ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2010Koloskopiescreening in Deutschland
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Die Früherkennung des Kolorektalkarzinoms ist eine echte Krebsvorsorge, weil die Vorstufen des Tumors identifiziert und entfernt werden können. So können die Entstehung eines invasiven Karzinoms verhindert und die Inzidenz in der Bevölkerung langfristig gesenkt werden. Bei Neueinführung einer Screeningmaßnahme wie der Koloskopie wird allerdings zunächst ein Anstieg der Inzidenz erwartet, da durch die Früherkennung mehr Tumoren erkannt werden.

Seit 1977 ist der Test auf okkultes Blut im Stuhl Teil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen für die Früherkennung von Darmkrebs. Im Jahr 2002 wurde die präventive Koloskopie alternativ zum Hämoccult-Test in den Leistungskatalog aufgenommen, das heißt, die Versicherten können wählen, welche Screeningmethode angewendet wird (Quelle: www.zi-berlin.de; Zugriff am 2.10.2010). Zwischen dem 50. und dem 55. Lebensjahr kann eine jährliche Untersuchung auf okkultes Blut erfolgen, danach alle zwei Jahre. Alternativ dazu kann eine präventive Koloskopie ab dem 55. Lebensjahr durchgeführt werden und eine weitere 10 Jahre später. Bei auffälligem Hämoccult-Test oder bei Beschwerden erfolgt nach wie vor eine kurative Koloskopie zur Abklärung.

Effekte der präventiven Koloskopie

Es ist daher nicht einfach, die Beurteilung des Erfolgs der präventiven Koloskopie von den Effekten der kurativen Koloskopie zu trennen. Mit Einführung der präventiven Koloskopie wurden alle teilnehmenden Ärzte in Deutschland verpflichtet, standardisierte Angaben zu jeder Koloskopie an das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI) zu melden. Diese Daten dienen als Grundlage für erste Auswertungen zu den Effekten der präventiven Koloskopien der Jahre 2003 bis 2010 durch Brenner und Kollegen in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts (1). Auf Basis der beim ZI vorhandenen Daten wurden die noch nicht vorliegenden Daten für die Jahre 2009 und 2010 hochgerechnet.

Brenner und Koautoren legen in ihrer Analyse beeindruckende Schätzungen zu den durch die präventive Koloskopie früh erkannten Karzinomen und zu den durch Abtragung von Polypen während der Koloskopie verhinderten Karzinomen vor. Insgesamt wird angenommen, dass innerhalb der 8 Jahre seit Einführung des Verfahrens fast 150 000 Darmkrebserkrankungen frühzeitig erkannt oder verhindert wurden. Und dass, obwohl die jährliche Teilnahmequote der Berechtigten nur auf 2,6 % geschätzt wurde.

Limitationen der Zwischenbilanz

Die Anwendung von Markov-Modellierungen darf durchaus kritisch betrachtet werden, denn es gilt: Das Ergebnis einer solchen Modellierung ist in hohem Maße abhängig von den in das Modell aufgenommenen Annahmen. Zudem wurden in der vorliegenden Arbeit die Daten für die Jahre 2009 und 2010 hochgerechnet, da diese zum Zeitpunkt der Analyse noch nicht vorlagen. Die Autoren haben jedoch nach eigenen Angaben konservative Annahmen angewendet, und daher ist davon auszugehen, dass die Ergebnisse durchaus die tatsächlichen Effekte der präventiven Koloskopie in Deutschland in den ersten 8 Jahren nach Einführung annäherungsweise darstellen. Allerdings können solche Hochrechnungen keine sorgfältige wissenschaftliche Evaluation des Koloskopiescreenings ersetzen, zumal in die vorliegende Auswertung die Effekte der Früherkennung mit dem Test auf okkultes Blut im Stuhl (FOBT, „fecal occult blood test“) sowie die der kurativen Koloskopie unklar bleiben.

Des Weiteren haben aktuelle Ergebnisse von großen randomisierten kontrollierten klinischen Studien zur flexiblen Sigmoidoskopie in Großbritannien und Norwegen inkonsistente Resultate gezeigt (2, 3), was vermutlich auf die unterschiedlich langen Laufzeiten der beiden Studien (11 versus 7 Jahre) zurückzuführen ist. Der baldige Abschluss der weiteren noch laufenden internationalen randomisierten Studien sollte abgewartet und diese Ergebnisse sollten in der Diskussion um die präventive Koloskopie in Deutschland mitberücksichtigt werden.

Hindernisse und Probleme

Die vorliegenden Daten spiegeln möglicherweise den Beginn einer Erfolgsgeschichte wieder. Allerdings bestehen noch Hindernisse und Probleme, die aus dem Weg geräumt werden sollten. Das größte Hindernis für symptomfreie Personen, sich einer Koloskopie zu unterziehen, sind sicherlich die aufwendigen und unangenehmen Vorbereitungen im Vorfeld, wie etwa die Reinigung des Darms, sowie die möglichen Risiken einer solchen Untersuchung. Hinsichtlich der bekannten Gefahren, wie zum Beispiel Blutungen oder Perforationen, zeigen die jetzt ausgewerteten Daten, dass die Risiken sehr niedrig sind. Wenn sich die Ergebnisse von Brenner und Koautoren bestätigen, kann man künftig möglicherweise deutlich mehr Berechtigten durch eine evidenzbasierte und verständliche Kommunikation von Nutzen und Risiken eine Teilnahme an der präventiven Koloskopie näherbringen.

Das größte Problem der bestehenden Situation ist die sehr geringe Teilnahme der berechtigten Personen ab dem 55. Lebensjahr an der Screeningkoloskopie (4). Um bezogen auf die Bevölkerung eine Reduktion der Inzidenz zu erreichen, aber auch um den Einzelnen vor Darmkrebs zu schützen, ist es essenziell wichtig, dass möglichst viele der Berechtigten an der Darm­krebs­früh­erken­nung, idealerweise an einer präventiven Koloskopie, teilnehmen.

Fazit

Nach allen bekannten Auswertungen kann die Frage, ob die präventive Koloskopie in der symptomfreien Bevölkerung in Deutschland bisher eine Erfolgsgeschichte ist, mit Ja beantwortet werden.

Wünschenswert wäre jedoch ein organisiertes Screeningprogramm mit gezielten Einladungen, um die Teilnahme zu steigern. Ein solches Programm, wie es auch im Rahmen des Nationalen Krebsplans des Bundesministeriums für Gesundheit diskutiert wird, sollte unbedingt die wissenschaftliche Evaluation mit der bestmöglichen Dokumentation, den Abgleich mit Krebsregisterdaten und eine regelmäßige Berichterstattung enthalten.

Interessenkonflikt

Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 5. 10. 2010, angenommen: 5. 10. 2010

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. rer. nat. et med. habil. Stefanie J. Klug, MPH
Tumorepidemiologie
Univeristäts KrebsCentrum
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
an der Technischen Universität Dresden
Fetscherstr. 74, 01307 Dresden
E-Mail: stefanie.klug@uniklinikum-dresden.de

Colonoscopy Screening in Germany—A Success Story?

Zitierweise
Klug SJ: Colonoscopy screening in Germany—a success story? Dtsch Arztebl Int 2010; 107(43): 751–2. DOI: 10.3238/arztebl.2010.0751

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Brenner H, Altenhofen L, Hoffmeister M: Eight Years of Colonoscopic Bowel cancer screening in Germany: initial findings and projections. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(43): 753–9. VOLLTEXT
2.
Atkin WS, Edwards R, Kralj-Hans I, et al.: Once-only flexible sigmoidoscopy screening in prevention of colorectal cancer: a multicentre randomised controlled trial. Lancet 2010; 375: 1624–1633. MEDLINE
3.
Hoff G, Grotmol T, Skovlund E, Bretthauer M: Risk of colorectal cancer seven years after flexible sigmoidoscopy screening: randomised controlled trial. BMJ 2009; 338: b1846. MEDLINE
4.
Brenner H, Hoffmeister M, Brenner G, Altenhofen L, Haug U: Expected reduction of colorectal cancer incidence within 8 years after introduction of the German screening colonoscopy programme: estimates based on 1,875,708 screening colonoscopies. Eur J Cancer 2009; 45: 2027–33. MEDLINE
Tumorepidemiologie, Universitäts KrebsCentrum, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden: Prof. Dr. rer. nat. et med. habil. Klug, MPH
1.Brenner H, Altenhofen L, Hoffmeister M: Eight Years of Colonoscopic Bowel cancer screening in Germany: initial findings and projections. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(43): 753–9. VOLLTEXT
2.Atkin WS, Edwards R, Kralj-Hans I, et al.: Once-only flexible sigmoidoscopy screening in prevention of colorectal cancer: a multicentre randomised controlled trial. Lancet 2010; 375: 1624–1633. MEDLINE
3.Hoff G, Grotmol T, Skovlund E, Bretthauer M: Risk of colorectal cancer seven years after flexible sigmoidoscopy screening: randomised controlled trial. BMJ 2009; 338: b1846. MEDLINE
4.Brenner H, Hoffmeister M, Brenner G, Altenhofen L, Haug U: Expected reduction of colorectal cancer incidence within 8 years after introduction of the German screening colonoscopy programme: estimates based on 1,875,708 screening colonoscopies. Eur J Cancer 2009; 45: 2027–33. MEDLINE

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