ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2010Auf dem Land: Computer ist keine Alternative
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In ländlichen Gebieten gehen die Leute später zum Psychotherapeuten, haben Vorurteile, niedrigen Bildungsstand, sind sozial isoliert, misstrauisch und vorurteilsbehaftet gegenüber Psychotherapie, werden stigmatisiert, haben Angst, beobachtet zu werden, wenn sie einen Psychotherapeuten aufsuchen, wenig Wissen über psychische Erkrankungen und sind generell ein bisschen hinter dem Mond.

Selbstverständlich verfügen sie aber alle über einen Internetanschluss mit flottem Datentransfer, dem Zubehör zu Internetkonferenzen und Internettelefon mit Skype, bedienen und finanzieren dies problemlos und getrauen sich natürlich auch, intime Details unkontrolliert in den Orbit zu schicken. Die Bäuerinnen und Bauern meiner Heimatgemeinde (circa 2 000 Seelen) werden sich auf dieses neue Konzept stürzen. In Einzelfällen mag dies durchaus hilfreich sein, aber anstatt immer neuen technischen Schnickschnack, der sich bald wieder verselbstständigt und missbräuchlich verwendet wird, braucht der Land-Psychotherapeut hier etwas ganz anderes: Ein Sich-Einstellen auf eine etwas andere Welt mit ihren eigenen Normen und Wertsystemen, starker klerikaler Prägung, der Dominanz des Materiellen in den Lebensthemen, dem hohen Wert von Arbeit und Leistung und dem Gewissensdruck und den narzisstischen Problemen, wenn die Leistungsfähigkeit nachlässt, den Problemen der sozialen Kontrolle in der Dorfgemeinschaft und denen, die sich aus dem Zusammenleben größerer Familienverbände ergeben, den häufigen Erbschaftsstreitigkeiten, der Nachrangigkeit von Beziehungen vor dem existenziell-materiellen Hintergrund, ein gewisses Ausschließen oder Entwerten anderer Lebenswelten und -modelle, das Herabsehen von Großbauern auf die Kleinbauern et cetera und vieles andere mehr. Das muss man kennen, akzeptieren oder vielleicht auch mögen, sonst lässt man sich besser woanders nieder. Das Erlernen der Muttersprache der Klientel ist ebenfalls empfehlenswert, das Umgekehrte erwartet man besser nicht, auch an das hier landläufige Duzen muss man sich gewöhnen.

Was der Land-Therapeut auch noch brauchen könnte, wäre ein flexibleres Abrechnungssystem, in welchem auch in Notfällen Besuche zu Hause, im Krankenhaus, Schule und Kindergarten oder anderen Einrichtungen, Hilfeplangespräche, längere Telefonate et cetera abgerechnet werden können.

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Das Zurücklegen von Entfernungen dürfte in der BRD nicht das große Problem sein, alle Örtlichkeiten sind mit dem Pkw oder öffentlichen Verkehrsmitteln (notfalls Seilbahn oder Schiff) erreichbar, für Pkw-lose Patienten gibt es in den Gemeinden ehrenamtliche Helferkreise, die hier einspringen, bei Kindern organisiert der Kinderschutzbund einen Hol- und Bringdienst. Diese Systeme weiter auszubauen, halte ich für sinnvoller (auch für die Patienten als Lernschritte „Leben bewältigen“ und „Beziehungen knüpfen“), als nun auch noch vonseiten der Psychotherapie Anreize zu bieten, noch mehr hinter dem Computer zu versauern.

Ursula Mayr, Psychologische Psychotherapeutin, 83236 Übersee am Chiemsee

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