ArchivDeutsches Ärzteblatt41/20103 Fragen an . . . Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm

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3 Fragen an . . . Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm

Dtsch Arztebl 2010; 107(41): A-1962 / B-1715 / C-1687

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Worauf sollte der Arzt besonders achten, wenn ein Patient Missbrauchserfahrungen schildert?

Fegert: Die Forschung zeigt, dass Ärzte zwar priviligierte Erstansprechpartner sind, aber leider keine begnadeten Dokumentatoren. Wichtig ist, alles, was irgendwann einmal gerichtsrelevant werden könnte, genau – am besten im Wortlaut – zu dokumentieren. Wir Ärzte und Psychotherapeuten umschreiben lieber, als den Patienten selbst sprechen zu lassen. Die Erstaussage ist aber die relevanteste Aussage im Gerichtsverfahren. Der Arzt sollte auch die Entstehungsbedingungen der Aussage dokumentieren, also, ob er aktiv bei einem Verdacht danach gefragt hat oder ob der oder die Betroffene dies selbst spontan geäußert hat. Nach der Kampagne werden sich vermutlich viele ermutigt fühlen, den Arzt anzusprechen.

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Ganz wichtig ist auch, Schilderungen des sexuellen Missbrauchs ohne starken negativen Affekt entgegenzunehmen, weil sie für den Betroffenen meist mit Angst und Scham verbunden sind.

Welche Konsequenzen sollte der Arzt aus den Informationen ziehen?

Fegert: Zunächst einmal sollte der Arzt sich absolut nicht in Geheimnisse einbinden lassen. Er ist häufig nicht in der Lage, beispielsweise ein Kind vor weiteren Übergriffen zu schützen. Ein geschütztes Milieu bieten hingegen Kinderkrankenhäuser oder Kinderpsychiatrien, wohin man wegen psychischer Symptome überweisen kann. Leider kommunizieren die Kollegen einen Verdacht viel zu selten, sondern hoffen, dass wir selbst darauf kommen. Manchen Fällen sieht man die Dringlichkeit aber nicht an, und unsere Wartelisten sind lang.

Grundsätzlich geht Kinderschutz auch mit Datenschutz einher, wenn die Eltern in Risikosituationen von uns überzeugt werden können, dass die Einschaltung des Jugendamts wichtig ist.

Wann darf der Arzt die Daten an das Jugendamt weitergeben, ohne die Schweigepflicht zu verletzen?

Fegert: Grundsätzlich stellt § 203 Strafgesetzbuch die unbefugte Informationsweitergabe an Dritte unter Strafe, weshalb in vielen Bundesländern eine spezielle Befugnis zur Weitergabe konstruiert wird. Diese sogenannte Befugnisnorm muss unbedingt erweitert werden, und sie sollte vor allem bundesweit einheitlich sein. Seit dem Fall Kevin vor zwei Jahren hat jedes Bundesland ein anderes Kinderschutzgesetz verabschiedet. In Bayern zum Beispiel besteht eine Meldepflicht beim Jugendamt, in Baden-Württemberg die Pflicht zur Güterabwägung in Bezug auf die Kindeswohlgefährdung. Wir haben Kinderärzte in beiden Ländern befragt, sie kannten die Regelungen schlicht nicht. Wir brauchen daher unbedingt ein Bundeskinderschutzgesetz, das auch den Ärzten Rechtssicherheit gibt.

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