ArchivDeutsches Ärzteblatt11/1996Anlagebetrug: Erst angelockt, dann abgezockt

VARIA: Wirtschaft - Berichte

Anlagebetrug: Erst angelockt, dann abgezockt

Jobst, Peter

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LNSLNS Die meisten Betrugsfälle laufen in ähnlicher Form ab: Ein potentieller Geldanleger wird von einem Telefonverkäufer kontaktiert, der ihm in blumigen Worten die enormen Gewinnchancen mit Gold und Silber, mit Schweinebäuchen und Kaffee vorzeichnet. Bereits für wenige tausend DM wird der Einstieg offeriert. Tatsächlich läuft das Geschäft in den ersten Wochen meist blendend, dem Anleger werden erhebliche Zinsen gutgeschrieben. Überzeugt von dieser "wundersamen Geldvermehrung", schießen dann viele Anleger weitere Gelder nach. Manche nehmen hierfür sogar Darlehen in Anspruch. Der Traum ist jedoch schneller ausgeträumt als erwartet: "Dieser Anschluß ist vorübergehend nicht erreichbar", klingt dann meist eine lapidare Stimme, wenn der Kunde "seinen" Berater anrufen möchte.
Zu unterscheiden sind zwei Formen der Machenschaften: Unter "halbem Betrug" verstehen Experten ein Vorgehen, bei dem der Kunde über die berechneten Gebühren "abgezockt" wird. In diesem Fall werden vom angelegten Kapital zwischen 30 und über 50 Prozent als Gebühren und Spesen einbehalten. Mit dem restlichen Geld soll dann noch eine akzeptable Rendite erwirtschaftet werden.


Dubiose Musterrechnung
Getürkt werden die Angebote dann oft nach folgender Musterrechnung: Von einem Anlagekapital in Höhe von beispielsweise 40 000 DM werden – auf dem Papier – nur 4 000 DM investiert und darauf 2 000 DM als Gebühren abgerechnet. Der Anleger hat jedoch den Eindruck, daß letztendlich nur 2 000 DM oder fünf Prozent Gebühren einbehalten werden. In der Praxis erfolgt die Gebührenbelastung jedoch nicht nur aus dem gesamten investierten Kapital, sondern meist auch bei jeder Transaktion neuerlich – mit der Folge, daß das Kundengeld in kürzester Zeit aufgezehrt ist. Unter "ganzem Betrug" versteht man indes ein Vorgehen, das dem Kunden zunächst Gewinne vorgaukelt. Der "Berater" hofft damit auf weitere Einzahlungen oder das Anwerben von Freunden und Verwandten des Anlegers. Die Gewinne stehen freilich nur auf dem Papier, meist werden auch die Transaktionen selbst nicht ausgeführt. Ist dann genügend Geld "eingesammelt", verschwindet der Anbieter von der Bildfläche. Vielfach wagen Anleger dann nicht einmal den Gang zum Staatsanwalt, stammt das angelegte Geld doch häufig aus unversteuertem Kapitalvermögen. Zwischen diesen Betrugsextremen gibt es eine breite Palette unterschiedlichster Varianten. Hierzu zählen etwa "Penny Stock", also Aktien mit einem Kurswert von weniger als einem Dollar, die lediglich im weitgehend unreglementierten amerikanischen Telefonhandel notiert werden. Mit dem Versprechen auf hohe Kurssteigerungen werden diese Papiere empfohlen, selbst wenn oftmals nicht einmal der Geschäftszweck des Unternehmens feststeht (sog. "blind pool"). Die Kurse werden dann nach oben manipuliert. Nach erfolgreichem Absatz wird dann die Notierung entweder eingestellt, oder sie fällt mangels Unterstützung durch den Anbieter weitgehend ins Bodenlose.
Gemeinsam ist den meisten betrügerischen Offerten jedoch, daß sie überwiegend von sehr redegewandten Telefonverkäufern angeboten werden, die auf Widerstand oftmals rüde reagieren. Mißachtet werden dabei regelmäßig die Vorschriften des Wettbewerbsrechtes, nach dem eine unaufgeforderte telefonische Kontaktaufnahme nur im Rahmen einer bestehenden, aktiven Kundenverbindung zulässig ist. Eine der sichersten Testmethoden daher: Der Anrufer wird unter Hinweis auf das Wettbewerbsrecht nach seiner Privatadresse gefragt. In den meisten Fällen wird dann das Gespräch abrupt abgebrochen werden. Spätestens jedoch beim Hinweis auf den persönlichen Regreß im Falle einer finanziellen Schieflage wird sich kein unseriöser Anrufer mehr auf weitere Diskussionen einlassen.
Weitere Gemeinsamkeiten betrügerischer Geldanleger: Prospektmaterial steht meist nicht oder nur in Form nichtssagender Werbebroschüren zur Verfügung, und der "Berater" drängt auf eine schnelle Entscheidung, wobei auch kleinere Anlagebeträge akzeptiert werden. Zwei wichtige Lockmittel werden im übrigen gerne eingesetzt: Eine – angeblich – hohe Rendite und die prophezeite Steuerfreiheit der Erträge. Tatsache ist, daß etwa im Devisen- oder auch Warenterminhandel durchaus attraktive Gewinne zu erzielen sind. Tatsache ist andererseits jedoch auch, daß schon eine geringfügige Fehleinschätzung des Marktes zu gravierenden Verlusten des angelegten Kapitals führen und zudem Nachschußverpflichtungen auslösen kann. Unbedarfte Anleger sind jedoch bei weitem überfordert, diese Risiken zu erkennen.
Gut beraten sind Investoren mithin, wenn sie nicht nur allen Telefonofferten unbekannter Anbieter kritisch gegenüberstehen und aufdringliche Telefonate gleich beenden, sondern auch die Angebote seriös klingender Namen detailliert prüfen. Renditen, die deutlich über dem aktuellen Kapitalmarktniveau liegen, gelten dabei als "verdächtig". Schließlich zahlt kein seriöser Schuldner freiwillig mehr für aufgenommenes Geld als unbedingt notwendig. Peter Jobst

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