POLITIK

Deutscher Apothekertag: Apotheker schlagen Alarm

Dtsch Arztebl 2010; 107(41): A-1956 / B-1712 / C-1684

Hibbeler, Birgit

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Durch das Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz sehen sich die Apotheker unverhältnismäßig belastet. Sie rechnen mit dramatischen Einbußen und warnen vor einem Apothekensterben.

Protest gegen den Gesetzentwurf: Die Apotheker wollen, dass das AMNOG geändert wird.
Protest gegen den Gesetzentwurf: Die Apotheker wollen, dass das AMNOG geändert wird.

Die deutschen Apotheker befürchten das Schlimmste: Apothekenschließungen, die Ausdünnung der flächendeckenden Versorgung und mehr Macht für die Pharmahandelskonzerne. „Viele Apotheken sind konkret bedroht, die hochwertige und sichere Arzneimittelversorgung der Bevölkerung gerät in Gefahr“, warnte Heinz-Günter Wolf, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Die Apotheken fühlen sich von der Gesundheitspolitik unfair behandelt. Während Ärzte und Krankenhäuser weiterhin Vergütungszuwächse verzeichnen könnten, werde bei den Apothekern abkassiert, kritisierte Wolf beim Deutschen Apothekertag am 7. Oktober in München.

Kürzungen beim Großhandel

Stein des Anstoßes ist das Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetz (AMNOG). Mit ihm soll unter anderem die Vergütung des pharmazeutischen Großhandels neu geregelt werden. Das könnte den Apothekern zunächst einmal egal sein, doch sie sind davon überzeugt, dass die Kürzungen im Endeffekt sie treffen werden. Sie rechnen mit einer Belastung von mehr als 500 Millionen Euro jährlich. Der Großhandelsverband Phagro hat nach Angaben der ABDA bereits angekündigt, die Honorarkappung vollständig an die Apotheker weiterzugeben. In Deutschland kontrollieren fünf Unternehmen rund 90 Prozent des Arzneimittelhandels. Wenn diese zum Beispiel neue Liefer- und Servicepauschalen erheben, könnten am Ende die Apotheker die Zeche zahlen. „Das ist nicht nur ungerecht, sondern sagen wir es frei her-aus: Das ist Raubbau“, sagte Wolf unter dem Beifall der Delegierten.

Entsprechend lautet das Motto einer ABDA-Kampagne „Stoppt den Raubbau an der Apotheke!“. Bürgerinnen und Bürger sollen eine Protestpostkarte an den Bundestagsabgeordneten aus ihrem Wahlkreis schicken, damit das AMNOG in letzter Minute doch noch geändert wird. Auch Wolf forderte die Politik auf, die geplante Regelung noch einmal zu überdenken. Es bestehe die Gefahr, dass künftig Pharmahandelskonzerne die Versorgung kontrollierten. „Dann haben wir dieselbe Situation wie in der Energieversorgung“, mahnte Wolf.

Pick-up-Stellen bleiben

Es ist nicht das erste Mal, dass die Apothekerverbände vor dem Ende der hochwertigen, wohnortnahen Arzneimittelversorgung warnen. Doch diesmal ist die Situation anders, denn die Enttäuschung über die Bundesregierung ist groß. Schließlich hatte Schwarz-Gelb durchaus vielversprechende Signale an die Apotheker gesandt und Forderungen der Berufsverbände aufgegriffen. So einigten sich Union und FDP im Koalitionsvertrag auf ein Verbot von „Pick-up-Stellen“. Die Abgabe von Medikamenten beispielsweise in Drogeriemärkten sollte ein Ende haben. Im aktuellen Entwurf des AMNOG findet sich dazu allerdings nichts.

Enttäuscht von Schwarz-Gelb

Und so sahen sich die Vertreter von Union und FDP auf dem Apothekertag in Erklärungsnot. Der Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer (CSU) stellte klar: „Wir wollen nach wie vor, dass Pick-up-Stellen verboten werden.“ Allerdings seien in juristischen Gutachten verfassungsrechtliche Bedenken gegen ein solches Verbot geäußert worden. Im Bundeskabinett habe man sich daher nicht auf das Vorhaben verständigen können. Sowohl Singhammer als auch der Arzt und FDP-Politiker Erwin Lotter hielten ein Plädoyer für eine flächendeckende Arzneimittelversorgung durch inhabergeführte Apotheken. Zum AMNOG sagte Lotter, man müsse nun die Ergebnisse der Anhörung auswerten.

Martina Bunge von der Linksfraktion schlug sich ebenfalls auf die Seite der Pharmazeuten „obwohl die Apotheker nachweislich nicht unbedingt unsere Wähler sind“. Vertreter von SPD und Grünen waren unterdessen gar nicht erst angereist. Die Sozialdemokraten schickten immerhin ein Grußwort per Post. Auch Ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler (FDP) kam nicht nach München, sondern sein Staatssekretär Stefan Kapferer. Konkrete Zugeständnisse bezüglich des AMNOG machte er nicht. Derzeit befinde man sich in der „Feinjustierung des Gesamtkonzeptes“. In diesem Prozess sei es besser im Dialog miteinander zu reden, als in Kampagnen übereinander.

Dr. med. Birgit Hibbeler

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