ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2010Patientensicherheit: Risikomanagement wird vielerorts schon praktiziert

POLITIK

Patientensicherheit: Risikomanagement wird vielerorts schon praktiziert

Dtsch Arztebl 2010; 107(41): A-1963 / B-1716 / C-1688

Krüger-Brand, Heike E.

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Fünf Jahre Aktionsbündnis Patientensicherheit: Eine erste Studie für den stationären Sektor zeigt Fortschritte beim Umgang mit Fehlern. Für eine nachhaltige Sicherheitskultur in medizinischen Einrichtungen ist jedoch weitere Forschung notwendig.

Wir haben es geschafft, dass Patientensicherheit in Deutschland kein Tabuthema mehr ist, sondern ein wichtiges und anerkanntes Thema“, betonte Dr. med. Günther Jonitz, Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS). Das 2005 gegründete Aktionsbündnis hat bei seiner 5. Jahrestagung, die zusammen mit dem 9. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung in Bonn stattfand, eine erfolgreiche Bilanz seiner Tätigkeit gezogen.1 Mit Veröffentlichungen wie der Broschüre „Aus Fehlern lernen“, zahlreichen Handlungsempfehlungen, etwa zur Patientenidentifikation oder zu belassenen Fremdkörpern („Jeder Tupfer zählt“), Veranstaltungen und Initiativen, wie der „Aktion saubere Hände“, hat das Aktionsbündnis dazu beigetragen, dass sich im Umgang mit Fehlern im Gesundheitswesen allmählich ein Wandel vollzieht (Kasten).

Beispiele für Gefahrenquellen im Krankenhaus: erhöhtes Sturzrisiko, belassene Fremdkörper und Eingriffsverwechslungen. Zu einigen Themen hat das Aktionsbündnis bereits Handlungsempfehlungen erarbeitet. Fotos: mauritius images, vario images (2)
Beispiele für Gefahrenquellen im Krankenhaus: erhöhtes Sturzrisiko, belassene Fremdkörper und Eingriffsverwechslungen. Zu einigen Themen hat das Aktionsbündnis bereits Handlungsempfehlungen erarbeitet. Fotos: mauritius images, vario images (2)
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Ein Meilenstein war darüber hinaus die Gründung des Instituts für Patientensicherheit der Universität Bonn (IfPS), das am 1. Januar 2009 seine Arbeit aufgenommen hat. Das Institut wird über das APS von 30 Förderern aus dem Gesundheitswesen einschließlich dem Bundesministerium für Gesundheit getragen. Im Vorfeld der Veranstaltung hatte zudem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler die Schirmherrschaft über das APS übernommen und dessen Leistungen gelobt: „Das Aktionsbündnis hat den Grundstein für einen offenen und lösungsorientierten Umgang aller Beteiligten mit dem Thema Patientensicherheit gelegt. Die Akzeptanz für Maßnahmen zur Patientensicherheit ist inzwischen bei den betroffenen Berufsgruppen, wie Ärzten und Krankenschwestern, nirgendwo in Europa höher als in Deutschland.“

Für die nächsten Jahre hat sich das Aktionsbündnis vor allem die Evaluation und die Verknüpfung der praktischen Arbeit mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Ziel gesetzt. Hierfür kann das IfPS wertvolle Beiträge liefern. Im Rückgriff unter anderem auf die Versorgungsforschung führt das Institut Studien durch, um die Wirksamkeit der vom APS entwickelten Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Patientensicherheit zu überprüfen. „Wir brauchen Zahlen, wir müssen evaluieren und dafür geeignete Messmethodiken entwickeln. Strategien, Methoden und Lösungen der Patientensicherheit müssen durch die Versorgungsforschung wissenschaftlich abgesichert werden“, betonte Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, Institutsdirektor des IfPS. Vor diesem Hintergrund ergebe sich eine enge Verknüpfung von Patientensicherheits- und Versorgungsforschung.

Eine der Studien, die das IfPS zusammen mit dem Aktionsbündnis, der Bundes­ärzte­kammer, der Deutschen Krankenhausgesellschaft und dem Deutschen Pflegerat durchführt, ist eine detaillierte Befragung der Krankenhäuser, wieweit Maßnahmen zur Verbesserung der Patientensicherheit bereits umgesetzt worden sind und wo noch Handlungsbedarf besteht. An der von der AOK finanzierten Studie haben sich 484 von 1 820 befragten Krankenhäusern (27 Prozent) beteiligt. Erste Ergebnisse der Untersuchung: Immerhin 59 Prozent der Krankenhäuser haben inzwischen eine schriftlich festgelegte Strategie für das klinische Risikomanagement. 2008 seien dies einer etwas kleineren Untersuchung2 zufolge nur rund 40 Prozent der Krankenhäuser gewesen, und ein Fünftel der Einrichtungen habe sich noch gar nicht damit beschäftigt, berichtete der Projektleiter der Studie, Dr. med. Jörg Lauterberg. 73 Prozent der Krankenhäuser haben Besprechungen für kritische Vorfälle, Schäden, Komplikationen und Fehler eingeführt, und 48 Prozent der Einrichtungen verfügen über ein eigenes Critical Incident Reporting System (CIRS) als Fehlerberichts- und Lernsystem, in dem je Einrichtung durchschnittlich 50 CIRS-Berichte jährlich eingehen. 44 Prozent der Krankenhäuser nutzen zudem Checklisten zur Vermeidung von Patienten- beziehungsweise Eingriffsverwechselungen. Als Risikoschwerpunkte geben 47 Prozent der Kliniken die Schnittstellen der Versorgung (Aufnahme, Entlassung, Abteilungs- und Schichtwechsel), 35 Prozent die Arzneimitteltherapie und 33 Prozent die Krankenhausinfektionen an.

„Patientensicherheit ohne Daten ist reines Anekdotenerzählen“, sagt Gün ther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin und Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. Ohne Evaluation und Evidenz sei eine nachhaltige Sicherheitskultur nicht möglich. Foto: ÄK Berlin
„Patientensicherheit ohne Daten ist reines Anekdotenerzählen“, sagt Gün ther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin und Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. Ohne Evaluation und Evidenz sei eine nachhaltige Sicherheitskultur nicht möglich. Foto: ÄK Berlin

Nach Meinung der Experten sind die Ergebnisse ermutigend, allerdings dürften sich an der Umfrage wohl vor allem die Einrichtungen beteiligt haben, die sich ohnehin mit dem Thema beschäftigen. Von einer flächendeckenden Implementierung von Risikomanagementsystemen kann also noch keine Rede sein. Dennoch werden Maßnahmen, die in den letzten Jahren zur Verbesserung der Patientensicherheit diskutiert und entwickelt worden sind, zunehmend umgesetzt.

Auf den Beitrag der Versorgungsforschung für die Patientensicherheit ging Prof. Dr. phil. Holger Pfaff vom Deutschen Netzwerk Versorgungsforschung ein: Es gelte, Ursachen, Wirkungen und Voraussetzungen der Patientensicherheit zu erforschen. „Wenn Fehler passieren, ist es nicht immer der Fehler eines Einzelnen, sondern häufig auch ein Organisationsversagen. Patientensicherheit hängt auch von der Koordination zwischen den Berufsgruppen ab. Wo eine Vertrauenskultur und eine offene Kommunikation vorhanden sind, da gibt es auch ein besseres Risiko- und Fehlermanagement“, betonte Pfaff. Das „Sozialkapital“ im Krankenhaus müsse genauso geschaffen werden wie das Humankapital.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, wies in diesem Zusammenhang auf den „bunten Strauß von Problemen“ im Krankenhaus hin: So sei die personelle Unterbesetzung mit Risiken behaftet. Geräte würden in größeren zeitlichen Abständen gewartet. Die Hygiene werde durch beauftragte Außenfirmen weniger sorgfältig ausgeübt. Fehlende Kommunikation begünstige Fehler. „Patientensicherheit kann heute nur noch interprofessionell und und im Team gewährleistet werden“, betonte Hoppe. Der Deutsche Ärztetag habe bereits vor fünf Jahren beschlossen, Forschungsvorhaben zu unterstützen, die zur Entwicklung von Methoden und Instrumenten zur Erhöhung der Patientensicherheit beitrügen. „Sowohl Versorgungsforschung als auch das APS können dazu beitragen, weniger Fehler zu machen“, so der BÄK-Präsident. „Die Freiwilligkeit der Initiative beweist, dass auch ohne gesetzliche Vorgaben eine Sicherheitskultur Einzug ins Gesundheitswesen findet.“

Heike E. Krüger-Brand

1„Patientensicherheit im Fokus der Versorgungsforschung“, 29. September – 2. Oktober 2010, Bonn

2Krankenhausbarometer des Deutschen Krankenhaus-Instituts (n = 347 Krankenhäuser)

Einsatz für mehr Patientensicherheit

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS)

lebt von seiner breiten Netzwerkstruktur – inzwischen engagieren sich mehr als 300 Mitglieder aus allen Bereichen des Gesundheitswesens in dem Verein. In ehrenamtlichen interdisziplinären Arbeitsgruppen erarbeiten Experten zu ausgewählten Sachthemen Handlungsempfehlungen. Die Teilnahme steht allen interessierten Fachleuten offen und ist unabhängig von der Mitgliedschaft im APS.

Arbeitsgruppen (Beispiele):

  • Eingriffsverwechslungen
  • Patientenidentifikation
  • CIRS (Critical Incident Reporting System) im Krankenhaus
  • Behandlungsfehlerregister
  • Arznei­mittel­therapie­sicherheit
  • belassene Fremdkörper
  • medizinproduktassoziierte Risiken

Forschungsprojekte (Beispiele):

  • Evaluation und Implementierung von Handlungsempfehlungen
  • Entwicklung von Patientensicherheitsindikatoren, gemeint sind Kennzahlen, anhand derer sich das Risiko eines (vermeidbaren) unerwünschten Ereignisses einschätzen lässt
  • Krankenhausbefragung und Sicherheitskultur Internetadresse: www.aktionsbuendnis-
    patientensicherheit.de

Das Institut für Patientensicherheit der Universität Bonn

wird finanziell durch das Aktionsbündnis Patientensicherheit getragen. Das Institut soll die praktische Arbeit des APS zu konkreten Empfehlungen und Verbesserungsmaßnahmen durch die wissenschaftliche Evaluation auf Basis der Versorgungsforschung ergänzen. Dazu besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Deutschen Netzwerk für Versorgungsforschung (DNVF; www.netzwerk-versorgungsforschung.de).

Seit dem Wintersemester 2009 beteiligt sich das Institut zudem am Lehrangebot der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, mit der ein auf fünf Jahre befristeter Kooperationsvertrag besteht. Ziel ist es, das Thema Patientensicherheit auch in der Medizinerausbildung zu verankern.

Internetadresse: www.ifpsbonn.de

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