ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2010Fachkräftemangel: Eine düstere Prognose

POLITIK

Fachkräftemangel: Eine düstere Prognose

Dtsch Arztebl 2010; 107(43): A-2081 / B-1813 / C-1785

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Fachkräfte fehlen hierzulande überall, auch im Gesundheitswesen. Nun wollen Politiker gut ausgebildeten Ausländern die Integration in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtern. Ergebnisse einer Studie legen nahe: Das wird nicht reichen.

Der graue November steht vor der Tür. Da wirken die Zahlen, mit denen das Dienstleistungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC) die Debatte um den Fachkräftemangel in Deutschland unterfüttert, durchaus passend. Bis 2030 werden sich, prognostiziert PwC, die unbesetzten Stellen im Gesundheitswesen auf etwa 950 000 auftürmen. Ein alterndes Deutschland ohne ausreichend Ärzte, Krankenschwestern, Altenpfleger: ein düsteres Szenario.

In der stationären Pflege werden 2030 PwC zufolge mehr als 350 000 Fachkräfte fehlen. Foto: Caro
In der stationären Pflege werden 2030 PwC zufolge mehr als 350 000 Fachkräfte fehlen. Foto: Caro
Anzeige

Im Auftrag von PwC hat das Wirtschaftsinstitut WifOR nach eigenen Angaben 20 Millionen Datensätze ärztlicher und nichtärztlicher Fachkräfte ausgewertet. Ergebnis: Heute fehlen 17 300 Ärzte. In 20 Jahren werden es 165 400 sein. Die vorliegende Studie bestätige damit, so die Autoren, die Ergebnisse der Arztzahlstudie, die Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung im September vorgelegt hatten (DÄ, Heft 36/2010). Ursache für diese Entwicklung seien die alternden „Babyboomer“, wie Harald Schmidt von PricewaterhouseCoopers bei der Präsentation der Studie erläuterte: „Wenn diese Generation in Rente geht, wird sie von Anbietern gesundheitlicher Leistungen zu Nachfragern. Und einen Ersatz für sie gibt es nicht.“

Noch dramatischer klingen die Hochrechnungen für den Pflegebereich. Bei Krankenschwestern, Hebammen und Pflegern geht WifOR schon heute für den stationären Bereich von 8 400 unbesetzten Stellen aus. In 20 Jahren werden es den Prognosen zufolge 351 500 sein.

Schon zahlen die Ersten Abwerbeprämien

„Das Gesundheitswesen wird von Politikern gerne als Wachstumsmarkt der Zukunft dargestellt“, sagte WifOR-Leiter Dr. Dennis Ostwald. „Wenn wir aber in der Gesundheitswirtschaft wachsen wollen, stellt sich die Frage, wer dieses Wachstum erarbeiten soll.“

Dazu machen sich derzeit Regierungspolitiker Gedanken. Ihr Lösungsansatz: Fachkräfte aus dem Ausland. Als ersten Baustein der frisch gegründeten Initiative „Deutschlands Zukunft sichern – Fachkräfte gewinnen“ will das Bundeswirtschaftsministerium ein Informationsportal aufbauen, in dem sich Industrie-, Handels- und Handwerkskammern unter anderem über ausländische Berufsabschlüsse informieren sollen. Und aus dem Bundesbildungsministerium kommt ein Gesetzentwurf mit der Vorgabe für die Ärztekammern, innerhalb von drei Monaten über die Anerkennung der unterschiedlichen Abschlüsse ausländischer Fachkräfte zu entscheiden. Etwa 300 000 Stellen hofft Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) so branchenübergreifend besetzen zu können.

Allein auf ausländische Fachkräfte zu setzen, sei jedoch zu wenig, befinden die Autoren der PwC-Studie. Sie schlagen eine stärkere Kooperation zwischen ambulantem und stationärem Sektor vor. Außerhalb von Ballungszentren müssten zudem Medizinische Versorgungszentren „unterschiedlichster Trägerschaft“ Kliniken und Einzelpraxen ersetzen. Geschehe nichts, prognostizierte WifOR-Chef Ostwald, würden sich der ambulante und der stationäre Sektor künftig einem dramatisch verschärften Wettbewerb um Fachkräfte ausgesetzt sehen. Entscheidend werde dann die Höhe der Entlohnung sein.

Auf dieses Szenario muss man allerdings keine 20 Jahre mehr warten. Gerade hat der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe darauf hingewiesen, dass in manchen Stellenanzeigen bereits Abwerbeprämien in Höhe von mehreren Tausend Euro geboten würden. Und im Frühjahr waren die Katholischen Kliniken im Kreis Kleve in die Schlagzeilen geraten, weil sie 3 000 Euro für die Vermittlung von Ärzten zahlten.

Falk Osterloh

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema
Deutsches Ärzteblatt print

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema