POLITIK

Sexueller Missbrauch: Prävention und wirksame Therapien

Dtsch Arztebl 2010; 107(41): A-1960 / B-1714 / C-1686

Bühring, Petra

Die Bundesministerien für Bildung und Forschung, Justiz und Familie haben aus den Beratungen am „Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch“ erste Konsequenzen gezogen.

Seitdem Anfang dieses Jahres viele Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch in Schulen und Internaten an die Öffentlichkeit gedrungen sind, ist einiges in Bewegung gekommen. Der von der Bundesregierung eingesetzten Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann, haben sich in den letzten Monaten mehr als 4 500 Betroffene anvertraut (siehe Interview in DÄ/Heft 38/2010). Besonders viele nutzten die Hotline der Missbrauchsbeauftragten nach dem Start der Kampagne „Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter“ (www.sprechen-hilft.de) ab Mitte September. Auch die Ärzte sind aufgefordert, der Missbrauchsbeauftragten ihre Erfahrungen unter der Hotline 0800 2255530 mitzuteilen. Die Kampagne will Betroffene ermutigen, über sexuellen Missbrauch zu sprechen, um so „die Macht des Täters zu brechen“.

Flyer, Postkarten und Abreißzettel mit den Motiven der Kampagne werden die Kassenärztlichen Vereinigungen demnächst an Ärzte und Psychotherapeuten verteilen. Sie können in der Praxis ausgelegt werden. Einem Teil dieser Ausgabe liegt ein Flyer bei.
Flyer, Postkarten und Abreißzettel mit den Motiven der Kampagne werden die Kassenärztlichen Vereinigungen demnächst an Ärzte und Psychotherapeuten verteilen. Sie können in der Praxis ausgelegt werden. Einem Teil dieser Ausgabe liegt ein Flyer bei.
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Die drei Bundesministerien, die den Vorsitz für den „Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch“ übernommen haben, haben aus den Beratungen erste Konsequenzen gezogen. So stellt Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung (BMBF), insgesamt 32 Millionen Euro für Forschungsprojekte zur Verfügung. In einem interdisziplinären Forschungsnetz sollen „die besten Wissenschaftler aus der medizinischen, psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung“ zusammenarbeiten, um Maßnahmen für eine bessere Prävention von Gewalt an Kindern und wirksame Therapien für Betroffene zu entwickeln.

Denn viele Therapien mit Missbrauchsbetroffenen seien nicht zielführend und nicht evidenzbasiert, kritisiert Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm, der die wissenschaftliche Begleitung der Hotline der Missbrauchsbeauftragten übernommen hat. „Viele der Betroffenen klagen, dass ihnen die Therapie nicht geholfen oder nicht ausgereicht hat“, sagt Fegert. Es gebe Studien aus den USA, die die Wirksamkeit der traumafokussierten Verhaltenstherapie belegten. Fegert hofft, dass unter den vom BMBF geförderten Forschungsprojekten eine Psychotherapiestudie sein werde, die die Methoden für Deutschland überprüfe.

Auch in das allgemeine Medizinstudium müsse das Thema sexuelle Gewalt integriert werden, fordert Fegert. „Auf dem Land ist der Hausarzt meist der erste Ansprechpartner.“ Außerdem sollte es unbedingt in die fachspezifische Weiterbildung von Kinderärzten und Kinder- und Jugendpsychiatern regelhaft aufgenommen werden. Und auch in der allgemeinen Psychotherapeutenausbildung werde das Thema Missbrauch bislang nur „sehr wenig berücksichtigt“, weiß Fegert.

Ein Teil des Geldes aus dem Hause Schavan soll deshalb in die bildungswissenschaftliche Forschung fließen. Des Weiteren soll damit die einzige deutsche Repräsentativbefragung zum Ausmaß des sexuellen Kindesmissbrauchs aus dem Jahre 1992 aktualisiert und erweitert werden. „Wir werden nun noch besser klären können, welche Kinder ein besonders hohes Missbrauchsrisiko haben, von welchen Personen die größte Gefahr ausgeht und welche Präventionsansätze Erfolg versprechen“, erklärt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts und Leiter dieser Untersuchung, Prof. Dr. Christian Pfeiffer.

Kinderschutz durch Therapie potenzieller Täter

Die Existenz des erfolgreichen Präventionsprojekts „Kein Täter werden“, das am Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Berliner Charité angesiedelt ist, hat das Bundesministerium der Justiz für die nächsten drei Jahre gesichert und zudem die Mittel auf jährlich 387 000 Euro aufgestockt. Das gab Ministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bekannt. Das präventive Therapieangebot (www.kein-taeter-werden.de) richtet sich an Männer, die pädophile sexuelle Neigungen bei sich feststellen und befürchten, Übergriffe zu begehen. Die Psychotherapeutenkammer Hessen begrüßt dieses Angebot ausdrücklich und fordert die Landesregierung auf, ein Modellprojekt in Hessen einzurichten. Die Bundesjustizministerin will zudem einen Gesetzentwurf vorlegen, mit dem die Verjährungsfrist für alle Schadensersatzansprüche von Opfern sexueller Gewalt von derzeit drei auf 30 Jahre verlängert wird.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder versprach schließlich drei Millionen Euro, um Fachkräfte, die in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten, umfassend zum Thema sexuelle Gewalt fortzubilden. Diese Fortbildungsoffensive wird zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung e.V. durchgeführt. Die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses soll zudem für alle hauptamtlichen Mitarbeiter in solchen Einrichtungen verpflichtend werden. Dies will Schröder in den Entwurf für ein Bundeskinderschutzgesetz einbringen. Der Entwurf soll allen öffentlichen Trägern auftragen, Kinderschutzstandards zu entwicklen, anzuwenden und auch zu überprüfen.

Petra Bühring

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