ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2010Allgemeinmedizin: Auch Frauen haben Landarztpraxen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

. . . Ich bin als Fachärztin für Allgemeinmedizin und „bekennende“ Landärztin in Thüringen seit Jahren gemeinsam mit einer Reihe Kolleginnen bestrebt, Absolventen für den Beruf des Hausarztes zu gewinnen. Besonders positiv ausgewirkt hat sich meiner Erfahrung nach stets der direkte Kontakt der Studierenden, beziehungsweise der jungen Ärzte mit engagierten Kollegen von der Basis. Das Kennenlernen der Realität war in vielen Fällen nicht unbedingt abschreckend.

Umso mehr erstaunte mich der Satz von Prof. Donner-Banzhoff, dass für Frauen, deren Anteil bei den Medizinstudenten 75 Prozent beträgt, eine Einzelpraxis auf dem Land „nicht attraktiv“ beziehungsweise „nicht machbar“ ist.

Anzeige

Und das in einem Artikel über die Zukunftskonzepte der Allgemeinmedizin auf dem Land? Ja, wer soll denn dann auf dem Land praktizieren? Die 25 Prozent der jungen männlichen Ärzte? Die Ärztinnen werden dann Chirurginnen in Krankenhäusern oder gehen halbtags in Instituten theoretischen Tätigkeiten nach?

Man entschuldige meine Ironie.

Aber warum trauen wir unseren hochmotivierten, intelligenten, fleißigen und belastbaren jungen Ärztinnen nicht zu, eine eigene Praxis auf dem Lande zu führen?

In Thüringen sind Frauen unter den Hausärzten mit 60 Prozent die Mehrzahl. Praxen in ländlichen Gegenden werden regional unterschiedlich in einem Prozentsatz von 54 bis 60 Prozent von Ärztinnen geführt. Das sind hauptsächlich Einzelpraxen.

Ich wage zu behaupten, dass die Mehrzahl dieser Kolleginnen in ihrem Beruf erfolgreich und zufrieden ist. Sie sind meistenteils verheiratet, haben oft mehrere Kinder.

Entscheidend ist doch hier wohl nicht das Geschlecht, sondern sind multiple Faktoren, die für die Tätigkeit als Hausärztin oder -arzt auf dem Lande eine Rolle spielen.

Zum einen liegen sie in den persönlichen Vorstellungen und Einstellungen der Ärztinnen und Ärzte, zum anderen im sozialen Umfeld.

Auf dem Lande gibt es oft ein intaktes soziales Gefüge, Kinderbetreuung auch zu „Unzeiten“, ein überschaubares Umfeld, um Kinder und Beruf vereinbaren zu können. Engagierte Lebenspartner, die ebenso im Berufsleben stehen, aber Alltagsanforderungen arbeitsteilig erledigen, sind ein entscheidender Beitrag für den Erfolg. Natürlich muss einem das Landleben auch „liegen“, man muss die Nähe der Patienten aushalten können und deren „Geschichten“ lieben. Aber ein individueller Umgang auch damit ist immer möglich.

Als Problem auf dem Lande wird oft eine zu hohe Arbeitsbelastung angesehen. Ohne Zweifel werden in Landpraxen oft mehr Patienten betreut als im städtischen Bereich. Aber ein 24-Stunden-Dauereinsatz sieben Tage die Woche gehört bei uns in Thüringen der Vergangenheit an. Wir haben flächendeckend ein funktionierendes Dienstsystem, was mit ein bis zwei Diensten pro Monat keinen niedergelassenen Kollegen mehr überfordert. Freizeit ist möglich!

Mehr Patienten in der Praxis bedeuten mehr Arbeit, aber nicht nur das. Sie stellen eine Herausforderung dar für Organisation und Teamarbeit. Nebenbei wird auch das Honorar entsprechend höher ausfallen.

Warum sollte sich eine Frau mit einem derart anspruchsvollen und langen Studium nicht solchen Herausforderungen stellen?

Frauen sind belastbar, kreativ, flexibel, empathisch und zeichnen sich unter anderem auch dadurch für den Beruf einer „Landärztin“ aus.

Nicht jede strebt nach einer Gemeinschaftspraxis oder einer Anstellung im MVZ. Es gibt Individualisten, bodenständige junge Menschen, Risikofreudige beziehungsweise solche, deren Pläne für ihr Leben oft anders aussehen, als wir uns das pauschal vorstellen. Und für alle muss eine Möglichkeit vorhanden sein, erfolgreich und zufrieden in ihrem Beruf arbeiten zu können . . .

Dr. med. Annette Rommel, Mitglied des Vorstandes der Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen, Lehrarztpraxis für Allgemeinmedizin der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 99880 Mechterstädt

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige