ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2010Das Gespräch mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer „Medizin und Musik haben eines gemeinsam: die therapeutische Wirkung“

POLITIK: Das Gespräch

Das Gespräch mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer „Medizin und Musik haben eines gemeinsam: die therapeutische Wirkung“

Dtsch Arztebl 2010; 107(42): A-2028 / B-1769 / C-1741

Stüwe, Heinz

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Fotos: Lajos Jardai
Fotos: Lajos Jardai

Zum 70. Geburtstag: Persönliches und Politisches nach vier Jahrzehnten Engagement für die Ärzteschaft. Auf welche Erfolge ist Jörg-Dietrich Hoppe stolz? Was bereitet ihm Sorgen?

Wo könnte man besser Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe über sich selbst sprechen lassen als hier, mit Blick auf den Kölner Dom? Die letzten Strahlen der Oktobersonne wärmen Touristen und Einheimische auf dem Roncalliplatz. Zu dieser Stadt hat Hoppe eine besondere Bindung, nicht nur qua Amt als Präsident der Ärztekammer Nordrhein. Hierher, ins Kölner Zentrum, hat er im Frühsommer den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) zur jährlichen Klausurtagung eingeladen – zu drei Tagen Arbeit einschließlich Dombesichtigung und Kölsch in der Altstadt.

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Umso überraschender sein Geständnis, ein Kölner sei er nicht, schlimmer noch: nicht mal ein Rheinländer, vielmehr ein „eingekölschter Mischling“. „Zu drei Vierteln bin ich Westfale und zu einem Viertel Westpreuße“, sagt Hoppe lächelnd und meint die Herkunft der Großeltern. Nach Westpreußen war der Großvater väterlicherseits als Lehrer versetzt worden, zur Aushilfe. Er fand sein privates Glück und blieb. So wurde Hoppe 1940 in Thorn an der Weichsel geboren, wo sein Vater seine erste Stelle als Gymnasiallehrer hatte.

In Köln zu Hause

Im Januar 1945 musste die Familie fliehen – nach Hamburg, dann weiter nach Recklinghausen. Beim Umzug nach Bad Münstereifel 1948 sah Hoppe Köln zum ersten Mal. Das Bild von der im Rhein liegenden zerstörten Hohenzollernbrücke hat er noch genau vor Augen. „Wir mussten mit der Fähre von Deutz nach Köln übersetzen, der Lastwagen mit den Möbeln fuhr über eine behelfsmäßige Pontonbrücke.“ Anfang der Fünfzigerjahre kam der Vater an ein Kölner Gymnasium, die Familie zog erneut um, und Jörg-Dietrich Hoppe verbrachte den Rest seiner Gymnasialzeit in der Domstadt, danach auch seine Studienzeit. „Ich fühle mich deshalb als Kölner – und hier möchte ich auch begraben werden.“ Seiner Heimatstadt verdankt Hoppe, der in einer musikalischen Familie aufwuchs und selbst sehr gut Violine spielt, auch sein erstes Konzerterlebnis: Er hörte die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler. Tatsächlich war die Musik für den Studenten eine berufliche Option: „Angefangen habe ich mit Musikwissenschaft, Juristerei und Medizin, auch in Philosophie habe ich mal hineingeschnuppert.“ Die Medizin siegte schließlich, „aber die Musik kommt nur wenige Millimeter dahinter“. Eine Gemeinsamkeit zwischen beiden: „Die Musik hat einen therapeutischen Effekt“. Und die Rechtswissenschaft? „Die Gedankenwelt der Juristen ist mir immer fremder geworden“. Eine grundlegende Veränderung in der Ärzteschaft habe schon vor mehr als 20 Jahren begonnen: „Die Daseinsvorsorge des Staates ist Krankenkassen und sogenannten Leistungserbringern im Rahmen eines ruinösen Preiswettbewerbs überlassen worden. Nun bedrohen Kommerzialisierung und Renditedenken die Freiberuflichkeit. Wir dürfen aber unser ärztliches Ethos nicht verraten.“ Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer hat sich in diesem Zusammenhang mehrfach zum Umgang mit den individuellen Gesundheitsleistungen (IGel) geäußert, die von den Kassen nicht bezahlt werden.

„Ärzte sind keine Kaufleute“

Seine Mahnungen, die Empfehlungen der BÄK zum Umgang mit IGel einzuhalten, haben ihm auch Widerspruch eingetragen, Hoppe tritt für eine Differenzierung ein. Leistungen, die aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung herausgenommen worden seien, könnten sinnvoll und für den Patienten wichtig sein, zum Beispiel das Messen des Augeninnendrucks. Schädlich für den Ruf der ganzen Profession sei es dagegen, wenn Leistungen vor allem deshalb angeboten würden, um das eigene Honorar zu steigern. „Ärzte sind keine Kaufleute, und sie verkaufen keine Ware.“ Hoppe verweist auf die Vorschläge, die Gewerbesteuer für die freien Berufe einzuführen. „Wenn wir nicht höllisch aufpassen, wird der Arztberuf wieder zu einem Gewerbe, wie in preußischer und wilhelminischer Zeit. Die Ärzteschaft hat lange gekämpft, um den Status zu verlassen.“ Im Interesse eines vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnisses und der Therapiefreiheit müsse es dabei bleiben.

40 Jahre liegt es zurück, dass der junge Assistenzarzt Jörg-Dietrich Hoppe in Solingen von sich reden machte, weil er auf lokaler Ebene den sogenannten Bleistiftstreik des Marburger Bundes organisierte. „Wir haben einen Demonstrationszug in Wuppertal gemacht und dem Oberbürgermeister eine Denkschrift übergeben.“ Der hieß damals Johannes Rau und konnte sich Jahrzehnte später, als Bundespräsident, noch an die Ärzte-Demo erinnern. War es in den politisierten Nachachtundsechzigerjahren leichter, Ärzte für ein ehrenamtliches Engagement zu motivieren? Hoppe verneint entschieden und verweist auf die vielen jungen Ärztinnen und Ärzte, die heute im Marburger Bund aktiv sind, wo auch er selbst seine Karriere begonnen hat. Auf mehr als 40 Jahre Engagement in und für die Ärzteschaft blickt er seither zurück. Gibt es einen Erfolg, auf den Hoppe besonders stolz ist? Ohne Zögern nennt er die Zusammenführung der Weiter­bildungs­ordnungen von Ost und West auf dem Deutschen Ärztetag 1992, als Hoppe Vizepräsident der BÄK war. „Wir haben das sehr sorgfältig vorbereitet, und der Ärztetag hat fast allem zugestimmt.“ Im Fall eines Scheiterns wäre eine Migration von Ärzten in andere Bundesländer nicht möglich gewesen. Gerade die Weiterbildung, vor allem das Hin und Her in der Allgemeinmedizin, sehen Kritiker als Beleg, dass der Föderalismus der Kammern nicht mehr zeitgemäß sei. Hoppe ist anderer Ansicht. „Bei der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin mussten wir alle Optionen durchspielen, um jetzt eine gute Lösung zu haben. Ich hoffe, dass nun alle Kammern mitziehen.“ In der Vergangenheit war gerade das zuweilen nicht der Fall. Sollte sich der Präsident manchmal gewünscht haben, Abweichler zur Räson bringen zu können, lässt er es sich nicht anmerken. „Solange sich die Kammern im Wesentlichen an die vereinbarte Linie halten, muss man einige Abweichungen tolerieren.“

Integrationsfigur der Ärzte

Bald zwölf Jahre steht Hoppe an der Spitze der Bundes­ärzte­kammer. Mit welchem Musikstück würde er diese Zeit vergleichen? Ohne Zögern kommt die Antwort. „Mit Arthur Honeggers Pacific 231, einer musikalischen Zugfahrt quer durch Kanada.“ Da gehe es gelegentlich holprig zu, dann wiederum komme man gut voran. „Wunderschön ist der Anfang, wenn die Dampflok sich in Bewegung setzt.“ Die Bundes­ärzte­kammer als Dampflok also. Ist sie denn vorangekommen in den vergangenen Jahren? Die Bedeutung der Ärztekammern sei gewachsen, versichert Hoppe. Sie seien auch nicht gefährdet. „Sicher gibt es Ärzte, die über die Kammern stöhnen. Wenn man die dann aber fragt: Soll ein Ministerium die Aufgaben übernehmen, zucken sie zurück.“

Hoppe gilt als die Integrationsfigur der deutschen Ärzteschaft. Aber ist sie denn noch einig? Die zentrifugalen Kräfte entstünden nur durch die Mittelknappheit, lautet Hoppes Antwort. „Wenn man den Grundton des Arztseins anschlägt, sind alle einig.“ Hoppe meint damit auch zentrale ethische Fragen. Er macht eine Einschränkung: „Die Zahl der Ärzte, die bereit wären, aktive Sterbehilfe zu leisten, ist mir zu hoch.“ Ärztliche Aufgabe sei es, Leben zu verlängern oder es länger lebenswert zu erhalten.

Am 24. Oktober vollendet Hoppe sein 70. Lebensjahr. Ihm zu Ehren gibt es Ende Oktober ein Konzert in der Kammer Nordrhein, und die Bundes­ärzte­kammer lädt im November zu einem Orgelkonzert in den Berliner Dom ein. Den Geburtstag selbst feiert der Jubilar mit seiner Frau Erika, den drei erwachsenen Kindern und sieben Enkeln – mitten in Köln.

Heinz Stüwe

Zur Person

Wenn er mal richtig sauer sei, höre er ein Mozart-Klavierkonzert, erzählt Jörg-Dietrich Hoppe. „Das stimmt mich wieder um.“ Seit 1999 steht er an der Spitze der Bundes­ärzte­kammer. Schon seit 1975 gehört er dem Vorstand an, davon acht Jahre als Vizepräsident. Von 1979 bis 1989 war er 1. Vorsitzender des Marburger Bundes. Der Pathologe und Allgemeinmediziner war von 1982 bis 2006 Chefarzt der Pathologie des Krankenhauses Düren. Seither arbeitet er als niedergelassener Pathologe im selben Institut und in der Praxisgemeinschaft für Pathologie des Krankenhauses.

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