ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2010Pellworm: Wo der Wind die Schafe kämmt

KULTUR

Pellworm: Wo der Wind die Schafe kämmt

Dtsch Arztebl 2010; 107(41): A-1993 / B-1737 / C-1709

Schiller, Bernd

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Der Dichter Detlef von Liliencron hat anderthalb Jahre auf der kleinen nordfriesischen Insel gelebt, geliebt und reichlich Grog getrunken.

Hermann Petersen ist ein sehr norddeutscher Charakter. Er redet nicht viel, er schaut bedächtig. Und er hat Talente, die er dem Besucher erst nach einer Weile offenbart. Wenn man zum Beispiel in aller Ruhe einen Tee oder einen Pharisäer miteinander getrunken hat, den friesisch-steifen Kaffee mit einem Schuss Rum und einer Sahnehaube.

37 Quadratkilometer grünes Land – auf Pellworm kann man auf originelle Art heiraten. Auf dem alten Leuchtturm haben sich schon mehr als 2 600 Paare das Jawort gegeben. Foto: Bernd Schiller
37 Quadratkilometer grünes Land – auf Pellworm kann man auf originelle Art heiraten. Auf dem alten Leuchtturm haben sich schon mehr als 2 600 Paare das Jawort gegeben. Foto: Bernd Schiller
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Petersen ist ein Künstler. Er lebt und töpfert auf dem Liliencron-Hof, der auf einer Warft im grünen Herzen der Insel Pellworm thront. Petersen versteht sich in erster Linie als guter Pottemager, wie sie dort oben, unweit der dänischen Grenze, Gebrauchskeramiker nennen. Tassen und Teller, Pütt und Pann sind sein Alltag.

Aber Hermann Petersen ist auch ein wunderbarer Liliencron-Rezitator. Mal mit prallem, mal mit sanftem Humor trägt er Gedichte des naturalistischen Lyrikers vor, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts anderthalb Jahre lang auf Pellworm gelebt hat. Zuerst, im Frühjahr 1882, in Jensens Gasthof, danach auf der Muhl-Warft, Petersens heutiger Werkstatt und Wohnung.

Detlev von Liliencron, 1844 in Kiel geboren, stammte aus verarmtem Landadel. Wie es damals für einen jungen Mann seines Standes üblich war, machte er zunächst Karriere bei der Kavallerie und zog in die Kriege von 1866 und 1870/71. Er war wohl zeitlebens ein Bruder Leichtfuß, musste sogar einmal vor seinen Schulden bis nach Amerika flüchten, kehrte aber nach zwei Jahren nach Deutschland zurück. Zwei Ehen scheiterten.

Auf Pellworm jedoch, weltenfern im Wattenmeer Nordfrieslands gelegen, hat er sich, wenn man seinen Briefen, Balladen und Gedichten glauben mag, wohlgefühlt: 37 Quadratkilometer grünes Land, heute nur 35 Minuten mit der Fähre von Nordstrand entfernt, 1 200 Einwohner, ein gemütlicher Kutterhafen, 40 stattliche Bauernhöfe und eine Geschichte, die von Sturmfluten und den Traditionen des Nordens geprägt ist.

Im Frühjahr 1882 trat von Liliencron dort oben das Amt des Hardesvogts an, einer Art Landrat. Das Amt hat er nicht besonders gemocht, aber gelebt hat er in vollen Zügen auf dem Inselchen. Stürmisch wie der ewige Nordwestwind hat er geliebt und gedichtet, hat „zwischen Mine und Stine“ gesessen, „…den hellblonden … Friesenmädchen“ und reichlich Grog getrunken. Es war der weite Himmel, der ihn fasziniert hat, es waren die Vogelwelt, die Seehundbänke, die Deiche, die Warften und vor allem das Meer: „Die Nordsee ist grandios, furchtbar ernst, die Ostsee wirklich nur ein Teich dagegen.“

Manchmal, wenn ein Sturmtief drei Tage lang wütet, wenn die inseleigene Wetterstation Böen meldet, die mit mehr als 110 Stundenkilometern die Bäume beugen und die See in schweren Fluten gegen die Deiche rollen lassen, kann es vorkommen, dass auch die hartnäckigsten Inselfreunde sich nach Hause sehnen. Aber kurze Zeit später, wenn das Meer sich eingekräuselt hat, wenn der übliche Wind wieder die Schafe kämmt oder wenn, wie an jedem Mittwoch im Sommer, die 300 Jahre alte Arp- Schnitger-Orgel in Sankt Salvator ihre Klangfülle aufbrausen lässt, sind alle schnell versöhnt mit ihrer kleinen Insel.

Bernd Schiller

Auskunft: Tourist-Information, 25849 Pellworm, Telefon: 04844  18940, www.pellworm.de

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