ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2010Osteoporoseprophylaxe: Mehr Myokardinfarkte durch Kalziumsupplemente?

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Osteoporoseprophylaxe: Mehr Myokardinfarkte durch Kalziumsupplemente?

Dtsch Arztebl 2010; 107(42): A-2048 / B-1783 / C-1755

Heinzl, Susanne

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In einer randomisierten, kontrollierten Studie über 5 Jahre mit gesunden älteren Frauen kam es bei Kalziumergänzung zu mehr kardiovaskulären Ereignissen als erwartet. Auch bei Patienten mit Niereninsuffizienz wurden bei zusätzlicher Kalziumgabe vermehrte Gefäßkalzifizierung und erhöhte Sterblichkeit beobachtet. Die Fragestellung einer Metaanalyse randomisierter Studien war deshalb, welchen Einfluss eine zusätzliche Kalziumgabe auf das kardiovaskuläre Risiko hat.

Ausgewählt wurden doppelblinde Studien mit mindestens einem Jahr Dauer, in denen die Teilnehmer im Alter über 40 Jahre täglich mindestens 500 mg Ca2+ oder Placebo einnahmen. Wenn zusätzlich Vitamin D gegeben wurde, musste dies auch für die Kontrollgruppe gelten. Insgesamt wurden 5 Studien auf Patientendatenebene (8 151 Patienten, Beobachtungszeit im Median 3,6 Jahre) und 11 randomisierte klinische Studien (11 921 Teilnehmer, mittlere Dauer 4 Jahre) berücksichtigt.

In den 5 Studien mit individuellen Patientendaten erlitten 143 Personen unter Kalziumsupplementen und 111 Teilnehmer unter Placebo einen Herzinfarkt (HR 1,31, p = 0,035). Das Risiko für Schlaganfall, für den kombinierten Endpunkt Herzinfarkt, Schlaganfall und plötzlicher Herztod sowie für die Gesamtsterblichkeit war jeweils leicht, aber nicht signifikant erhöht. Subgruppenanalysen zeigten, dass das Risiko für einen Herzinfarkt durch die Supplementierung nur erhöht war, wenn im Median mehr als 805 mg Ca2+ proTag eingenommen wurden. Die Metaanalyse der Studiendaten führte zu ähnlichen Resultaten: 166 Personen erlitten unter Kalziumsupplementation, 130 unter Placebo einen Herzinfarkt (HR 1,27, p = 0,038). Die Risiken für Schlaganfall, für den kombinierten Endpunkt und die Gesamtsterblichkeit waren unverändert.

Aus pathogenetischer Sicht ist die Begünstigung der Atherosklerose durch Kalzium bei nierengesunden Patienten nach Aussage von Prof. Dr. med. Johann D. Ringe, Leverkusen, nicht plausibel. Schrittmacher der Gefäßveränderungen sei der gestörte Lipidstoffwechsel mit Ausbildung von Intimaplaques. Die orale diätetische oder substitutive Kalziumzufuhr habe keinen klinisch relevanten Anstieg des Serumkalziums zur Folge. Auch handele es sich um eine „Gefäßverfettung“; die sekundäre Einlagerung von Kalziumsalzen in nekrotisches Fettgewebe sei ein Epiphänomen.

Zudem könne bei nierengesunden Patienten durch zusätzliche Gabe von Vitamin D die enterale Kalziumresorption beliebig gesteigert werden. Dann müsste aber Vitamin D das kardiovaskuläre Risiko via Kalzium erhöhen. Daten aus der Framinghamstudie zum Beispiel belegten jedoch, dass bei höheren Vitamin-D-Spiegeln im Blut beziehungsweise optimaler Versorgung das kardiovaskuläre Risiko hochsignifikant sinke. Aus Sicht der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hat die Metaanalyse methodische Mängel. Die BÄK sieht keinen Anlass, die aktuellen Empfehlungen zur Prävention und Behandlung von Osteoporose zu ändern.

Fazit: Die zusätzliche Gabe von Kalziumpräparaten (ohne gleichzeitige Gabe von Vitamin D) erhöht nach den Daten einer neuen Metaanalyse das Risiko für einen Herzinfarkt mäßig. Die Studienergebnisse gelten jedoch keinesfalls als beweisend. Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Bolland MJ et al.: Effect of calcium supplements on risk of myocardial infarction and cardiovascular events: meta-analysis. BMJ 2010; 341: c3691, doi: 10.1136/bmj.c3691

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