ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2010XII. Humanitärer Kongress: Zwischen Notversorgung und Entwicklungshilfe

POLITIK

XII. Humanitärer Kongress: Zwischen Notversorgung und Entwicklungshilfe

Dtsch Arztebl 2010; 107(43): A-2086 / B-1817 / C-1789

Cloes, Rasmus; Meißner, Marc

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Genau hinsehen, um humanitäre Hilfe zu verbessern, die Versorgten selbst befragen – zwei Diskussionspunkte des Kongresses. Foto: Gregor von Glinski
Genau hinsehen, um humanitäre Hilfe zu verbessern, die Versorgten selbst befragen – zwei Diskussionspunkte des Kongresses. Foto: Gregor von Glinski

Erdbeben, Überschwemmungen, Epidemien – humanitäre Hilfsorganisationen sind in Krisengebieten oft die ersten Helfer vor Ort. In Berlin diskutierten deren Vertreter über Möglichkeiten und Grenzen humanitärer Hilfe.

Zwischen zehn und 15 Milliarden US-Dollar pro Jahr werden für humanitäre Hilfe ausgegeben, die Opfern in Krisengebieten zugutekommt. „Der Großteil wird allerdings nicht für Hilfsmaßnahmen nach Naturkatastrophen aufgewendet“, stellte Peter Walker, Direktor des Feinstein International Center der Tuffs Universität, Boston, auf dem XII. Humanitären Kongress* in Berlin fest. Das meiste Geld fließe in politische Krisengebiete. „Die zugrundeliegenden ökonomischen und politischen Probleme werden nicht gelöst, im Gegenteil: Durch humanitäre Hilfe werden korrupte Systeme oft noch unterstützt“, erläuterte Walker. Denn über Hilfsorganisationen gelange auch viel Geld in politische Krisenregionen, womit man diese indirekt noch für ihre Unsicherheit belohne. In Afghanistan würden beispielsweise zehn Prozent der humanitären Hilfsgelder an die Taliban fließen, sagte Walker.

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Cecil Haverkamp, Projektmanager im Bereich Humanitäre Grundsätze und Konflikte an der Harvard Universität, forderte deshalb, dass humanitäre Organisationen – oft entgegen deren eigenen Grundsätzen – eng mit den Regierungen in Krisengebieten zusammenarbeiten sollten. „Nur so kann die Arbeit auch nachhaltig sein und nicht nur eine Krisenhilfe.“ Dem widersprach Vanessa van Schoor, Operational Manager bei Ärzte ohne Grenzen: „Die Unabhängigkeit von Regierungen und Militär ist vor allem ein Schutz der Mitarbeiter vor Ort. Sie ist wichtig, um ihre Sicherheit zu gewährleisten und um das Vertrauen der Menschen dort zu gewinnen.“

Darüber hinaus kritisierte Haverkamp die mangelnde Ausbildung der humanitären Helfer: „Es fehlen Standards, wie in welcher Situation zu verfahren ist.“ Eine systematische Auswertung vergangener Einsätze finde kaum statt. Bei einem Hilfseinsatz in einem Katastrophengebiet Evaluationsbögen auszufüllen, sei jedoch nicht zu leisten, betonte der Chirurg Paul McMaster: „Wenn man in der ersten Phase nach einem Erdbeben eintrifft, gibt es normalerweise nicht mal ein Zeltlager für die Verletzten. Man operiert auf offener Straße, mit den Instrumenten, die man findet. An eine vollständige Dokumentation ist dabei nicht zu denken.“

Ein weiteres Problem sei „die kurzfristige Finanzierung vieler Projekte“, erklärte Josse Gillijns, Leiter der Evaluationsgruppe der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Für eine Evaluation, die noch Jahre nach einer Krise Kosten verursache, sei meist kein Geld vorhanden. Außerdem sei es oft sehr gefährlich, mühsam und langwierig, in den betroffenen Ländern Daten zu sammeln, fügte Gillijns hinzu.

Eine Idee ist, im Rahmen einer Studie Handys an die versorgten Menschen zu verteilen. „So können wir sie befragen, auch wenn sie in schwer erreichbaren Regionen wohnen. Pilotstudien zeigen, dass dadurch weniger Teilnehmer die Studie abbrechen“, erläuterte Gillijns. „Wir müssen neue Wege finden, die Menschen zu erreichen. Dann können wir ihre wirklichen Probleme erkennen und bekämpfen.“

Rasmus Cloes, Dr. rer. nat. Marc Meißner

* Der Humanitäre Kongress wurde ausgerichtet von Ärzte ohne Grenzen, Ärzte der Welt, dem Deutschen Roten Kreuz, Medair, der Ärztekammer Berlin und der Charité.

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