ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Naturheilverfahren – Grundlagen, Möglichkeiten, Grenzen

MEDIZIN: Diskussion

Naturheilverfahren – Grundlagen, Möglichkeiten, Grenzen

Fulda, E.; Marx, G.; Schönberger, Martin; Stohrer, Matthias; Hentschel, Hans-Dieter

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Hans-Dieter Hentschel in Heft 40/1995
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1. Kneipp hat als Christ und Priester unter "Ordnungstherapie" immer auch oder sogar in erster Linie ein "ordentliches" Verhältnis zu Gott verstanden. Es ging ihm nie nur um "geregelte Beziehungen" zu Familie und Umwelt, sondern regelmäßig und vor allem um die freiwillige Unter-Ordnung des Menschen unter seinen Schöpfer. Dabei verstand Kneipp unter Gott nicht eine abstrakte, unpersönliche kosmische Macht im fernöstlichen Sinne, sondern den in Jesus Christus Person gewordenen dreieinigen Gott.
Kneipps Definition von Gesundheit: "Gesund ist der, der mit sich, seiner Umwelt und dem Herrgott in Frieden lebt."
2. Erwähnung verdient außerdem die Lehre der Naturheilverfahren. Nicht nur "bei Aufstellung der Therapiepläne", sondern bereits in der Ausbildung der Studierenden sollten die Naturheilverfahren berücksichtigt werden, da dies eine conditio sine qua non für die rationale Verordnung und Anwendung darstellt. Im Sommer 1995 fand zum dritten Male ein Treffen zur Etablierung der klassischen Naturheilverfahren an den europäischen Hochschulen statt. Eine entsprechende Europäische Gesellschaft steht kurz vor ihrer Gründung.


Dr. med. Ulrich E. Fulda
Albeck
Osterstetter Straße 26
89129 Langenau


Eigene Aufgaben übersehen
Wenn der Autor im vorletzten Absatz von "theoretischen Grundsätzen auf spekulativen Denkmodellen oder unbewiesenen Theorien" im Zusammenhang mit einigen unkonventionellen Verfahren spricht, so übersieht er dabei, daß es seine ureigenste Aufgabe als forschender Universitätsmediziner ist, die Grundlagen und die Wirkungsweise dieser Verfahren zu erforschen. Die Vertreter dieser unkonventionellen Verfahren sind fast ausschließlich "Erfahrungsmediziner", sie sind also mit der wissenschaftlichen Grundlagenarbeit weder vertraut, noch haben sie die Einrichtung oder gar finanziellen Mittel, diese Forschungsarbeit der Universität abzunehmen. Wenn die heutige forschende Medizin immer noch in Quantitäten denkt und forscht, also Zentimeter, Kilogramm und Winkelgrade benützt, so kann sie den Naturheilverfahren damit nicht gerecht werden, die Qualitäten verändern.
Im Absatz über die Bewegungstherapie und Massage werden die vielfältigen und meist sehr wirksamen Methoden der Krankengymnastik nicht erwähnt. Die Manuelle Medizin/Chirotherapie, seit Hippokrates als ein sehr wirksamer Teil der Naturheilverfahren anerkannt, wird nicht beschrieben. Dazu muß man wissen, daß die Erkrankungen des Bewegungsapparates von allen Krankheitsgruppen mit erheblichem Abstand die meisten Arbeitsunfähigkeitstage und die meisten Rentengewährungen auslösen und daß trotz großer Fortschritte der operativen Orthopädie und einer immensen Anzahl konservativorthopädischer Rehabilitationsbetten keine Trendwende in Sicht ist. Hier wäre also ein ganz aktueller und erheblicher Fortbildungsbedarf gegeben, doch diese Verfahren werden nicht erwähnt.
Unbedingt zustimmen möchte ich dem Autor, wenn er für die sinnvolle Kombination von "künstlicher" und "natürlicher" Therapie eintritt, das sollte jedoch in gleichem Maße für die Erforschung der Grundlagen und der Wirkungsweise gelten.


Dr. med. G. Marx
Hochriesstraße 6
83233 Hittenkirchen


Chirotherapie als vierte Säule
Nicht einmal erwähnt ist die fundamentale Bedeutung der Chirotherapie als ursächlicher, diagnostisch und theoretisch seit 2500 Jahren praktizierter Heilmethode der hippokratischen Medizin. Seit Jahrzehnten ist diese naturmedizinische (!) Heilmethode legitimiert durch die Zusatzbezeichnung "Chirotherapie" – eine der vier "Säulen" des Hippokrates!


Dr. med. Martin Schönberger
Kirschenweg 5
83071 Stephanskirchen


Außerschulische Methoden zu knapp behandelt
Wieder einmal wurde ein unvollständiger Beitrag zum Thema Naturheilverfahren publiziert. Er wird in keinster Weise seiner interessanten Fragestellung gerecht. Zunächst wurden völlig zu Recht die sechs Ordnungskategorien der Hippokratischen Medizin und die fünf Säulen der Kneipp-Therapie, allgemein als die klassischen
Naturheilverfahren bekannt, dargestellt. Erfreulich ist, daß die Ordnungstherapie als Kern der Naturheilverfahren Betonung fand.
Genauso wichtig war der Hinweis auf den Etikettenschwindel einiger Methoden, unter dem sich pfiffige Medizinunternehmer mit dem Titel eines "Naturheilverfahrens" schmücken und damit nicht nur den Geldbeutel von allzu romantischen "Kunden" zum Teil auf grob fahrlässige Weise strapazieren.
Daß der Autor aber auf die vielen anderen, mittlerweile weltweit gut dokumentierten Heilverfahren
ganz lapidar gerade 13 Kurzzeilen verwendet, ist nicht nur schade, sondern außerdem gefährlich; 1990
standen in den USA 425 Millionen Besuchen bei Anbietern "unorthodoxer" Heilmethoden nur 388 Millionen Konsultationen beim Hausarzt gegenüber! Solange sich der Arzt nicht ernsthaft mit dem "Schmelztiegel" Naturheilverfahren auseinandersetzt, wird der Patient weiterhin in die "Paramedizin" abwandern, wodurch schulmedizinisch hervorragend behandelbare Erkrankungen verschleppt, schlimmer noch: nicht einmal erkannt werden.
Positiv monographierte Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen, wie der Anthroposophie und die Homöopathie, sind im SGB V nach den neuen Arzneimittelrichtlinien und von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung anerkannt und damit Gesetz! Diese Methoden wurden nicht einmal namentlich erwähnt.
Die TCM, die Akupunktur, die manuelle Medizin und andere sind Wahlfächer im "Münchener Modell". Die Erfahrungen und Studien aus den angeschlossenen Kliniken sind überaus positiv.
Bei der Bearbeitung eines so aktuellen und umfassenden Themas, insbesondere dem Ausblick "Möglichkeiten der Naturheilverfahren", sollte man sich zuvor informieren, mindestens aber offen dafür sein.
Der Pfarrer S. Kneipp sei geehrt, aber die Naturheilkunde als Ganzes hat inhaltlich längst eine weit größere Form angenommen.
Darüber herrscht gerade durch weltweite Diskussionen allgemeiner Konsens. Wir im Naturheilverfahren engagierten Ärzte wissen das.


Dr. med. Matthias Stohrer
Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, Sportmedizin
Wissenschaftlicher Leiter der Gesundheitsakademie Bad Griesbach
Papiermühle 62
73035 Göppingen


Schlußwort


Die Kritik der Herren Dr. Schönberger und Dr. Marx über die nicht aufgeführte Chirotherapie ist berechtigt. Bei Kürzung meines Manuskriptes auf den mir redaktionsseits vorgegebenen Raum ist der Passus über die Chirotherapie durch ein Versehen meinerseits leider entfallen. In den beiden Auflagen des von mir herausgegebenen Buches über Naturheilverfahren ist der Chirotherapie jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet.
Zur Bemerkung des Kollegen Marx, daß die Krankengymnastik nicht erwähnt wird, darf ich feststellen, daß diese unter dem in der medizinischen Literatur oftmals gebrauchten Oberbegriff "Bewegungstherapie" (3) sehr wohl angeführt wird, lediglich aus räumlichen Gründen ohne ihre vielfältigen Verfahrensweisen. Im übrigen ist heute die Universitätsmedizin in zunehmendem Maße bestrebt, Grundlagen und Wirkungsweise der Naturheilverfahren wissenschaftlich zu untermauern (1, 2). Sie denkt auch keineswegs nur in Quantitäten; deutliche Gegenbeispiele sind die psychosomatische Medizin und die Ernährungslehre (4).
Zu den Ausführungen des Kollegen Dr. Fulda darf ich zustimmend bemerken, daß für einen gläubigen Menschen ein ordentliches Verhältnis zu Gott zweifellos ein wesentlicher Ordnungs- und Heilfaktor sein kann. Daß die Naturheilverfahren in der Ausbildung der Studenten nicht berücksichtigt werden, trifft glücklicherweise nicht mehr zu, da seit zwei Jahren dieses Fach in den Studiengang und das medizinische Staatsexamen offiziell eingebunden ist, mögen auch bei der Verwirklichung noch manche Unzulänglichkeiten bestehen.
Herrn Kollegen Dr. Stohrer darf ich zu dem entsprechenden Teil seiner Ausführungen auf den Abschnitt meines Aufsatzes verweisen, in dem ich die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Untermauerung aller "alternativen Methoden" dargelegt habe. Dies ist im Interesse unserer Patienten unerläßlich. Auf eine Besprechung der Anthroposophie und Homöopathie konnte ich deswegen verzichten, weil sie offiziell als "Besondere Therapierichtungen" bezeichnet werden und zudem – wie bereits durch mich erwähnt – die Homöopathie von ihren führenden Vertretern ausdrücklich nicht unter die Naturheilverfahren eingereiht wird. Herrn Kollegen Stohrer ist offensichtlich nicht bekannt, daß die Universität München seit Jahren über einen eigenen Arbeitskreis Naturheilverfahren (ANHV) verfügt (6), angesiedelt bei der primär dafür zuständigen Medizinischen Fakultät; dies ist bei dem "Münchener Modell" nicht der Fall. Aufschlußreich dürfte sein, daß dessen Initiator den von ihm als Schlagwort bezeichneten Begriff "Naturheilverfahren" durch die etwas wolkige Bezeichnung "autoregulative Medizin" abgelöst wissen will (5).


Literatur
1. Bühring M, Kemper FH (Hrsg): Naturheilverfahren und Unkonventionelle Medizinische Richtungen. Springer Loseblatt Systeme, Berlin–Heidelberg–New York, erscheint seit 1992
2. Hentschel HD: Die Kneippsche Heilweise im Licht der Wissenschaft. natura-med 1992; 7: 436–445
3. Knauth K, Reiners B, Huhn R: Physiotherapeutisches Rezeptbuch. Darmstadt: Steinkopff, 5. Aufl. 1991, S. 23–24
4. Koerber KWv, Männle Th, Leitzmann C: Vollwert-Ernährung. Heidelberg: Haug, 8. Aufl. 1994, S. 50–62
5. Melchart D, Wagner H: Naturheilverfahren. Grundlagen einer autoregulativen Medizin. Stuttgart: Schattauer 1993, S. 8
6. Senn E, Unschuld PU: Arbeitskreis Naturheilverfahren (ANHV) der LMU München. Institut für Medizinische Balneologie und Klimatologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, 1995


Prof. Dr. med. Hans-Dieter Hentschel
Kathreinerstraße 24
86825 Bad Wörishofen

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