ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2010Medizinische Rehabilitation: Ungenutzte Potenziale

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Medizinische Rehabilitation: Ungenutzte Potenziale

Dtsch Arztebl 2010; 107(43): A-2091 / B-1820 / C-1792

Hibbeler, Birgit

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Fachkräftemangel, Rente mit 67, mehr Pflegebedürftige: Rehabilitation wird immer wichtiger. Trotzdem gibt es Hindernisse, die einer guten Versorgung im Weg stehen. Besonders Krankenkassen beklagen den zunehmenden finanziellen Druck.

Rehabilitation lohnt sich – und zwar in jeder Hinsicht. Der einzelne Patient profitiert, denn eine Reha kann langfristige Einschränkungen durch Krankheit oder Unfall verhindern. Doch auch für die Sozialversicherungsträger ist die Behandlung eine gute Sache. Rehabilitation kostet zwar zunächst Geld, aber auf lange Sicht führt sie zu Einsparungen, wenn die Folgekosten von akuten und chronischen Erkrankungen sinken. Außerdem kann eine Reha dazu beitragen, dass der Patient erwerbstätig bleibt. Für die Sozialversicherung heißt das: längere Beitragszahlungen.

Fachkräfte fit halten

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„Rehabilitation rechnet sich“, sagte Dr. Herbert Rische, Präsident der Deutschen Rentenversicherung (DRV) Bund. Mehr als 80 Prozent der Rehabilitanden, die zulasten der DRV behandelt würden, verblieben im Berufsleben. Wegen eingesparter Rentenzahlungen hätten sich die Kosten für die Reha schon nach wenigen Monaten amortisiert, erläuterte Rische bei der Tagung „Chancen und Nutzen der medizinischen Rehabilitation“ Anfang Oktober in Berlin. Veranstaltet wurde die Konferenz von der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung (GVG) – einem Zusammenschluss unter anderem von Kostenträgern, Leistungserbringern und Arbeitgebern.

Neben dem Rehabilitanden, der an Lebensqualität gewinnt, und den Sozialkassen, die langfristig Geld sparen, profitieren zudem die Unternehmen. Denn ihnen stehen leistungsfähige Fachkräfte zur Verfügung, die Arbeitnehmer verursachen weniger Fehlzeiten. Prof. Dr. Herbert Rebscher, Vorstandsvorsitzender der DAK, bezeichnete die Rehabilitation sogar als einen „Garanten für die Leistungsfähigkeit einer älter werdenden Gesellschaft“. Ziel der Reha sei Teilhabe, sagte Rebscher. Sie solle eine Rückkehr in den Alltag ermöglichen, Pflegebedürftigkeit und Erwerbsunfähigkeit verhindern. Dabei gehe es nicht nur um eine medizinische Versorgung, sondern ebenfalls um das soziale und berufliche Umfeld. Der DAK-Chef äußerte Zweifel, ob diese Aspekte den Antragstellern – also Patienten und Ärzten – immer klar seien. Tatsächlich ist die Rehabilitation ein komplexer Bereich mit einer Vielzahl von Kostenträgern und Angeboten. Die GVG hat deshalb die Publikation „Die medizinische Rehabilitation. Ein Überblick“ vorgelegt (Schriftenreihe der GVG, Bd. 66).

Eine bessere Information über den Rehasektor ist die eine Sache. Doch aus Sicht von Rebscher gibt es noch weitere Handlungsfelder: Die Angebote müssten flexibler werden. „Schema F ist in der Rehabilitation nicht angezeigt“, stellte der DAK-Chef klar. Außerdem sei es wichtig, die Reha stärker mit dem Akutsektor zu vernetzen. Rehabilitation müsse möglichst frühzeitig eingeleitet werden.

Vorbildlich ist in diesem Punkt die Unfallversicherung – neben der DRV und den Krankenkassen weiterer Träger medizinischer Rehabilitation. „Alles aus einer Hand“, lautet hier das Motto. „Das beginnt schon bei der Prävention am Arbeitsplatz“, wie Dr. Andreas Kranig, Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung, verdeutlichte. Künftig sei es aber auch wichtig, die Ergebnisqualität der Leistungen stärker unter die Lupe zu nehmen. Außerdem, so Kranig: „Eine umfassende Kosten-Nutzen-Analyse ist erforderlich.“

Und bei allem Lob der Referenten für die Erfolge von Rehabilitation: Auch Thomas Ballast, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Ersatzkassen, verwies darauf, man müsse auch die Wirtschaftlichkeit beachten. Durch die Reform der Krankenkassenfinanzierung sieht er einen erheblichen finanziellen Druck. Künftige Kostensteigerungen seien allein von den Versicherten zu tragen – bei einem „interessant gestalteten Sozialausgleich“. Die Kassen hätten ein Interesse daran, Zusatzbeiträge zu vermeiden. Schließlich riskierten sie ansonsten, ihre Kunden an eine andere Kasse zu verlieren. Rehaverbände warnen schon seit längerer Zeit vor den Folgen der Zusatzbeiträge. Denn für die Kassen ist es wichtiger, kurzfristig Geld zu sparen – etwa indem weniger Behandlungen genehmigt werden –, als langfristig Folgekosten zu reduzieren. Die Einsparungen durch Rehabilitation ergeben sich außerdem zu einem Großteil bei der Pflegeversicherung und nicht bei den Krankenkassen. Trotzdem lehnte Ballast den Vorschlag ab, einen Finanzausgleich zwischen Pflege- und Krankenkassen zu schaffen, um positive Anreize zu setzen.

Investition in die Zukunft

Zumindest die Akzeptanz von Rehabilitation hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Davon zeigte sich Dr. Axel Reimann, Direktor der DRV Bund, überzeugt. So sei es trotz Wirtschaftskrise nicht zu einem Einbruch bei den Anträgen gekommen. Hier gebe es einen Bewusstseinswandel sowohl bei den Versicherten als auch den Arbeitgebern. Die steigende Zahl der Rehabehandlungen zeige aber auch den wachsenden Bedarf – ein Trend, der sich in den kommenden Jahren fortsetzen werde.

Dr. med. Birgit Hibbeler

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