ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2010Überbelastung: Das Eigenstigma
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Es ist sehr zu begrüßen, dass schon in der Überschrift von „depressiven Patienten“ geschrieben wird und dass im gesamten Artikel das Wort „Depression“ öfter fällt als das sonst leider allgegenwärtige „Burn-out“.

Leider gehört es mittlerweile zum guten Ton, „ausgebrannt“ zu sein – selbst für Menschen, die noch nie gelodert haben. Im Gegensatz dazu wird noch heute die „Depression“ mit „Schwäche“ und „Versagen“ in Verbindung gebracht – und das (besonders?) von Ärzten und offenbar besonders bei Psychiatern, bei denen die Lebenszeitprävalenz der Depression nach Maxi Braun (Nervenheilkunde 9, 2008; 800–804) gar mindestens doppelt so hoch ist wie bei Nichtärzten, nämlich über 40 Prozent.

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Seit mehreren Jahren bin ich auf der Suche nach circa zehn Kollegen aus dieser Gruppe, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie ich, um gemeinsam die Antistigmabewegung zu unterstützen, für die ich allein zumindest in geringem Umfang schon erfolgreich sein kann. Leider melden sie sich trotz vielfältiger Aufrufe, auch in Fachmedien, nicht.

Die Gründe dürften vor allem darin liegen, dass bei Psychiatern das „Eigenstigma“ (und das vermeintliche öffentliche Stigma) bedeutend größer ist als in der Normalbevölkerung, selbst nach überstandener Depression, auch wenn sie ihren Patienten zumeist einen möglichst offenen Umgang mit der Erkrankung ans Herz legen.

Die seit Jahren sinkende Zahl der Suizide (seit 2006 unter 10 000), die, bei vermutlich weitgehend konstant bleibender Erkrankungshäufigkeit, deutlich häufigere Diagnose „Depression“ (statt zum Beispiel „Rückenschmerzen“), die rasante Zunahme der Patienten, die Hilfe beim Psychiater oder gar in der Psychiatrischen Klinik suchen – all das sind auch Ergebnisse der Antistigmaarbeit.

Aber wir werden Stigma kulturell nur auflösen, wenn wir es als Ärzte nicht selbst durch unser Verhalten eher stärken.

Frau Dr. Geuenich hat völlig recht: Der Gesundheitsschutz der Ärzte verlangt nicht nur ein „Umstrukturieren im Arbeitsalltag“, sondern vor allem ein „Umdenken“, aus meiner Sicht insbesondere ein Umdenken im Umgang mit uns selbst, wenn „es“ uns getroffen hat, denn „es“ kann bekanntlich jeden treffen – aber uns Psychiater offenbar besonders leicht!

Gestresste Ärzte sind also nicht erst die Patienten von morgen! Sie sind schon in vielen Fällen die Patienten von heute! Aber sie machen krankheitsbedingt die gleichen Fehler wie jeder Depressive: Sie bagatellisieren oder negieren die Symptome bis gar nichts mehr geht . . .

Michael Freudenberg, AMEOS Klinikum Neustadt, 23730 Neustadt in Holstein

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