ArchivDeutsches Ärzteblatt42/20102. World Health Summit: Botschaften von globaler Relevanz

POLITIK

2. World Health Summit: Botschaften von globaler Relevanz

Dtsch Arztebl 2010; 107(42): A-2019 / B-1763 / C-1735

Meißner, Marc; Merten, Martina; Siegmund-Schultze, Nicola

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Fotos: Steffen Kugler
Fotos: Steffen Kugler

Vom 9. bis 13. Oktober trafen sich internationale Meinungsführer aus Wissenschaft, Forschung, Zivilgesellschaft, Industrie und Politik in Berlin. Das Deutsche Ärzteblatt war Gastgeber einer Diskussionsrunde zu innovativen Finanzierungsmechanismen.

Dass Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Philipp Rösler (FDP) beim 2. World Health Summit (WHS) an der Berliner Charité nicht nur selbst sprach, sondern sich bei der Eröffnung mehr als zwei Stunden Zeit für die Reden der anderen nahm, darf man wohl als Zeichen werten: Der Weltgesundheitsgipfel wird als potenzieller Ratgeber für die Politik ernst genommen. Schon jetzt. Die Wissenschaft möchte ihren Einfluss auf gesundheitsrelevante, politische Entscheidungen international dauerhaft stärken – als eigene Kraft, die von ökonomischen und politischen Interessen unabhängig ist. Das Ziel sei, die Ungleichheiten der gesundheitlichen Versorgung zwischen den verschiedenen Ländern, aber auch innerhalb einzelner Nationen zu verringern, sagten die beiden Präsidenten des WHS, Prof. Dr. med. Stephen K. Smith vom Imperial College London und Prof. Dr. med. Detlef Ganten (Charité).

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So liegt die durchschnittliche Lebenserwartung in wenig entwickelten Ländern der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zufolge um mehr als 40 Jahre unter der von Ländern mit guter Gesundheitsversorgung wie Japan, Australien oder der Schweiz (79–80 Jahre). Aber auch innerhalb von Industrienationen kann das Gefälle groß sein. In einem Stadtteil von Glasgow mit hoher Arbeitslosigkeit und vergleichsweise geringem Bildungsstand sterben die Männer mit durchschnittlich 53,9 Jahren vor allem als Folge von ungesundem Lebensstil und Suchterkrankungen, 79 Jahre betrage der Durchschnitt für britische Männer, berichtete Prof. Michael Marmot, Epidemiologe am Imperial College of London. Marmot hat soziale Einflüsse auf die Gesundheit im Auftrag der WHO untersucht. Zsuzsanna Jakab, Generaldirektorin der WHO Region Europa, äußerte die Besorgnis darüber, dass wirtschaftliche und strukturelle Ungleichheiten innerhalb und zwischen Ländern – in Assoziation mit einem hohen Gefälle des Gesundheitszustands der Menschen sowie dem Klimawandel – zunehmend sozialen Sprengstoff liefern werden.

Zu internationalen Institutionen wie der WHO sieht sich der Weltgesundheitsgipfel nicht in Konkurrenz, sondern als „neue Stimme“. Mit circa 1 200 Teilnehmern brachte der WHS Vertreter aus Medizin, Gesundheitswissenschaften, Regierungen, Nicht-Regierungsorganisationen und Industrie ins Gespräch in einer von Umfang und Zusammensetzung seltenen Kombination.

Diskutanten der Veranstaltung des Deutschen Ärzteblatts „Funding Global Health: Can Innovative Mechanisms Save the Poor?“ Peter Piot (Imperial College London, links), Joelle Tanguy ( GAVI, Mitte links), Rifat Atun (Globaler Fonds, Mitte rechts)
Diskutanten der Veranstaltung des Deutschen Ärzteblatts „Funding Global Health: Can Innovative Mechanisms Save the Poor?“ Peter Piot (Imperial College London, links), Joelle Tanguy ( GAVI, Mitte links), Rifat Atun (Globaler Fonds, Mitte rechts)

Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist das Spektrum von Meinungsführern wie Vertretern der Nationalakademien und Entscheidungsträgern repräsentativer geworden: Mehr als 70 Länder waren vertreten, deutlich mehr afrikanische und südamerikanische Länder als 2009. Dies war im Sinne der Zielsetzung, für die Lösung der drängendsten, globalen Gesundheitsprobleme nach Fachgebiets- und institutionsübergreifenden Wegen zu suchen mit der Frage: Welchen Beitrag kann die Wissenschaft zur Lösung leisten? „Evidenz aus medizinischer Wissenschaft und Gesundheitsversorgungsforschung sind für wenig entwickelte Länder besonders wichtig, weil sie eine unanfechtbare Grundlage für sinnvolle Prävention und Behandlung liefern“, sagte Prof. Dr. Mohammed Hassan von der Academy of Sciences for the Developing World. Die drei Hauptthemen des WHS:

  • die Überführung von Innovationen der Wissenschaft in neue therapeutische Ansätze („translation“)
  • die Umwandlung der Krankenversorgung in wirksame, präventionsorientierte Gesundheitsversorgung durch die Politik („transformation“) und
  • die Bewältigung der Probleme durch demografische Veränderungen und Zunahme chronischer Erkrankungen in unterfinanzierten Systemen („transition“).

Nicht nur Minister Rösler machte deutlich, dass die Übertragung des medizinisch-technischen Fortschritts in eine gute Gesundheitsversorgung nur sektorenübergreifend erfolgen könne, aber das System an seine finanziellen Grenzen führe. Vertreter der Industrie pflichteten ihm bei. „Wir müssen uns umstellen – vom Pillenverkäufer zu einem Gesundheitsversorger, der den Fokus auf den Patienten legt“, erklärte Joe Jimenez, Konzernchef der Novartis AG. Eine weitere Botschaft vonseiten der Industrie: Es gelte, im Gesundheitswesen vom Wettbewerb zu mehr Zusammenarbeit zu kommen.

Lebhafte Diskussionsrunde beim Deutschen Ärzteblatt

Dabei dürften sich die bestehenden Probleme durch die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels noch verstärken. Die Erde habe in den vergangenen Jahrzehnten einen regelrechten „Hitzeschock“ bekommen, sagte Prof. Dr. rer. nat. Hans Joachim Schellnhuber (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung). Allein seit 1980 habe sie sich um durchschnittlich 0,2 Grad Celsius pro Jahrzehnt erwärmt. Schon bei einer längeren Temperatursteigerung um vier bis fünf Grad wären in einigen Regionen unmittelbar physiologische Grenzen für den Menschen erreicht – abgesehen von den Problemen erhöhter Anfälligkeit für körperliche und seelische Krankheiten, Nahrungs- und Wasserknappheit. Große Wanderungsbewegungen würden einsetzen. „Wessen Staates Bürger sollen Menschen sein, deren Land nicht mehr existiert?“, fragte Schellnhuber.

Eine der Kernfragen beim WHS in Berlin lautete: Wie sollte die internationale Gemeinschaft globale Gesundheit künftig finanzieren? Zu diesem Thema hatte das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) als Medienpartner des Weltgesundheitsgipfels eingeladen.

Moderator James Chau (CCTV-9)
Moderator James Chau (CCTV-9)

Einer der wichtigsten und erfolgreichen Geldgeber für globale Gesundheit ist der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids/HIV, Tuberkulose und Malaria. Daher stelle sich die Frage, so Diskussionsleiter James Chau (Chefsprecher des chinesischen Fernsehsenders CCTV-9), ob es Sinn machen würde, sein Mandat deutlich zu erweitern. Rifat Atun, Professor für International Health Management am London Imperial College und Strategieexperte beim Globalen Fonds, bejahte dies, gab aber zu bedenken, dass der Fonds bereits jetzt unterfinanziert sei: „Für die nächsten drei Jahre stellen die Geberländer dem Globalen Fonds zwar 11,8 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Allein um die bisherigen Programme auszuweiten, sind jedoch weitere sechs Milliarden notwendig“, so Atun.

Prof. Peter Piot, Direktor des Institute for Global Health am Imperial College (London) forderte, dass Finanzmittel zielgenauer eingesetzt werden müssten: „Warum sollte der Global Fund Geld in Länder mit einem mittleren Einkommen investieren, wenn die dortige Regierung nichts zur Bekämpfung von Aids beiträgt? Dieses Geld könnten wir sparen und es dort einsetzen, wo es dringender gebraucht wird.“

Dr. Joelle Tanguy, Geschäftsführerin der Global Alliance for Vaccines and Immunization (GAVI), stimmte zu, dass Empfängerländer politischen Willen und Engagement für die Gesundheit der Bevölkerung zeigen müssten. „Allerdings sind sie schon durch Aids/HIV, Malaria und Tuberkulose stark belastet. Sie selbst können keine zusätzlichen Steuern aufbringen“, so Tanguy. Deshalb brauche man eine globale Steuer. Denkbar sei eine Abgabe auf Finanztransaktionen (Robin-Hood-tax) zu erheben, die insbesondere Banken, Hedgefonds und Finanzinstitute treffen würde (Kasten). Auch Steuern auf Konsumgüter oder Freizeitaktivitäten seien möglich. Atun mahnte jedoch zur Transparenz: „Wenn wir eine neue Steuer einführen, müssen die Menschen nachvollziehen können, wofür genau dieser Beitrag ausgegeben wird.“

Einig waren sich die Diskutanten des DÄ-Panels, dass künftig die Finanzierung über Privatspenden eine wesentliche Rolle spielen wird. „Das bekannte Modell basiert dar- auf, Gelder zu geben und dann zu sehen, was damit gemacht wird“, erklärte Atun. Spenden von Privatleuten seien aber fast immer auf bestimmte Projekte bezogen. „Da muss sich unsere Arbeit ändern.“ Die Weltwirtschaftskrise hat in vielen Ländern das Gesundheitssystem geschwächt, die Folgen sind spürbar. Während eine hohe Eigenbeteiligung in wirtschaftlich prosperierenden Ländern kein Hinderungsgrund für den Gang zum Arzt oder in die Apotheke darstellt, schreckt sie Patienten in einem Land wie Uganda in vielen Fällen ab. „96 Prozent unserer Krebspatienten können sich keine ärztliche Versorgung leisten“, berichtete der ugandische Vizepräsident Gilbert Balibaseka Bukenya.

So sehr viele afrikanische Länder gewillt sind, aus eigener Kraft – durch höhere Steuerzuschüsse, eine höhere Eigenbeteiligung oder höhere Beiträge zu einer sozialen Kran­ken­ver­siche­rung – die Finanzierungslast zu senken, „ohne externe Hilfe könnten sie die Herausforderungen im Gesundheitsbereich nicht bewältigen“, unterstrich der Ge­sund­heits­mi­nis­ter von Ruanda, Dr. Richard Sizibera.

Prof. Dr. Michel D. Kazatchkine, geschäftsführender Direktor des Globalen Fonds, forderte mehr Eigenverantwortung der Empfängerländer: „Wir können nicht von Washington aus entscheiden, was zu finanzieren ist!“ Entscheidende Fortschritte müssten auch nicht immer viel Geld kosten, wie zum Beispiel Moskitonetze zur Prävention von Malaria. Auch Piot mahnte zu mehr Verantwortung der Empfängerstaaten: „Ohne den politischen Willen der Empfängerländer wird die Aufstockung des Geldes allein nichts bewirken.“ Die Geberstaaten müssten allerdings selbst stärker evaluieren, welche Ergebnisse die internationale Entwicklungshilfe in den jeweiligen Ländern im Gesundheitsbereich habe, forderte Tanguy.

Dr. Juan Garay, Gesundheitsfachmann bei der Europäischen Kommission, warf einen kritischen Blick auf die internationale Entwicklungshilfe: „Es gibt weltweit 100 globale Initiativen im Gesundheitsbereich und zahlreiche bilaterale Abkommen.“ In den Empfängerländern gehe sehr viel Zeit dadurch verloren, den jeweiligen Initiativen Bericht zu erstatten und die Finanzen zu regeln: „Was wir alle gut meinen, hat leider vielerorts zu Chaos geführt“, sagte Garay.

Dr. rer. nat. Marc Meißner, Martina Merten

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

innovative Finanzierungsmodelle

  • Advance Market Committment (AMC): Das AMC ist darauf ausgerichtet, eine beständige Versorgung mit Medikamenten und Impfstoffen (zum Beispiel gegen Pneumokokken und Rotavirus) zu gewährleisten sowie den Ausbau der entsprechenden Produktionskapazitäten in den ärmsten Ländern der Welt zu fördern. Um Pharmafirmen zur Entwicklung eines Medikaments für vernachlässigte Krankheiten zu motivieren, wird bei Erfolg eine große Abnahmemenge zu einem festen Preis garantiert, der auch für die Entwicklungsländer erschwinglich ist.
  • Debt2Health: Schuldenumwandlungsinitiative des Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV/Aids, Malaria und Tuberkulose; gezielter Schuldenerlass soll Finanzmittel des Entwicklungslandes freisetzen, die mit Hilfe des Globalen Fonds in dringende Gesundheitsmaßnahmen gegen Aids, Malaria und Tuberkulose umgesetzt werden.
  • International Financing Facility for Immunization (IFFIm): Anschubfinanzierung von Impfprogrammen – Finanzinstitution, die auf der Basis von Spendenzusagen auf den internationalen Finanzmärkten Kredite zur sofortigen Verwendung aufnimmt. Ziel der IFFIm ist, die Verfügbarkeit von Geldern für Gesundheits- und Impfprogramme in den 70 ärmsten Ländern der Welt zu beschleunigen. Die Gelder, die von der GAVI Alliance vergeben werden, dienen dem Ausbau der Gesundheitssysteme und der Unterstützung von Impfprogrammen.
  • UNITAID: Internationale Einrichtung zur Beschaffung von Medikamenten gegen Aids, Tuberkulose und Malaria. Sie wurde im September 2006 auf Initiative Brasiliens (Präsident Lula da Silva) und Frankreichs (Präsident Jacques Chirac) hin zusammen mit den Regierungen von Chile, Großbritannien und Norwegen gegründet. Finanzierung durch Solidaritätsabgabe auf Flugtickets (www.unitaid.eu/)

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