ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2010Medizinstudium: Innovationen bestimmen die Curricula

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Medizinstudium: Innovationen bestimmen die Curricula

Dtsch Arztebl 2010; 107(44): A-2160 / B-1874 / C-1846

Richter-Kuhlmann, Eva

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Richtig in Szene gesetzt werden Fälle im Studienhospital Münster durch Profischauspieler in einer originalgetreuen Lernumgebung. Foto: Lajos Jardai
Richtig in Szene gesetzt werden Fälle im Studienhospital Münster durch Profischauspieler in einer originalgetreuen Lernumgebung. Foto: Lajos Jardai

Seit Etablierung der neuen Approbationsordnung in Jahr 2003 hat sich die Medizinerausbildung in Deutschland erheblich geändert. Eine Evaluation der Studiengänge steht jedoch noch aus.

Von einem „Superstudiengang Medizin“ träumen die Studierenden, verriet Anne Kandler vom Sprecherrat der Medizinstudierenden des Marburger Bundes. Innovativ in seinen Lehr- und Lernmethoden, praxisnah und wissenschaftlich zugleich, vermittelt durch engagierte und motivierte Hochschullehrer, die Freude am Arztberuf ausstrahlen, sowie vergleichbar mit allen Medizinstudiengängen Deutschlands sollte er idealerweise sein, damit ein Wechsel zwischen den Fakultäten möglich sei, sagte sie bei der Diskussion „Innovationen im Medizinstudium“ des Medizinischen Fakultätentages (MFT) Ende Oktober in Berlin.

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Doch welcher der bestehenden Studiengänge ist der beste? Grundsätzlich zufrieden seien die Medizinstudierenden mit den Bemühungen der Fakultäten, die seit 2003 geltende neue Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppo) umzusetzen, betonte Dominique Ouart, Präsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden Deutschlands (bvmd). Mit speziellen Schwerpunktsetzungen versuchten die Fakultäten, den individuellen Anforderungen der Studierenden gerecht zu werden. Doch: „Daten zur Qualität des Lehrangebots sollten regelmäßig erhoben und veröffentlicht werden“, fordert der Student der Medizinischen Fakultät Jena.

In der Tat mangelt es derzeit an Daten zur Qualität der Lehre an den Medizinischen Fakultäten. Das Angebot ist hingegen beinahe unüberschaubar vielfältig (Kasten): 22 Fakultäten haben ihre klassischen Regelstudiengänge Medizin den Anforderungen der neuen ÄAppO angepasst, neun Fakultäten haben ihre Regelstudiengänge grundlegend reformiert. Zudem existieren an sechs medizinischen Fakultäten Deutschlands Modellstudiengänge nach der Experimentierklausel (§ 41 ÄAppO 2003). Bundesweit gibt es ferner medizindidaktische Einrichtungen (beispielsweise in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westpfalen), viele interaktive Unterrichtsformen (zum Beispiel das Studienhospital Münster und das Theatrum Anatomicum Ulm) sowie 82 Bachelor-/Master-Studiengänge an medizinischen Fakultäten, die nicht zum Abschluss „Arzt“ führen. „Die Vielfalt zeigt eindrucksvoll das große Engagement der einzelnen Fakultäten, die ärztliche Ausbildung lokal verbessern zu wollen“, erklärte Prof. Dr. med. Reinhard Putz von der Anatomischen Anstalt München. Allerdings werde durch die verschiedenen Reformwege die Mobilität der Studierenden eingeschränkt. Auch für die Fakultäten würden sich Probleme bei der Anerkennung von Leistungsnachweisen ergeben, räumte er ein.

Um Studierenden einen Wechsel zwischen den medizinischen Fakultäten nicht zu erschweren, hat sich die Medizinische Fakultät der Technischen Universität Dresden für einen reformierten Regelstudiengang entschieden. Neue Lehr-, Lern- und Prüfungsformate, wie interdisziplinäre Skills Labs und Praxistage wurden in das traditionelle Curriculum integriert. „Unser Studiengang ist kompatibel mit allen modernen Lehr- und Lernformen, auch Freiraum für wissenschaftliches Arbeiten wurde geschaffen“, erläuterte Prof. Dr. Peter Dieter. Dabei plädiert Dieter nicht für die Etablierung von einzelnen Innovationen an den Fakultäten, sondern für eine ganzheitliche Reform: „Sie muss die Fakultät, das Uniklinikum, die Akademischen Lehrkrankenhäuser und Lehrpraxen einschließen und gleichzeitig Forschung und Krankenversorgung berücksichtigen.“ Wichtig sei auch eine begleitende Ausbildungsforschung und eine Ausbildung der Mitarbeiter in Lehr-, Lern- und Prüfungsmethoden. „Wir haben beispielsweise nach einer fakultätsinternen Evaluation unser Curriculum noch einmal geändert“, berichtet er. Blockkurse seien zugunsten von Vorlesungen nach einiger Zeit wieder reduziert worden.

Andere Fakultäten, wie die Medizinische Hochschule Hannover (MHH), haben dagegen auf einen Modellstudiengang gesetzt. Im Vordergrund der medizinischen Ausbildung in „HannibaL“ steht der frühe Kontakt mit Patienten. Theoretische und klinische Inhalte werden von Beginn des Studiums an verzahnt. Dabei kämpft der Studiendekan der MHH für zusätzliche Mittel für die Lehre, mit denen sich etwa auch ein didaktisches Training für die Hochschullehrer finanzieren ließe. „Die Lehre muss endlich als gleichberechtigte dritte Säule an der Fakultät neben der Forschung und der Krankenversorgung angesehen werden“, forderte Prof. Dr. med. Hermann Haller.

So wie „HannibaL“ in Hannover kommen mittlerweile viele Modellstudiengänge in Deutschland in die Jahre. „Rechtlich gesehen sind die Modelle zwar vorläufig, gleichzeitig jedoch unbefristet verlängerbar – sofern von ihnen noch weitere Erkenntnisse zu erwarten sind“, erklärte Dr. Uta Rüping, Fachanwältin für Medizinrecht in Hannover. „Einer Evaluation der Modellstudiengänge kommt also die Schlüsselfunktion zu, auch wenn es um eine künftige Änderung der Approbationsordnung geht.“

Der Präsident des MFT, Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann, plädiert für eine baldige Evaluation der medizinischen Ausbildung. An die Fakultäten appellierte er, ihre Ausbildungsformen kontinuierlich zu evaluieren. Den Wissenschaftsrat bat er um sein Urteil zu den Modellstudiengängen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Medizinstudiengänge . . .

. . . nach Änderung der ÄAppO 2003 in Deutschland

  • 22 klassische, fachlich gegliederte Regelstudiengänge mit Innovationen
  • 9 reformierte Regelstudiengänge mit Verzahnung von Vorklinik und Klinik (Dresden, Frankfurt, Greifswald, Hamburg, Heidelberg, Mannheim, LMU München, Münster, Tübingen)
  • 6 Modellstudiengänge nach § 41 der ÄAppO (Aachen, Berlin, Bochum, Hannover, Köln, Witten)

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