ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2010Von schräg unten: Gegendarstellung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Gegendarstellung

Dtsch Arztebl 2010; 107(43): [96]

Böhmeke, Thomas

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Was die Patientenzufriedenheit anbetrifft, so rangieren deutsche Ärzte im internationalen Vergleich weit hinten. Das schmerzt. Viele Patienten fühlen sich von ihrem Doktor nicht genügend erhört, bekommen keine ausreichende Gelegenheit, sich zu ihrem Leiden zu äußern, so einer der gängigen Vorwürfe. Mich trifft und betrifft das auch, aber ich möchte an dieser Stelle, quasi als Gegendarstellung, die näheren Umstände ausleuchten, die zu dieser Kritik an mir und meinem Berufsstand führen. Es hat bisweilen seinen Grund war- um ich meiner Beredsamkeit die Burka überstreife, mich in das Verlies der Wortlosigkeit begebe.

„Mein Bekannter nimmt diese wunderbare Pille und hat gemeint, ich sollte mir das unbedingt von Ihnen verschreiben lassen!“ Bei dem gelobten Wirkstoff handelt es sich mit Regelmäßigkeit um ein Präparat, das nicht indiziert ist, dafür mein Budget sprengt, also von mir bezahlt wird. Inhaltliche Diskussionen über Anwendungsbereiche oder den nicht anwesenden Bekannten führen hier nie weiter, daher hülle ich mich in Schweigen. „Eine halbe Stunde habe ich warten müssen, das geht ganz und gar nicht!“ Hinweise auf Notfallsituationen, die zu diesem bedauerlichen Zeitverlust geführt haben, sind in diesem Fall völlig unfruchtbar, daher übe ich mich in Aphonie. „Meine Nachbarin hat’s an der Gallenblase!“, lautet der Einwurf, als ich mir viel Mühe gebe, eine komplizierte Herztherapie in allen Einzelheiten zu erläutern. So bemitleidenswert der Umstand einer maladen Gallenblase auch sein mag, er bleibt in diesem Fall unkommentiert. „Das müssen Sie doch wissen!“, ist eine häufige Antwort bei der Medikamentenanamnese, auch von Patienten, die ich zum ersten Mal sehe. Dass mir hellseherische Fähigkeiten zugesprochen werden, macht mich regelhaft sprachlos. „Ihr Schulmediziner seid doch alle völlig verbohrt!“ Was soll ich dazu noch sagen?

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Wenn all diese Äußerungen in einer einzigen Sprechstunde geballt auftreten, greife ich aus Gründen des Selbstschutzes zur akuten psychologischen Soforthilfe: Ich hole die Medizinische Fachangestellte in das Sprechzimmer und bitte sie: „Schweigen Sie mich an, nur für eine Minute, ich flehe Sie an!“

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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