine enge Beziehung zum Weiblichen. Ein Reiz der Arbeiten von Fränzer liegt in der spannungsreichen Ambivalenz und der fehlenden eindeutigen Determiniertheit. Auch die Teufel wirken eben nicht nur dämonisch-einschüchternd, sondern liebenswert-witzig, in ihrer grellen Buntheit haben sie einen Bezug zur spielerischen Fantasie von Kinderbüchern, und hinter der „schrecklichen“ Fassade verbergen sich verängstigte Kinder. Die beiden Fragezeichen, welche die Signatur des Künstlers einrahmen, haben einen subtilen Bezug zu diesem Balance- und Schwebezustand, der den Bildern innewohnt.
Dr. Heide Endreß,
Alexianer-Krankenhaus Münster

BIOGRAFIE HANS JÜRGEN FRÄNZER
Hans Jürgen Fränzer wurde 1942 in Gelsenkirchen geboren. Er schloss eine Maurerlehre ab. Mit 21 Jahren erkrankte er und lebt seit 1970 im Wohnbereich Haus Kannen des Alexianer-Krankenhauses.

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