ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2010Ärztemangel: „Ohne Ärzte geht es nicht“

POLITIK

Ärztemangel: „Ohne Ärzte geht es nicht“

Dtsch Arztebl 2010; 107(44): A-2148 / B-1867 / C-1839

Osterloh, Falk

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Ärztliche Unterversorgung ist bereits heute Realität. In Zukunft, zeigen Prognosen, wird es nicht besser. Bei zwei KBV-Veranstaltungen wurden Lösungen präsentiert.

Gegenpositionen: DÄ-Chefredakteur Heinz Stüwe (Mitte) moderiert das Gespräch zwischen dem AOK-Aufsichtsratsvorsitzenden, Fritz Schösser, (links) und KBV-Vorstand Dr. med. Carl-Heinz Müller (rechts). Fotos: Georg J. Lopata
Gegenpositionen: DÄ-Chefredakteur Heinz Stüwe (Mitte) moderiert das Gespräch zwischen dem AOK-Aufsichtsratsvorsitzenden, Fritz Schösser, (links) und KBV-Vorstand Dr. med. Carl-Heinz Müller (rechts). Fotos: Georg J. Lopata

Lange Zeit blieb die deutsche Ärzte­schaft ungehört, wenn sie Handlungsbedarf ob des sich abzeichnenden regionalen Ärztemangels anmahnte. Nun ist das Thema ganz oben auf der politischen Agenda angekommen. Bundes­gesund­heits­minister Philipp Rösler (FDP) will eine Kommission gründen, in der die Akteure des Gesundheitswesens gemeinsam Maßnahmen gegen eine Unterversorgung in ländlichen Gebieten treffen sollen. Hinzukommen soll im nächsten Jahr ein sogenanntes Versorgungsgesetz, mit dem Rösler die Bedarfsplanung reformieren will. Auch die Landespolitiker wollen die Bedarfsplanung ändern, um auf „lokale Disparitäten angemessen reagieren“ zu können. Die Bedarfsplanung müsse künftig Demografie und Morbiditätsentwicklung berücksichtigen, sie müsse flexibel und kleinräumig gestaltet werden und eine sektorenübergreifende Planung ermöglichen, heißt es in einem einstimmig gefassten Beschluss der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz.

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Dass die langjährigen Warnungen der Ärzteschaft nicht aus der Luft gegriffen waren, belegen aktuelle Daten aus verschiedenen Quellen. Das WifOR-Institut hat im Auftrag des Dienstleistungsunternehmens Pricewaterhouse-Coopers eine ärztliche Unterversorgung im ambulanten und stationären Bereich errechnet, die schon heute 17 300 fehlende Ärztinnen und Ärzte ausweist. In 20 Jahren, so das Institut, werden es 165 400 sein. Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gehen in ihrer Arztzahlstudie vom September dieses Jahres von knapp 52 000 Ärztinnen und Ärzten aus, die bis 2020 allein in der ambulanten Versorgung ersetzt werden müssen.

Zusätzlicher Ersatzbedarf entstehe darüber hinaus dadurch, dass die zur Verfügung stehende Arbeitszeit künftig abnehmen werde, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Andreas Köhler, bei der Diskussionsveranstaltung „KBV kontrovers – Deutschland: Wo sind deine Ärzte?“ am 25. Oktober in Berlin. „Das liegt, und ich bitte, das nicht als chauvinistisch zu werten, an dem steigenden Anteil von Frauen in der Versorgung“, erläuterte Köhler. Denn Frauen, so habe die Bundesagentur für Arbeit errechnet, leisteten lediglich 72 Prozent der Arbeitszeit der Männer.

KVen sollen in eigenen Praxen Ärzte anstellen

Der potenzielle Nachwuchs könne auch deshalb an vielen Stellen nicht den Ersatzbedarf abdecken, weil sich die Medizin geändert habe, sagte KBV-Vorstand Dr. med. Carl-Heinz Müller: „Die Medizin orientiert sich heute an Leitlinien, sie erfordert mehr kollegialen Austausch und mehr Dokumentation.“ Zudem erzeugten auch neue Fachrichtungen neuen Bedarf. In den letzten Jahren seien allein 51 Fachgruppen hinzugekommen.

„Wir wachsen am falschen Ende, nämlich bei den Spezialisten.“ Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der KBV
„Wir wachsen am falschen Ende, nämlich bei den Spezialisten.“ Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der KBV

Um die Probleme in den unterversorgten Gebieten zu lösen, schlug Köhler einen Regionalverbund aus Kassenärztlicher Vereinigung (KV), Lan­des­ärz­te­kam­mer, Landeskrankenhausgesellschaft und zuständiger Landesbehörde vor. Das Gremium könne die Situation in den Regionen beurteilen und verpflichtende Vorgaben für die ambulante und stationäre Versorgung machen. In unterversorgten Regionen sollten die KVen dann Praxen einrichten und Ärzte anstellen können, forderte Köhler. Einen solchen Praxistyp gibt es bereits in Thüringen. In Gotha hat die KV Thüringen drei Ärzte angestellt, die sich den Dienst teilen. Wie ihre beiden Kollegen war auch Dr. med. Helga Trautmann bereits einige Jahre im Ruhestand, bevor sie sich von der KV anstellen ließ. „Das Konzept Seniorenpraxis funktioniert sehr gut“, betonte Trautmann bei „KBV kontrovers“. „Wir bekommen ein festes Gehalt und müssen uns um nichts anderes kümmern.“

„Künftige Mediziner wollen eine weitaus flexiblere Berufsausübung“, sagte KBV-Chef Köhler. Sie wünschen sich auch die Möglichkeit, als Angestellte zu arbeiten. Vor allem aber möchten sie zusammenarbeiten. „Nur vier Prozent wollen noch eine Einzelpraxis“, zitierte Köhler aus der Online-Umfrage unter Medizinstudierenden, deren Ergebnisse die KBV im September publizierte (DÄ, Heft 39/2010).

AOK-Aufsichtsratsvorsitzender Fritz Schösser nahm bei „KBV kontrovers“ die Gegenposition ein und erklärte, Deutschland brauche nicht mehr Ärzte: „Wir haben nicht zu wenige Ärzte, sondern zu viele an den falschen Stellen.“ Die Frage sei nun, wie man es schaffen könne, Ärzte vom Umzug in unterversorgte Regionen zu überzeugen. Die Zahl der Ärzte insgesamt steige zwar, konterte Köhler, aber nicht bei den Trägern der hausärztlichen und fachärztlichen Grundversorgung: „Wir wachsen am falschen Ende, nämlich bei den Spezialisten.“

Auch beim 2. Greifswalder Symposium der KBV und der Universität Greifswald am 19. Oktober zum Thema „Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum“ ging es um den Ärztemangel. Der Fokus dabei lag auf der drohenden Unterversorgung in Mecklenburg-Vorpommern. „Bis 2020 müssen mehr als 40 Prozent aller Hausarztpraxen in Mecklenburg-Vorpommern wiederbesetzt werden. Insbesondere auf dem Land wird das nicht in vollem Umfang gelingen“, betonte Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann, Leiter des Instituts für Community Medicine an der Universität Greifswald. Auch deshalb probiert man hier schon länger als anderswo neue Wege aus. „Wir brauchen neue Versorgungsideen, weil die alten nicht mehr funktionieren“, erklärte Hoffmann. Zu den neuen Ideen gehören verschiedene Telemedizinprojekte ebenso wie die verstärkte Integration von Delegationskonzepten wie dem AGnES-Modell in die Regelversorgung. All diese Maßnahmen können jedoch das drängendste Problem nicht lösen: Wie überzeugt man junge Ärzte, als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten, ob nun selbstständig oder angestellt?

„Wenn sich Studierende für die Allgemeinmedizin interessieren, bieten wir ihnen Hospitationen in Hausarztpraxen, auch im ländlichen Raum, an. So kommen die Studenten frühzeitig in persönlichen Kontakt mit Patienten“, sagte Hoffmann dem Deutschen Ärzteblatt. Interessierte Studenten bekämen einen von 56 teilnehmenden Lehrärzten als Mentor, würden zu Qualitätszirkeln und hausärztlichen Fortbildungen eingeladen und hätten dadurch über ihr gesamtes Studium hinweg einen kontinuierlichen Kontakt und Austausch mit erfahrenen Hausärzten.

Eine dieser interessierten Studierenden war Kristin Czujewicz. „Ich habe die Arbeitsbedingungen in den Praxen der Lehrärzte als durchaus gut empfunden“, sagt die 30-jährige Dresdenerin. Gerade die Landärzte seien fast immer sehr zufrieden mit ihrer Arbeit gewesen, und niemand habe ihr von einer Tätigkeit als Hausarzt abgeraten.

„Ich habe Land und Leute kennen- und lieben gelernt“

Czujewicz hat sich mittlerweile entschieden. Nach ihrer Weiterbildungszeit will sie sich im Landkreis Ostvorpommern als Allgemeinmedizinerin niederlassen. „Mir gefällt die Arbeitsweise in einer Praxis“, erklärt sie. „Mir gefällt der Gedanke, der erste Ansprechpartner für die Patienten zu sein und sie lange zu betreuen.“ Zudem habe sie „Land und Leute kennen- und lieben gelernt“. „Mein Eindruck während des Studiums war: Es gibt viele Studenten mit einem hohen Interesse an der Allgemeinmedizin“, resümiert sie, „doch viele von ihnen werden durch Probleme insbesondere während der Weiterbildung ausgebremst.“

Genau an diesem Punkt versucht die Universität Greifswald die Studierenden nun zu unterstützen. Noch in diesem Jahr soll ein sogenanntes An-Institut gegründet werden, das den Studierenden nach ihrer Approbation bei der Organisation der Weiterbildung helfen soll. „Wir planen die Rotation, so dass alle Anforderungen ohne Verzögerung erfüllt werden können“, sagt Hoffmann. „In Zukunft können wir uns vorstellen, die Weiterbildungsassistenten während ihrer klinischen Zeit fest anzustellen.“

Neben all den geplanten und bereits umgesetzten Maßnahmen können auch die Hausärzte selbst etwas tun, meint Hausärztin Trautmann aus Gotha. „Wir müssen mehr Freude ausstrahlen. Wir Alten dürfen nicht so viel stöhnen. Das hören doch die Jungen, und dann wollen sie nicht in die hausärztliche Grundversorgung“, sagte sie bei „KBV kontrovers“. Und auch das Schlechtreden in den Medien müsse aufhören. Denn: „Ohne Arzt geht es schließlich nicht.“

Falk Osterloh

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