ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2010Kardiopulmonale Reanimation: Hauptsache heftige Herzmassage

MEDIZINREPORT

Kardiopulmonale Reanimation: Hauptsache heftige Herzmassage

Dtsch Arztebl 2010; 107(42): A-2045 / B-1780 / C-1752

Schneider, Andreas; Böttiger, Bernd W.

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Die neuen Leitlinien des European Resuscitation Council empfehlen, die Eindrücktiefe und die Frequenz der Herzmassage zu erhöhen. Zudem sollten Medikamente ausschließlich intravenös oder intraossär verabreicht werden.

Am 18. Oktober veröffentlichte das European Resuscitation Council (ERC) die aktualisierten Leitlinien zur kardiopulmonalen Reanimation (CPR). Sie basieren auf den Empfehlungen eines weltweiten Expertengremiums (International Liaison Committee on Resuscitation, ILCOR), das kontinuierlich alle wissenschaftlichen Studien zur CPR diskutiert und bewertet. Diese Empfehlungen werden dann vom ERC unter Berücksichtigung der regionalen, das heißt europäischen Gegebenheiten in konkrete Leitlinien umgesetzt.

Die neuen Leitlinien folgen in vielen Punkten dem Duktus der vorherigen Version aus dem Jahr 2005, im Detail gibt es jedoch einige Unterschiede. 2005 lautete das Fazit der damaligen CPR-Leitlinien „Hauptsache Herzmassage“ (Dtsch Ärztebl 2006; 103(26): A1796–8). Nur durch kontinuierliche und effektive Thoraxkompressionen („push hard and fast“) lässt sich eine ausreichende zerebrale und myokardiale Durchblutung erreichen, ohne die an eine erfolgreiche Wiederbelebung des Patienten nicht zu denken ist (Abbildung). Alle anderen therapeutischen Maßnahmen stehen hinter den Thoraxkompressionen zurück.

Die neuen Leitlinien bestätigen diesen Grundsatz nun erneut. „Push hard“ fordert nun – das ist neu – eine Eindrücktiefe von fünf bis sechs cm (2005: vier bis fünf cm), „push fast“ eine Frequenz von 100 bis 120 pro Minute (2005: 100 pro Minute). Unverändert im Vergleich zu 2005 liegt das Kompressions-zu-Ventilations-Verhältnis beim nichtintubierten Patienten bei 30 : 2.

Die Autoren der Leitlinien legen großen Wert darauf, dass Unterbrechungen der Thoraxkompressionen auf ein Minimum zu beschränken sind, so etwa beim elektrischen Defibrillationsversuch jetzt nur noch während der Schockabgabe, keinesfalls aber während des Aufladens des Defibrillators. Alle zwei Minuten sollte die Person ausgewechselt werden, die die Thoraxkompressionen durchführt. Dadurch kann einer Abnahme der Kompressionsqualität infolge körperlicher Erschöpfung vorgebeugt werden.

Im Gegensatz zur Version aus 2005 verlangen die neuen Leitlinien vor dem ersten Defibrillationsversuch keine Thoraxkompressionen über eine definierte Zeitdauer. Auch bei unbeobachtetem Herz-Kreislauf-Stillstand wird die elektrische Defibrillation frühestmöglich versucht, sobald das Vorliegen eines defibrillierbaren Rhythmus (Kammerflimmern, ventrikuläre Tachykardie) verifiziert wurde. Selbstverständlich muss der Patient entsprechend der Basismaßnahmen reanimiert werden, bis der Defibrillator verfügbar ist. Anders als 2005 wird in den neuen Leitlinien die Medikamentengabe über den Endotrachealtubus nicht mehr empfohlen. Medikamente sollten ausschließlich intravenös oder intraossär verabreicht werden, da die Resorption über das Bronchialsystem zu unzuverlässig ist. Ebenfalls nicht mehr empfohlen wird der Einsatz von Atropin bei der Asystolie oder pulslosen elektrischen Aktivität. Die verfügbare Evidenz zu dessen Wirksamkeit ist wenig belastbar, nur bei der symptomatischen Bradykardie behält Atropin seinen Stellenwert.

Unverändert ist die Empfehlung zur Thrombolyse während der CPR, wenn eine Lungenarterienembolie vermutet wird.

Neu ist eine differenzierte Betrachtung der Sauerstoffapplikation. Während der eigentlichen CPR soll der Patient mit 100 Prozent Sauerstoff beatmet werden. Nach Wiederherstellung eines Spontankreislaufs ist jedoch eine Reduktion der inspiratorischen Sauerstofffraktion anzustreben, Ziel ist eine Sauerstoffsättigung des arteriellen Bluts von 94 bis 98 Prozent. Eine Hyperoxämie führt über die vermehrte Radikalbelastung möglicherweise zu einer Verschlechterung des Outcomes.

Ebenfalls überarbeitet wurden die Empfehlungen zur Blutzuckertherapie nach Herz-Kreislauf-Stillstand. Eine zu enge Einstellung durch intensivierte Insulintherapie wird nun abgelehnt, da das Risiko für eine weitere zerebrale Schädigung durch unerkannte Phasen der Hypoglykämie zu hoch ist. Lediglich Blutglukosewerte über 180 mg/dl sollten gesenkt werden.

Bestätigt wurde die Empfehlung zur therapeutischen Hypothermie in praktisch allen Fällen, wenn der Patient unmittelbar nach dem Herz-Kreislauf-Stillstand komatös ist. Zwar existieren nur für erwachsene Patienten mit außerklinischem Herz-Kreislauf-Stillstand und defibrillierbaren Rhythmen im initialen EKG große randomisierte klinische Studien (Number needed to treat = 6). Es erscheint jedoch plausibel, dass auch Patienten nach innerklinischem Herz-Kreislauf-Stillstand, Patienten mit initial nichtdefibrillierbaren Rhythmen und auch Kinder von der therapeutischen Hypothermie profitieren. Neu aufgenommen in die Leitlinien wurde die Empfehlung zum Einsatz der Hypothermie beim Neugeborenen nach peripartaler Asphyxie.

Fazit: Nach fünf Jahren hat das ERC seine Leitlinien zur Reanimation am 18. Oktober 2010 erneut aktualisiert. Die konsequente Umsetzung der Vorgängerversion führte in Studien zu einer messbaren Verbesserung des Überlebens nach Herz-Kreislauf-Stillstand. Dieser Weg wird weiter beschritten, und er wird bestätigt durch die nun gültigen Leitlinien, deren Tenor noch verstärkt wurde: Hauptsache heftige Herzmassage.

Andreas Schneider
Prof. Dr. med. Bernd W. Böttiger

Anschrift für die Verfasser
Andreas Schneider
Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin
Universitätsklinikum Köln
E-Mail: andreas.schneider_@uk-koeln.de

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