ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2010Präimplantationsdiagnostik: Das Parlament ist gefragt

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Präimplantationsdiagnostik: Das Parlament ist gefragt

Dtsch Arztebl 2010; 107(42): A-2044 / B-1777 / C-1749

Richter-Kuhlmann, Eva

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In den Ländern, in denen die PID prinzipiell zugelassen ist, besteht oft gleichzeitig ein hoher Druck, den Anwendungsbereich zu erweitern.

Foto: Caro
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Die Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) vom Juli, die Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland grundsätzlich zuzulassen, lässt es innerhalb der schwarz-gelben Koalition einmal mehr knirschen und krachen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach sich jetzt mit Nachdruck für ein Verbot der PID aus. Ganz anderer Meinung ist der Koalitionspartner: „Wir wollen klarstellen, dass die PID ohne jeden Zweifel möglich ist“, sagte bereits Anfang Oktober die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Ulrike Flach. Sie müsse jedoch „auf schwere genetische Krankheitsdispositionen“ beschränkt bleiben und dürfe nur von geschultem Personal an lizenzierten Zentren vorgenommen werden.

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Doch genau bei diesem Punkt haben Unionspolitiker Zweifel. Allerdings genügen Lippenbekenntnisse jetzt nicht mehr, denn aus der Welt schaffen lässt sich das BGH-Urteil nur mit einem neuen Verbotsgesetz. Für Dr. med. Peter Liese, CDU-Abgeordneter im Europäischen Parlament, ist klar: „Der Bundestag muss eine Entscheidung für ein klares Verbot treffen. Die Erfahrungen im Ausland zeigen, dass man die PID nicht begrenzen kann.“

Tatsächlich werden zum Teil in den Ländern, in denen die PID zugelassen ist (Tabelle), auch Erkrankungen diagnostiziert, die erst in späteren Lebensjahren zu Symptomen führen. Der Pädiater verweist dabei auf die polyzystische Nierenerkrankung, die Bestimmung des BRCA-Gens als Marker für eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer künftigen Brustkrebserkrankung oder die Polyposis coli, bei der ein sehr hohes Risiko besteht, an Darmkrebs zu erkranken. „Eine sehr intensive Vorsorge und gegebenenfalls die Entfernung des Darmes können jedoch ein relativ gesundes Leben bis ins hohe Alter ermöglichen“, erläutert Liese. Gleichzeitig treibt den Mediziner noch eine andere Sorge um: „In Großbritannien, Belgien und anderen Ländern ist es mittlerweile Praxis, dass Embryonen nicht nur auf die Frage hin selektiert werden, ob sie selbst in ihrem späteren Leben erkranken werden. Stattdessen werden gezielt Designerbabys hergestellt, um ein betroffenes Geschwisterkind zum Beispiel durch eine Knochenmarkspende zu behandeln.“ Auch Geschlechtsbestimmungen eines Kindes durch PID seien an der Tagesordnung: Eltern in Großbritannien haben vor Gericht angeführt, dass dringend ein Mädchen geboren werden müsse, da sie bereits drei Jungen haben und ein Mädchen durch einen Unfall ums Leben gekommen sei. Das „psychologische Gleichgewicht“ der Familie könne nur durch die Geburt eines Mädchen wiederhergestellt werden.

Um solche und ähnliche Selektionen zu vermeiden, verweisen PID-Befürworter auf begrenzte PID-Indikationen – so wie sie beispielsweise in Frankreich existieren. Es sei nahezu unmöglich, zwischen einer schwerwiegenden und einer weniger schwerwiegenden genetischen Krankheit zu unterscheiden, sagte Merkel. In der Tat hängt die phänotypische Ausprägung nicht nur von der Genetik ab. Zudem werden Krankheiten subjektiv unterschiedlich wahrgenommen. „Wir würden mit einer Liste ein Urteil darüber treffen, ob das Leben mit der Erkrankung lebenswert ist oder ein Kind abgetrieben werden muss“, erläutert auch Liese dem Deutschen Ärzteblatt. Gleichzeitig verweist der Arzt auf das CDU-Grundsatzprogramm, das beginnend mit der Verschmelzung von Samen und Eizelle den besonderen Schutz des ungeborenen Lebens und den kritischen Umgang mit den sich weiterentwickelnden Möglichkeiten der Pränataldiagnostik vorsieht. Explizit schließe es die PID aus. „Ich gehe davon aus, dass sich die meisten CDU-Abgeordneten daran gebunden fühlen“, meint der CDU-Politiker.

Zeigen wird sich dies auf dem CDU-Bundesparteitag im November, auf dem man sich mit dem PID-Verbot befassen will, wie die Kanzlerin ankündigte. Eine weitere bioethische Zerreißprobe steht mit der erneuten Debatte um die PID dann auch dem Parlament bevor. Parallel beschäftigt sich ebenso der Deutsche Ethikrat mit dem Thema. Voraussichtlich bis zum Sommer 2011 will er eine Stellungnahme zur PID erarbeiten.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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