ArchivDeutsches Ärzteblatt40/1997Arzneiverordnungs-Report ´97 gestoppt: Urteil sorgt für Wirbel

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Arzneiverordnungs-Report ´97 gestoppt: Urteil sorgt für Wirbel

Korzilius, Heike

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LNSLNS Der Arzneiverordnungs-Report ´97 darf vorerst nicht erscheinen. Drei Pharmafirmen haben eine einstweilige Verfügung erwirkt, die es den Spitzenverbänden der gesetzlichen Krankenkassen untersagt, an der Verbreitung von Listen von Arzneimitteln oder Arzneimittelgruppen mit der Bezeichnung "umstritten" mitzuwirken. Das Urteil sorgt ebenso wie der betroffene Report für Diskussionen. Die Pharmaverbände hoffen, daß damit die pauschale Diskriminierung ganzer Arzneimittelgruppen ein Ende findet. Die Kassen und die Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft sehen die rationale Arzneimitteltherapie gefährdet.
Als "Sieg der ärztlichen Therapiefreiheit" begrüßte der Vorsitzende des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, Prof. Dr. med. Hans Rüdiger Vogel, die Entscheidung der Gerichte, die Veröffentlichung des Arzneiverordnungs-Reports ’97 vorläufig zu stoppen. Im Gegensatz dazu sieht Prof. Dr. med. Bruno MüllerOerlinghausen, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), einem Fachausschuß der Bundes­ärzte­kammer, in dem Urteil einen "schweren Angriff auf die Meinungsfreiheit und die wissenschaftliche Auseinandersetzung über Arzneimittel in Deutschland".
Die Ansichten über den Arzneiverordnungs-Report sind seit seinem erstmaligen Erscheinen vor 12 Jahren geteilt. Der Report, der die Arzneimittelverordnungen in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung analysiert und kommentiert, wird von dem Pharmakologen Prof. Dr. med. Ulrich Schwabe und Dr. rer. pol. Dieter Paffrath herausgegeben. Datengrundlage ist der GKV-Arzneimittelindex, der von den Spitzenverbänden der Krankenkassen, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände bereitgestellt und vom Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen aufbereitet wird. Im Arzneimittelindex werden alle Verordnungsdaten auf der Basis einer Rezeptstichprobe von rund vier Millionen Verordnungen zusammengetragen.
Diskussionsgegenstand ist seit Jahren eine Tabelle, die sogenannte umstrittene Arzneimittel verzeichnet, die einen hohen Anteil an den Verordnungskosten ausmachen und nach Ansicht der Autoren zu Unwirtschaftlichkeiten innerhalb des GKV-Systems führen.
Gestolpert ist der diesjährige Report über eine Liste, in der 45 "umstrittenen Arzneimittelgruppen" medikamentöse und nichtmedikamentöse Alternativpräparate gegenübergestellt werden. Die Autoren rechnen vor, daß durch eine konsequente Substitution beispielsweise pflanzlicher Prostatapräparate und Venenmittel Einsparungen von rund vier Milliarden DM erzielt werden könnten.
Was heißt "umstritten"?
Das hat betroffene Arzneimittelhersteller auf den Plan gerufen. Die Firmen Dr. Wilmar Schwabe, Strathmann und Bionorica wehren sich gegen die pauschale Stigmatisierung ihrer Präparate als "umstritten", obwohl Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der betroffenen Produkte durch Zulassungen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte sowie ergänzende Monographien belegt seien. Der Begriff "umstrittene Arzneimittel" existiere weder arzneimittel- noch sozialrechtlich. Es handele sich vielmehr um einen politischen Kampfbegriff, der dazu benutzt werde, die wirtschaftliche Zielsetzung des Reports, nämlich Kostenbegrenzung innerhalb der GKV, pseudo-wissenschaftlich zu verbrämen.
Nach Auffassung der Firma Schwabe handelt es sich beim Arzneiverordnungs-Report nicht um eine wissenschaftliche Veröffentlichung privater Autoren. Die Krankenkassen hätten erheblichen Einfluß auf den Inhalt des Kommentars. Durch diesen quasi-offiziellen Status könne der Report die Verordnungstätigkeit der Ärzte erheblich beeinflussen.
Die Firmen fürchten klar um ihre Umsätze. Würden die als umstritten gekennzeichneten Arzneimittel nicht mehr verschrieben, wären davon unter anderem die Präparate Tebonin (Anti-dementivum), Crataegutt (pflanzliches Kardiakum), Prostagutt (pflanzliches Prostatamittel) und Venoplant (Venenmittel) der Firma Schwabe betroffen, die rund 80 Prozent ihres Umsatzes ausmachen. Die Liste komme einem Marktausschluß der Präparate gleich und sei damit wettbewerbswidrig, wirft Schwabe den gesetzlichen Krankenkassen vor.
Ein Argument der Pharmaverbände, aber auch von Teilen der Ärzteschaft ist, daß die Autoren des Arzneiverordnungs-Reports nur ungenügend die hausärztliche Praxis berücksichtigen, in der sich die "umstrittenen" Mittel häufig bewährt hätten. Die Allgemeinärztin Dr. med. Elisabeth Hauenstein, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer, kritisiert beispielsweise, daß der Report nicht auf Indikationsstellungen eingeht, die sie für ein geeigneteres Wirtschaftlichkeitsinstrument hält als Verordnungsausschlüsse. Auch sie sieht die Gefahr, daß die verordnenden Ärzte durch die Substitutionsliste in Zugzwang geraten. Ihr offizieller Charakter verleihe der Liste "forensische Qualität".
Gegenüber diesen Vorwürfen verweist der Mitherausgeber des Reports, Schwabe, auf sein rein wissenschaftlich/pharmakologisches Vorgehen. Bei den betroffenen Arzneimitteln sei die therapeutische Wirksamkeit unabhängig vom Zulassungsstatus nicht hinreichend belegt. Müller-Oerlinghausen kritisiert, daß die Gerichts-entscheidung der Arznei­mittel­kommission und anderen Institutionen ein wichtiges Instrument nehme, um die Ärzteschaft unabhängig und kritisch in rationaler Arzneitherapie zu beraten. In Deutschland seien noch immer rund 70 Prozent der 50 000 Arzneimittel ohne Überprüfung von Wirksamkeit und Unbedenklichkeit im Handel. Ein Urteil, dem sich auch die Kassen anschließen. Heike Korzilius
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