ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2010Präimplantationsdiagnostik: Vom Kinderwunsch zum Wunschkind

THEMEN DER ZEIT

Präimplantationsdiagnostik: Vom Kinderwunsch zum Wunschkind

Dtsch Arztebl 2010; 107(42): A-2040 / B-1774 / C-1746

Jachertz, Norbert

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Das Urteil des Bundesgerichtshofs zur Präimplantationsdiagnostik dürfte zur Aufschnürung des Embryonenschutzgesetzes führen. Mit weitreichenden Folgen

Der Hamburger Strafrechtler Prof. Dr. Reinhard Merkel verteidigt die Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) zur Präimplantationsdiagnostik (PID) ziemlich witzig so: Die Auffassung des BGH, die PID verstoße nicht gegen das Embryonenschutzgesetz, sei zwar formalrechtlich falsch, doch liege das Gericht rechtsethisch richtig. Denn das bewusste Gesetz sei hinsichtlich der PID dringend korrekturbedürftig. Es verbiete etwas, was an anderer Stelle erlaubt sei. Merkel verweist in seinem Aufsatz in der „FAZ“ vom 3. August auf den angeblichen Widerspruch zu § 218 a Absatz 2 Strafgesetzbuch, der die sogenannten Spätabtreibungen straffrei lässt. Das störte auch den BGH. „Und von hier aus“, erkennt der Strafrechtler, „schlägt sich wie von selbst ein Bogen zur Rechtfertigung der PID.“ Merkel zieht damit eine inzwischen vertraute Bahn. Auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, zeigte sich erfreut, dass nunmehr „die unlogische Diskrepanz“ endlich aufgehoben sei.

Foto: Keystone
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Damit fällt allerdings auch die Argumentation der Kritiker der Spätabtreibung – wenn schon PID verboten sei, dürften Abtreibungen nach der zwölften Schwangerschaftswoche erst recht nicht straffrei bleiben – in sich zusammen. Nun ist beides erlaubt, Rechtsangleichung auf dem unteren Niveau. Es sei denn, PID würde ausdrücklich gesetzlich untersagt. Nach dem BGH-Urteil vom 6. Juli setzten sich Kirchen wie Behindertenorganisationen, auch vereinzelte Politiker, so etwa der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe (CDU), für ein Verbot ein.

Nationaler Ethikrat für Zulassung der PID

Ob Verbot oder förmliche Zulassung, dazu müssten das Embryonenschutzgesetz aufgeschnürt und einige Paragrafen explizit über PID eingefügt werden. Ausgang offen. Die Enquetekommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des 14. (vergangenen) Deutschen Bundestages hat sich zwar 2002 mit 16 zu drei Stimmen dafür ausgesprochen, PID in Deutschland nicht zuzulassen. Doch in der laufenden Legislaturperiode dürften die Karten anders gemischt sein. Ein Verbot forderte 2002 auch der 105. Deutsche Ärztetag; ob der bei seiner Meinung bleibt, wird sich erst nächstes Jahr zeigen können. Der Nationale Ethikrat unter der Kanzlerschaft Gerhard Schröders plädierte 2003 mit 15 zu sieben für die begrenzte Zulassung der PID. Zwei weitere Mitglieder wollten PID der Gewissensentscheidung des Einzelnen im Konfliktfall überantworten. Der damalige Ethikrat sprach sich zudem für ein Fortpflanzungsmedizingesetz aus, das die gesamte Reproduktionsmedizin regeln solle. In diesem Sinn berät jetzt auch der nunmehr gesetzlich fundierte Nationale Ethikrat. Bei dessen Sitzung am 23. Juli ging es nur am Rande um PID, sondern vorrangig um die Reproduktionsmedizin insgesamt. Der Mannheimer Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Jochen Taupitz erklärte das Embryonenschutzgesetz für überholt und gab zu bedenken, es „durch ein breiter gespanntes Fortpflanzungsmedizingesetz abzulösen“. Taupitz, der auch der Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer angehört, zählte schon im alten Ethikrat zu den Vorkämpfern der PID. Die Bioethikerin Prof. Dr. Regine Kollek, die bei der Juni-Sitzung des Rates das Koreferat zu Taupitz hielt, vertrat hingegen die Meinung, nicht einmal das Embryonenschutzgesetz müsse zwingend geändert werden. Doch wenn nicht alles täuscht, dann läuft die Diskussion inzwischen in Richtung Fortpflanzungsgesetz.

„Qualitativ hochwertige“ Embryonen

Das von einem Reproduktionsmediziner aus Berlin erzwungene Urteil des BGH zu PID könnte somit zu einer weitergehenden Gesetzgebung führen, bei der die bisher offene Frage der Reproduktionsmedizin rechtlich geklärt, Verbote aufgehoben oder bestätigt und PID beiläufig mitbehandelt würde. Das wäre durchaus im Sinne einiger Wortführer der Fortpflanzungsmedizin. Auf deren Wunschliste stehen zum Beispiel die Eizellenspende, die Kultivierung von Embryonen zu allerlei Zwecken, etwa zur Erzeugung von Rettungsgeschwistern oder für das Elective-single-embryo-Verfahren (eSET). Damit ist die kurzzeitige Erzeugung von Embryonen gemeint, aus denen dann die morphologisch besten ausgewählt werden. Zur Einstimmung hat vor zwei Jahren ausgerechnet die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung – solches Gedankengut vermutet man eher bei der FDP – ein Gutachten vorgelegt. Hinter ihm stecken so prominente Fortpflanzungsmediziner wie die Professoren Klaus Diedrich (Lübeck), Hermann Hepp (München) und Ricardo Felberbaum (Kempten), die sich auch zugunsten der PID verwenden. Durch das eSET-Verfahren verspricht man sich bessere Ergebnisse bei IVF; „qualitativ hochwertige“ Embryonen könnten, so die Hoffnung, die sogenannte Baby-take-home-Rate, also die Zahl der tatsächlich nach IVF/ICSI geborenen und überlebenden Kinder erhöhen. Sie liegt heute bei 17,5 Prozent (detaillierte Statistiken unter www.deutsches-ivf-register.de). Das ist relativ bescheiden im Vergleich zu den belastenden Prozeduren, mit denen IVF für die Paare verbunden ist. Das eSET ist nach dem Embryonenschutzgesetz verboten, falls man sich auf die Rechtslage noch verlassen kann.

Das Thema PID ist hierzulande tabuisiert

Doch selbst wenn „nur“ PID gesetzlich geregelt werden sollte – eine Talfahrt steht bevor. Denn der so verständliche Wunsch von Eltern oder Paaren, nur ein gesundes Kind zu bekommen, wird rechtlich und ethisch teuer erkauft. Da hilft auch kein Hinweis auf Großbritannien, Belgien oder Spanien, die den Preis eben zahlen. Der BGH erklärt zwar zu seiner Entscheidung, „einer unbegrenzten Selektion von Embryonen anhand genetischer Merkmale, etwa die Auswahl von Embryonen, um die Geburt einer ,Wunschtochter‘ oder eines ,Wunschsohnes‘ herbeizuführen, wäre damit nicht der Weg geöffnet.“ Und die Bundes­ärzte­kammer sekundiert, der BGH habe eindeutig klargestellt, dass die PID keinesfalls als Methode zur Erzeugung sogenannter Designerbabys erlaubt sei. Strafrechtler Merkel tut Schlagworte wie „Designerkinder“ oder „behindertenfreie Welt“ als „ideologische Geisterbeschwörungen“ ab. Doch solches Abwiegeln zeugt auch davon, dass den Abwieglern nicht ganz wohl in ihrer Haut ist. Denn PID dient nun mal der Selektion. Das Thema ist hierzulande tabuisiert. Doch man möge die Vergangenheit endlich hinter sich lassen, äußerte dieser Tage ein erfolgreicher Berliner Fertilisationsarzt. In der Tat, so systematisch wie vor drei Generationen in Deutschland, aber auch anderswo, Eugenik getrieben wurde, kann PID nicht getrieben werden. Doch das Prinzip der gezielten Auswahl der Gesunden und der Aussonderung der Behinderten kehrt mit ihr in die Gesellschaft zurück. Auch wenn Selektion als „Elektion“ oder positiv gewendet als „Wunschkindmedizin“ daherkommt.

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer beteuerte in seinem „Diskussionsentwurf“ 2000, PID solle nur eng begrenzt zugelassen werden. Die Grenze wollte und konnte er freilich nicht benennen. Schließlich ist die wissenschaftliche Entwicklung im Fluss. Auch mag sich die Auffassung, was als behindert gilt, ändern. Die Europäische Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie listet derzeit 54 monogene Erbkrankheiten auf, die mittels PID analysiert werden können. Und man mache sich nichts vor: Wenn die Analyse des Geschlechts möglich und heiß ersehnt ist, dann wird sie vom Auftraggeber nachgefragt und vom Auftragnehmer schließlich erfüllt. Wenn auch bis auf weiteres im nahen Ausland.

Nein, wer einmal auf der Rutschbahn sitzt, rutscht, bis er ganz unten landet. Auch wir hier in Deutschland sitzen jetzt drauf. Die Rutschbahn wurde, um im Bild zu bleiben, von den engagierten Wissenschaftlern aufgerichtet, die die IVF entwickelt haben. Aus den Anfängen ist ein ansehnlicher medizinisch-technischer Komplex – 120 Zentren allein in Deutschland, fast 70 000 Behandlungen jährlich – entstanden, der seine eigene Dynamik entwickelt. Da scheint es fast vermessen zu fragen, ob jene Paare, die natürlicherweise kein Kind bekommen können oder deren genetische Disposition ein behindertes Kind wahrscheinlich sein lässt, ihr Lebensglück nicht auch anders finden können – oder mit einem behinderten Kind finden. Wäre das wirklich zuviel verlangt?

Norbert Jachertz

@Ein Pro und Kontra vom Medizinrechtler Prof. Dr. jur. Jochen Taupitz und dem Behindertenbeauftragten der Bundesregierung, Hubert Hüppe, im Internet: www.aerzteblatt.de/102040

Kommentar: Pro Zulassung PID

Prof. Dr. med. Klaus Diedrich, Reproduktionsmediziner

Durch die Präimplantationsdiagnostik (PID) bietet sich eine Möglichkeit, bei Paaren mit schweren genetisch determinierten Erkrankungen bereits vor Etablierung einer Schwangerschaft betroffene Embryonen zu diagnostizieren und vor eben dieser Schwangerschaft auszuschließen. Dadurch kann ein belastender Schwangerschaftsabbruch verhindert werden. Die Schwangerschaft auf Probe kann abgelöst werden durch die Zeugung auf Probe. Nachdem viele Jahre sehr unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Zulässigkeit der PID aufeinanderprallten und Ärzte aus Angst vor Strafverfolgung daher diese Methode nicht anwendeten, hat das Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) jetzt für Rechtssicherheit für Ärzte und Betroffene gesorgt. Die Präimplantationsdiagnostik ist in Deutschland möglich geworden! Obwohl weltweit pro Jahr mehr als 600 000 Zyklen zur In-vitro-Fertilisation durchgeführt werden, wurde im Jahr 2006 nur in 1 876 Fällen eine Präimplantationsdiagnostik durchgeführt. Dies zeigt, dass die Indikation zur PID sehr streng gestellt wird. Die PID sollte lediglich eingesetzt werden zum Ausschluss einer nicht therapierbaren schweren Erbkrankheit. Auch die Polkörperdiagnostik ist hierfür bei monogenetischen Erkrankungen geeignet.

Randomisierte prospektive Studien haben gezeigt, dass das Aneuploidiescreening nicht die erhofften Ergebnisse einer Verbesserung der Schwangerschaftsrate und Reduzierung der Abortrate bei älteren Patientinnen brachte. Deshalb sollte dieses Aneuploidiescreening heute am Embryo und auch an der Eizelle mit Polkörperdiagnostik nicht mehr außerhalb von Studien angeboten werden.

Zwar ist durch das Urteil des Bundesgerichtshofs die PID rechtlich in Deutschland möglich geworden, jedoch ist es für die beteiligten Ärzte wichtig, dass dieses auch gesetzlich positiv geregelt wird. Sinnvoll wäre es, das überalterte Embryonenschutzgesetz durch ein neues Fortpflanzungsmedizingesetz unter Einbeziehung des elektiven Single-Embryo-Transfers und der Eizellspende zu diskutieren und zu verabschieden.

Kommentar: Kontra Zulassung PID

Michael Wunder, Mitglied des Deutschen Ethikrates

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat ein Tor geöffnet, an dem schon lange gerüttelt wird und das schwer zu schließen sein wird. Das Embryonenschutzgesetz scheint mir immer noch völlig eindeutig: Eine Eizelle darf nur zum Zweck der Herbeiführung einer Schwangerschaft künstlich befruchtet werden. Das lässt meiner Ansicht nach weder zu, Eizellen auf Probe zu erzeugen, noch wie der BGH es tut, die Präimplantationsdiagnostik als „unselbstständiges Zwischenziel in einem Gesamtvorgang“ zu bewerten, wobei es auf den einzelnen aussortierten Embryo nicht ankommen soll. Jeder Embryo trägt von Anfang an das ganze Potenzial eines individuellen Menschen in sich, womit ihm Menschenwürde zukommt. Überall in der Welt, wo die PID erlaubt ist, weitet sich ihr Anwendungsbereich aus: von der Wegwahl risikobehafteter oder unerwünschter zur Auswahl erwünschter und für andere Zwecke nützliche Embryonen. Dennoch brauchen wir jetzt einen tragfähigen und Frieden herstellenden Kompromiss. Wie der aussehen kann, ist allerdings noch völlig offen.

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