ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2010Medizinstudierende: Rosige Zeiten für Berufseinsteiger

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Medizinstudierende: Rosige Zeiten für Berufseinsteiger

Meißner, Marc

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Nie war die Stellensituation für junge Mediziner so günstig wie heute. Dies zeigte sich auch auf dem Kongress „Perspektiven und Karriere“, auf dem sich Studierende über ihre Zukunftschancen informieren konnten.

Der Ärztemangel ist mittlerweile in den Krankenhäusern und auch in vielen Regionen der ambulanten Versorgung Realität. „Für Nachwuchsmediziner bedeutet das fast rosige Zeiten“, sagte Rüdiger Sprunkel, Verlagsleiter Deutsches Ärzteblatt, auf dem 4. Kongress „Perspektiven und Karriere“ des Deutschen Ärzte-Verlags und des Deutschen Ärzteblatts in Berlin. Mehr als 700 Teilnehmer, größtenteils Medizinstudierende und angehende Ärzte, fanden den Weg in das Langenbeck-Virchow-Haus und diskutierten dort über Karrierechancen, Weiterbildungsmöglichkeiten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

„Die ambulante Versorgung hat Zukunft“ – Andreas Köhler und Günther Jonitz diskutierten mit den Studierenden über die Karrierechancen junger Mediziner. Fotos: Svea Pietschmann

„Die ambulante Versorgung hat Zukunft“ – Andreas Köhler und Günther Jonitz diskutierten mit den Studierenden über die Karrierechancen junger Mediziner. Fotos: Svea Pietschmann
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g">Nicht nur die Berufsaussichten, sondern auch die Arbeitsbedingungen für junge Mediziner sind besser als je zuvor. Prägten früher 60 bis 80 Stunden pro Woche und unbezahlte Zusatzdienste den Klinikalltag, sei dies heute kaum noch der Fall. „Die Zeiten haben sich gewandelt“, erklärte Dr. med. Günther Jonitz, Vorstandsmitglied der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Präsident der Ärztekammer Berlin. „Sie können heute dahin gehen, wo die Bedingungen für sie gut sind.“ Vor allem der traditionelle, oftmals ausbeuterische Führungsstil in den Kliniken wird seit langem kritisiert. Dieser sei allerdings, betonte Jonitz, heute kaum noch anzutreffen. „Früher gab es aber auch fünf Bewerber pro Stelle.“ Da hätten es sich die Häuser noch leisten können, wenn unzufriedene Ärzte gegangen seien, so Jonitz. Mittlerweile müssten Chefärzte und Weiterbilder nicht nur fachlich geeignet sein, sondern auch entsprechende Führungsqualitäten mitbringen.

Alternative: Niederlassung

Neben den klinischen Fächern wurde auf dem Kongress vor allem für eine Karriere in der ambulanten Versorgung geworben. „Die ambulante Versorgung hat Zukunft“, erklärte Dr. med Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Denn keiner kann sich eine Versorgung ohne wohnortnahen Hausarzt vorstellen.“ Dennoch höre man jeden Tag in den Medien, wie unzufrieden die Niedergelassenen mit ihren Arbeitsbedingungen seien. Diese hätten sich jedoch trotz aller berechtigten Kritik schon wesentlich verbessert: Die Abrechnung sei durch die elektronische Datenübermittlung vereinfacht worden. Arzneimittelregresse seien Vergangenheit, wenn künftig der Arzt nur noch für das Verordnungsmanagement, aber nicht mehr für das Kostenmanagement verantwortlich sei. Und bei all dem dürfe man nicht vergessen: „Dieser Beruf ist wunderschön“, so Köhler. „Sie sind weitaus mehr als nur der behandelnde Arzt.“ Gerade in den ländlichen Regionen gehöre der Arzt zum sozialen Umfeld seiner Patienten und begleite diese über lange Zeiträume hinweg.

„Wir brauchen gut ausgebildete Hausärztinnen und Hausärzte“, betonte auch Dr. med

. Cornelia Goesmann, Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer. Deshalb entwickelten BÄK, KBV und die Landes-KVen seit einigen Jahren gezielt Konzepte und Förderprogramme. Dabei verwies Goesmann besonders auf das gemeinsam mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft und den Krankenkassen aufgelegte „Förderprogramm für Allgemeinmedizin“. Im Rahmen dessen stehen jährlich rund 110 Millionen Euro zur Verfügung, um Weiterbildungsstellen für angehende Hausärzte in den Krankenhäusern und den Praxen finanziell zu fördern. Damit soll die Vergütung der Weiterbildungsassistenten und -assistentinnen in den Hausarztpraxen an die Gehälter der Kollegen in den Krankenhäusern angeglichen werden.

Trotzdem: Nur jeder dritte Studierende kann sich vorstellen, Hausarzt zu werden. Dies ergab eine Umfrage der KBV unter Medizinstudierenden. „Eine Niederlassung als spezialisierter Facharzt kommt für 75 Prozent der Studierenden infrage“, erläuterte Dr. med. Bernhard Gibis, Leiter des Dezernats „Verträge und Verordnungsmanagement“ bei der KBV. Darin zeige sich der generelle Trend zur Spezialisierung. „Es gibt heute nicht mehr den Gynäkologen, dafür aber viele Spezialisierungen in der Gynäkologie“, sagte Gibis.

Darüber hinaus zeigte die Studie deutlich, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit auch die Möglichkeit, in Teilzeit zu arbeiten für die angehenden Ärzte immer wichtiger wird. „Die Berufsausübungsmöglichkeiten müssen deshalb flexibler werden“, betonte Köhler. Die klassische Einzelpraxis sei längst nicht mehr der einzige Weg, ambulant tätig zu sein. Mit Gemeinschaftspraxen, Medizinische Versorgungszentren oder Praxen an Krankenhäusern gebe es schon viele Alternativen, die besonders für die Ärzte interessant seien, die das Risiko einer Einzelpraxis nicht auf sich nehmen wollen. „Teamarbeit ist mittlerweile auch im ambulanten Bereich sehr gut möglich“, erklärte Goesmann. „Die Zukunft liegt in der Tätigkeit in Großpraxen und Medizinischen Versorgungszentren, die gemeinsam eine Region versorgen.“

Die angehenden Ärzte auf dem Kongress kritisierten, dass im Studium die notwendigen unternehmerischen Qualifikationen und die Fähigkeiten zur Personalführung gar nicht gelehrt würden. „Das macht uns selbst Sorgen“, räumte Gibis ein. „Denn solche Dinge werden weder im Studium noch in der Weiterbildung vermittelt.“ Kassenärztliche Vereinigungen und Ärztekammern böten allerdings Kurse sowohl zur Praxis- als auch zur Mitarbeiterführung an. „Wenn Sie solche Kurse während des Studiums oder der Weiterbildung sehen, nehmen Sie diese wahr“, empfahl Gibis. „Das ist gut investierte Zeit.“

Weiterbildung im Wandel

Ein zentrales Thema war auch dieses Jahr die Weiterbildung. Dr. med. Kerstin Hoeft, Referentin im Dezernat „Ärztliche Aus- und Weiterbildung“ der BÄK, stellte die Ergebnisse der ersten bundesweiten Befragung von Weiterbildern und Ärzten in Weiterbildung vor. Demnach ist die Weiterbildung besser als ihr Ruf: Im Durchschnitt bewerteten die Befragten ihre Weiterbildung mit der Schulnote 2,6. Die Betriebskultur sei in den meisten Weiterbildungsstätten gut, erläuterte Hoeft die Ergebnisse. „Schon heute ist es beispielsweise gelebte Realität, dass in Teams weitergebildet wird.“ Besorgniserregend sei aber, dass immer noch an vielen Einrichtungen die Arbeitszeiten nicht eingehalten würden. Darüber hinaus sei die Weiterbildung noch zu oft unstrukturiert, und Weiterbildungsgespräche fänden zu selten statt.

„Es ist nicht selbstverständlich, dass man eine Weiterbildung bekommt“, stellte Dr. med. Markus Wenning, Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Westfalen-Lippe, fest. „Und schon gar nicht, dass man eine gute bekommt.“ Wenning machte klar, dass für junge Ärzte weder durch das Arbeits- noch durch das Berufsrecht ein einklagbarer Anspruch auf eine Weiterbildung bestehe. „Versuchen Sie dies in dem Arbeitsvertrag zu verankern“, empfiehlt er. „Dann haben Sie auch einen Anspruch darauf.“

Bei Problemen mit dem Weiterbilder oder der Weiterbildungsstätte stände das Gespräch mit den Kollegen an erster Stelle. „Hierzu können Sie sich auch an Ihre Ärztekammer wenden, die Ihnen einen Mentor vermittelt“, erklärte Wenning. Sollte man die Situation nicht klären können, solle man sich an die Kammer wenden. „Am besten erst einmal telefonisch“, rät er. „Ob der Vorgang später schriftlich und offiziell werden soll, kann man dann immer noch entscheiden.“

Demnächst soll die Qualität der Weiterbildungsstätten transparenter werden. Hoeft kündigte an, dass die Ergebnisse der nächsten Weiterbildungsbefragung, die Anfang des kommenden Jahres durchgeführt werden soll, detailliert veröffentlicht werden. Ab August oder September 2011 soll es dann möglich sein, die Bewertungen der einzelnen Weiterbildungsstätten im Netz abzurufen, und sich so im Vorfeld über eine Einrichtung zu informieren.

Dr. rer. nat. Marc Meißer

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