ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2010Trauma: Wenn die Medizin kränkt

KULTUR

Trauma: Wenn die Medizin kränkt

Dtsch Arztebl 2010; 107(42): A-2058

Goldbeck-Wood, Sandy

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Alle Ärzte werden von Zeit zu Zeit mit Patienten konfrontiert, die aufgrund traumatischer Erfahrungen zu besonders herausfordernden Patienten werden. Solche Patienten lassen sich mit unserem biomedizinischen Weltbild nicht zwanglos erklären: Sie sind zwar „krank“ – manchmal „ständig krank“, aber oft ohne körperlich auffälligen Befund oder therapeutischen Erfolg. Vor dem Hintergrund eines lange anhaltenden schadenden Umfelds, wie etwa einer alkoholabhängigen Mutter, einem sexuell missbrauchenden Vater oder einem gewalttätigen Ehepartner, entwickeln Menschen oft chronische, diffuse Beschwerden, wie Bauch-, Kopf- oder Muskelschmerzen, oder konkrete Pathologien, wie ungewollte Schwangerschaft, sexuell übertragbare Krankheiten, Magersucht, Depressionen, oder Suchtmittelabhängigkeit. Dar- über hinaus sammeln sie zahlreiche Risikofaktoren, beispielsweise Rauchen oder HPV-Infektionen, für tödliche Krankheiten, wie Herzinfarkt oder Krebs.

Als Arzt fühlt man sich angesichts solcher Patienten manchmal ratlos, hilflos und mutlos. Der Drang nach irgendeiner Diagnose oder Behandlungsstrategie ist oft stark und kommt sowohl vom Patienten, von dessen Leiden wir uns geradezu heimgesucht fühlen können, als auch von innen als Folge unserer eigenen Sozialisierung. Je „irrationaler“ der Zusammenhang zwischen Symptomatik und Befunden ist, desto größer werden die ärztlichen Frustrations- und Ohnmachtsgefühle, desto mehr fühlen wir uns in unserer Souveränität und professionellen Würde gekränkt. Man tut diagnostisch und therapeutisch sein Bestes, ohne allerdings auf die eigentliche Ätiologie einzugehen, und rennt somit oftmals mit dem Kopf gegen die Wand.

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Laut Anna Luise Kirkengen geht diese ärztliche Verzweiflungsreaktion oft gerade auf Kosten des Patienten. Wir riskieren, argumentiert sie, den Patienten, dessen Gesundheitsprobleme mit chronischer Ohnmacht zu tun haben, aus unser eigenen Ohnmacht heraus noch ohnmächtiger zu machen, das heißt zu retraumatisieren. Indem wir schmalspurig auf die rein körperliche oder psychiatrische Symptomatik fokussieren und dabei die eigentliche Ätiologie, das eigentliche menschliche Erleben ignorieren, riskieren wir, gegen unser oberstes, professionelles Gebot zu verstoßen: primum non nocere. Kirkengen, gebürtige Deutsche und Professorin der Allgemeinmedizin in Oslo, wo sie seit mehr als 30 Jahren praktiziert, bekennt, selbst ehemals auf diese Weise klinisch blind und taub gewesen zu sein und lädt zur Reflexion ein. Unverblümt und wissenschaftlich rigoros liefert sie eine scharfe Kritik der Blindheit und Brutalität des biomedizinischen Modells im Umgang mit missbrauchten Menschen.

Kirkengens Arbeit basiert auf der Dokumentation und Untersuchung des „Erlebens,“ das phänomenologisch gesehen nicht als reine Subjektivität oder Kontaminierung wissenschaftlicher Daten, sondern als wissenschaftliches Untersuchungsfeld für sich zu betrachten ist. Der Mensch wird nicht als Objekt in leicht messbare Aspekte zerstückelt, sondern eher im Kant’schen Sinne in seiner unveräußerlichen Würde respektiert. Die Phänomenologie sucht „gelebte Bedeutung“.

Im ersten Teil „Individuelle Erfahrungen“ bietet Kirkengen Kasuistiken aus ihrer langjährigen Praxis. Im zweiten Teil, „Social Frameworks“, wird Gewalt als gesellschaftliches Phänomen und die Verbindung zwischen schadendem Umfeld und körperlicher Symptomatik anhand von Beispielen näher analysiert; so geht es etwa um die die multiple gastroenterologische Symptomatik einer Frau, die als Mädchen wiederholte orale Penetrationen erleiden musste. Im dritten Teil bespricht Kirkengen historische und kulturelle Vorurteile, die in unserer biomedizinischen Methodik mit entwürdigendem Effekt institutionalisiert sind. Als Beispiel nennt sie psychiatrische oder chirurgische Eingriffe, die ohne jegliche Verbesserung der Symptomatik im Sinne einer Selbstrechtfertigung technokratisch als „gelungen“ dokumentiert werden.

Die Übersetzung dieses perspektivenerweiternden Textes aus dem Norwegischen ins Englische wirkt nicht immer ganz gelungen. Manchmal ist der Ton auch so kompromisslos, fast wütend, dass man meint, die Gewalt habe sich bis in die wissenschaftliche Debatte selbst hineingeschlichen. Bei aller gerechtfertigten Kritik fehlt gelegentlich der humane Blick für den Arzt als ebenfalls im Kontext gefangenen Menschen, um dessen Würde und Ohnmacht es auch geht. Aber die Kernbotschaften bleiben unverkennbar und wichtig: Missbrauch und Gewalt machen krank und gehen deswegen auch die Medizin an. Der „Gekränkte“, „krenkede“ im norwegischen Original, wird krank. Und als Ärzte dürfen wir ihn durch das Abwerten seines subjektiven Erlebens nicht weiter kränken.

Sandy Goldbeck-Wood

Anna Luise Kirkengen: The Lived Experience of Violation. Zeta books, RO-Bukarest 2010, 340 Seiten, kartoniert, 25 Euro

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