ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2010Therapie der Altersabhängigen Makuladegeneration: Medikament reichert sich in Netzhautzellen an

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Therapie der Altersabhängigen Makuladegeneration: Medikament reichert sich in Netzhautzellen an

Dtsch Arztebl 2010; 107(43): A-2107 / B-1832 / C-1804

Gerste, Ronald D.

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Die Einführung der VEGF-Hemmung hat die Therapie der exsudativen Variante der altersabhängigen Makuladegeneration (AMD), der häufigsten Erblindungsursache im Seniorenalter, revolutioniert. Die intravitreale Injektion ist zum Standard der Behandlung geworden. Gebräuchlich sind im Wesentlichen zwei Wirkstoffe: Ranibizumab und Bevacizumab. Ranibizumab ist für die Therapie der feuchten AMD zugelassen, Bevacizumab hingegen wird off-label angewandt. Klinische Effekte und Erfolgsraten sind im Prinzip vergleichbar. Doch ist die Wirkweise der Substanzen identisch? Eine Arbeitsgruppe um Prof. Dr. med. Johann Roider (Universitäts-Augenklinik Kiel) hat Zweifel.

Kulturen von retinalen Pigmentepithelzellen (RPE), die in der Netzhaut unter anderem für die Entsorgung von Abbauprodukten der Photorezeptoren zuständig ist, wurden nach Exposition mit therapeutischen Dosen von Ranibizumab und Bevacizumab inkubiert. Jene RPE-Zellen, die Bevacizumab ausgesetzt waren, zeigten Vesikel, die mit dem Wirkstoff angefüllt waren, was nach Ranibizumabgabe nicht beobachtet werden konnte. Je stärker die Anfüllung, desto geringer die Aufnahme von Latex-Kügelchen (1 µm Durchmesser) als Marker der Phagozytoseaktivität (1). Dies wird als ein Hinweis gewertet, dass die Fähigkeit des RPE zur Phagozytose nach Bevacizumab-Exposition herabgesetzt ist, was sich klinisch in einer reduzierten Sensitivität der Netzhaut äußern würde. Eine neuere Untersuchung hat nun einen weiteren, bislang nicht bekannten Effekt der VEGF-Antagonisten auf das RPE festgestellt: sie vermögen die tight junctions zwischen den RPE-Zellen aufzulösen. Unter Bevacizumab war die dadurch erhöhte Zellpermeabilität wesentlich länger nachweisbar als unter Ranibizumab, nämlich bis zu 9 Tage (2).

Fazit: Die klinischen Auswirkungen einer möglicherweise nach Ranibizumabgabe reduzierten Phagozytoseaktivität des RPE sind noch nicht erforscht, doch sind die Ergebnisse für Roider ein weiterer Hinweis dafür, dass die eigentliche intrazellulären Wirkmechanismen der VEGF-Inhibition nach wie vor nicht entschlüsselt sind; der lang andauernde Effekt des Bevacizumab spricht eher dagegen, dass es sich bei der Therapie um einen reinen Antikörpereffekt handelt, wie zunächst vermutet. Roider unterstreicht, das man es trotz gleicher Applikationsweise (Injektion in den Glaskörper) und vergleichbaren Visusstabilisierungen und gelegentlich auch -verbesserungen mit zwei völlig unterschiedlich wirkenden Substanzen zu tun hat. Ronald D. Gerste

  1. Klettner A et al.: Intracellular bevacizumab reduces phagocytotic uptake in RPE cells. Graefes Arch Clin Exp Ophthalmology 2010; 248: 819–24.
  2. Miura Y et. al.: VEGF-Antagonists decrease barrier function of retinal pigment epithelium in vitro. Invest Ophthalmol Vis Sci 2010, 51: 4848–55

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