ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2010Arthrose: Kein altersbedingter Verschleiß

MEDIZINREPORT

Arthrose: Kein altersbedingter Verschleiß

Dtsch Arztebl 2010; 107(43): A-2105 / B-1830 / C-1802

Vetter, Christine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Typische Befunde der Arthrose: Verschmälerung des Gelenkspaltes, Bildung von Osteophyten, subchondrale Knochensklerose, Zysten und Knochenschwund. Foto: mauritius images
Typische Befunde der Arthrose: Verschmälerung des Gelenkspaltes, Bildung von Osteophyten, subchondrale Knochensklerose, Zysten und Knochenschwund. Foto: mauritius images

Stoffwechselstörungen und entzündliche Prozesse schädigen auf Dauer den Gelenkknorpel, was neue therapeutische Ansätze zu diesem heterogenen Krankheitsbild erforderlich macht. Der Forschungsbedarf ist groß.

Entgegen der allgemeinen Vorstellung entsteht die Arthrose nicht durch Abrieb und Abnutzung. Vielmehr steht am Anfang der Gelenkzerstörung meist eine akute Schädigung des Gelenkknorpels durch eine Verletzung oder eine Infektion. „Wir sprechen immer von Gelenkverschleiß als Basis der Arthrose. Tatsächlich aber ist diese Aussage falsch“, erklärt Prof. Dr. med. Wolfgang Rüther, Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und Präsident des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) in Hamburg.

Entstanden ist die Annahme, es liege ein Gelenkverschleiß vor, durch die Beobachtung, dass die Arthrose an Bewegung und Belastung gekoppelt ist. „Unser Knie aber ist kein Motor, der nach 250 000 Kilometern schwächelt“, betont Rüther. Vielmehr entstehe die Arthrose nur, wenn eine initiale Schädigung des Knorpels eintrete, auf deren Boden sich dann die Gelenkzerstörung entwickelt.

Arthrose entwickelt sich auch bei normaler Belastung

Die Faktoren, die der Arthrose den Weg bereiten können, sind allerdings vielfältig: Es kann sich um Stoffwechselstörungen, um eine Infektion, eine Verletzung oder auch um Entzündungsprozesse handeln, die den Knorpel beeinträchtigen. Wichtige Auslöser sind Fehl- oder Überbelastungen der Gelenke, zum Beispiel als Folge von Übergewicht oder Hochleistungssport. Doch auch bei einer ganz normalen Belastung kann sich eine Arthrose bilden, etwa durch eine Entzündung im Gelenk oder durch eine genetisch bedingte Abweichung in der Knorpelmatrix. Das Vorkommen dieser Gene variiert in verschiedenen Populationsgruppen allerdings beträchtlich.

Von der ersten Schädigung bis zur Arthrose vergehen dann viele Jahre, in denen der Patient häufig keine Schmerzen verspürt. Deshalb sei auch die Frühdiagnostik so schwierig, erläutert Rüther.

Damit unterscheiden sich Arthrose und Arthritis vor allem durch den Krankheitsbeginn: „Während bei der Arthritis die Erkrankung von der Synovialis ausgeht, ist bei der Arthrose der Knorpel der Ausgangspunkt der Schädigung“, so Rüther. In der Folge aber münden beide Krankheitsbilder in die gleiche Endstrecke: Denn durch den Abrieb des geschädigten Knorpels kommt es zu Reizungen und Entzündungsprozessen der Synovialis, die schließlich die Gelenkzerstörung vorantreiben.

Wie dies genau geschieht, wird bei der Arthrose bislang kaum verstanden. Denn obwohl in Deutschland rund fünf Millionen Menschen an einer Arthrose leiden und die Prävalenz aufgrund der steigenden Lebenserwartung weiter zunimmt, stand das Krankheitsbild bisher kaum im Fokus der Forschung. „Das muss sich dringend ändern, wir brauchen eine adäquate Forschungsförderung für Fragen rund um die Arthrose“, forderte Rüther.

Bislang gibt es kein Medikament und keine chirurgische Therapie, um die Arthrose zu stoppen. Ein vielversprechender Ansatz ist derzeit die Transplantation von Knorpelzellen oder -gewebe. „Eine Wiederherstellung der ursprünglichen Gewebequalität gelingt aber leider noch nicht”, schränkt der DGRh-Präsident ein. Außerdem sei die Therapie nur bei abgegrenzten Knorpelschäden möglich, wie sie zum Beispiel als Unfallfolge auftreten können. Damit käme sie nur für einige Patienten infrage. ►

Gefragt sind vor allem innovative Therapieansätze, mit denen sich den Betroffenen besser helfen lässt als bisher. Erste Schritte in diese Richtung werden derzeit getan, es wird mit zwei verschiedenen Ansätzen versucht, die Behandlung der Arthrose zu optimieren. Denn mit einem Hebel allein scheint es – anders als bei der rheumatoiden Arthritis – bei der Arthrose nicht getan zu sein, meint Rüther: „Wir müssen trennen zwischen der Behandlung der Schmerzen und der Behandlung der Knorpelzerstörung.“ Während zum Beispiel bei der Behandlung der rheumatoiden Arthritis durch die nachhaltige Entzündungshemmung mit Hilfe der modernen Biologika gleichzeitig eine effektive Schmerzlinderung erwirkt wird, ist dies bei der Arthrose nicht der Fall.

Und noch eines erschwert die Therapie: Bei der rheumatoiden Arthritis wird auf eine Frühtherapie gesetzt, um den Entzündungsprozess und damit die Gelenkzerstörung rasch zu stoppen. Bei der Arthrose aber ist dieser Weg verwehrt, weil eine Frühdiagnostik bislang nicht möglich ist. Dies erklärt, warum bei der Arthrose völlig andere Therapiestrategien gefragt sind als bei der rheumatoiden Arthritis.

Regeneration des Knorpels anregen

Zurzeit sind vor allem Wirkstoffe in Entwicklung, die in den Nervenstoffwechsel eingreifen in der Hoffnung, dadurch den Schmerz grundlegender und effektiver lindern zu können als mit den derzeit üblicherweise verordneten nichtsteroidalen Antirheumatika. Ist dieser Ansatz erfolgreich, so Rüther, könnte möglicherweise vielen Patienten eine Gelenkersatzoperation erspart werden.

Gearbeitet wird außerdem intensiv an der Entwicklung von Wirkstoffen, welche die Regeneration des Knorpels anregen. Eine Linderung der akuten Schmerzen ist von solchen Strategien aber kurzfristig nicht zu erwarten. Rüther: „Wir gehen allerdings davon aus, mit solchen ,disease modifying drugs‘ langfristig Einfluss auf die Knorpeldegeneration nehmen zu können.“ Möglicherweise wird der Ansatz mit einem einzigen Wirkprinzip nicht ausreichen. Wahrscheinlicher ist es, dass sich die Stimulation der Knorpelregeneration daran orientieren muss, durch welche Mechanismen die initiale Schädigung verursacht wurde. Denn „Arthrose ist nicht gleich Arthrose“, mahnt Rüther. Das zeige das Beispiel der Transplantation von Knorpelzellen, die nur bei speziellen Arthroseformen – und zwar nur solchen mit lokal sehr begrenztem Knorpeldefekt – erfolgversprechend sei.

Das Team um Prof. Dr. med. Thomas Pap, Direktor des Instituts für Experimentelle Muskuloskelettale Medizin am Universitätsklinikum Münster und Sprecher des Kompetenznetzes Rheuma, konnte in den vergangenen Jahren zeigen, dass bei der Entstehung einer Arthrose im Knorpel ähnliche Prozesse ablaufen wie während der Embryonalentwicklung. In beiden Fällen wird ein Teil des vorhandenen Knorpels abgebaut und durch knöcherne Strukturen ersetzt. Während im Mutterleib jedoch intakte Knochen angelegt werden, zerstört die Arthrose das Gelenk.

Wie sich der Krankheitsprozess möglicherweise „umdrehen” ließe, hat Pap zusammen mit anderen Forschern an Mäusen gezeigt (Nature Medicine 2009; 15: 1072–76). Sie haben auf der Oberfläche der Knorpelzellen ein Molekül (Syndecan-4) identifiziert, welches das Enzym ADAMTS-5* aktiviert, das den Knorpel weiter zerstört. „Wird Syndecan-4 mit Antikörpern blockiert, entwickeln die Tiere keine Arthrose, der Knorpelabbau wird gestoppt“, erklärte Pap.

Die Heterogenität der Arthrose muss sich folglich auch in den Forschungsaktivitäten widerspiegeln. Entsprechend der initialen Schädigung sollten verschiedene Kohorten gebildet werden, um Therapieoptionen in klinischen Prüfungen zu untersuchen. Geschieht dies nicht, so werden laut Rüther Behandlungserfolge weiter auf sich warten lassen.

Christine Vetter

*ADAMTS-5 = anti-A Disintegrin And Metalloproteinase with Thrombospondin-5

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema