ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2010ICD-10: Umdenken in der Politik
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. . . Ich habe aus Neugier mein Softwaremodul (in Doccomfort) für unsere hausärztliche Praxis schon in diesem Quartal scharf geschaltet und die Flüche meines Kollegen und unserer Mitarbeiterinnen still ertragen . . .

1) Es gibt tatsächlich keine Dauer-diagnosen mehr. Je nach Software wird aus dem Pool der bisherigen Dauerdiagnosen eine quartalsweise Übernahme angeboten. Es reicht eben nicht, einfach alle bisherigen Dauerdiagnosen „in einem Rutsch“ zu übernehmen. Sie müssen einzeln überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden. Das dauert je Altpatient im Durchschnitt etwa ein bis zwei Minuten.

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Über der Probequartalsabrechnung – mit entsprechender Überprüfungslogik – verzweifeln meine Mitarbeiterinnen jetzt schon. Denn ohne EDV-mundgerechte Kodierung gibts keine Abrechnung mehr. Also ist Nacharbeiten unumgänglich.

2) Aber das ist ja nur der Anfang: Die KBV möchte für viele RSA-relevante Diagnosen Spezialistendiagnostik zwingend einführen. Das ist vielleicht für Fachärzte eine nette Zusatzbeschäftigung, aber erklären Sie mal einem Patienten, dass er drei Wochen vor Quartalsende eben noch mal schnell zum Beispiel einen Psychiater-Termin braucht, um die Diagnose zu bestätigen. Hat er die Diagnose nicht, können Sie das nötige Medikament leider nicht verschreiben . . . (Regress!)

3) Ursprünglich sollte ja nur ein „Right-Coding“ für den RSA unterstützt werden. Dafür reichen etwa 150 (!) Diagnosekodierungen völlig aus. Alles andere ist eine völlig unnötige und sinnentleerte Bürokratie. Die Zeit dafür fehlt dann bei der Patientenbetreuung. Für ca. 90 Prozent der endstellig verschlüsselten qualitätsgesicherten Diagnosen interessiert sich kein Schwein, pardon, kein KBV-Mitarbeiter.

4) Die „Spezifität der Diagnosen“ ist eine Illusion. Mehrere Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass die Übereinstimmung zwischen den Praxen beziehungsweise den Versorgungsbereichen marginal ist. Jedenfalls so schlecht, dass Statistiker Indexmedikamente zur Validierung verwenden. Oder lieber gleich zusätzliche Erfassungsinstrumente verwenden.

5) Gerade im hausärztlichen Bereich muss oft mit Symptomerfassung, Verdachtsdiagnosen und „abwartendem Offenlassen“ gearbeitet werden. Das bilden weder Morbi-RSA noch Kodierrichtlinie ab. Aber soll die primärärztliche Versorgung in Zukunft deswegen vernachlässigt werden?

Mein Fazit:

– Wir brauchen dringend eine Arbeitserleichterung (und keine Verkomplizierung) für ein RSA-gerechtes „Right-Coding“.

– Wir brauchen dringend einen Minimalkonsens für hausärztliche Diagnosen – am besten ICPC-konform.

– Wir brauchen dringend ein Umdenken in der Politik: Wir haben de facto ein Zeitbudget. Zusätzliche Zeit für Bürokratie bedeutet weniger Zeit für Patienten. Und zusätzliche sinnlose Bürokratie bedeutet auch: häufigeres Burn-out. Die Versorgungslücken werden viel früher als vorhergesagt auftreten. Wer will so noch arbeiten?

Dr. med. Uwe Popert, 34119 Kassel

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