ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2010Börsebius: Erst Glanz, dann Elend

GELDANLAGE

Börsebius: Erst Glanz, dann Elend

Dtsch Arztebl 2010; 107(44): A-2192 / B-1900 / C-1868

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So tiefe Brunnen gibt es gar nicht, in die Kinder sprichwörtlich fallen können, um das Debakel trefflich zu beschreiben, in dem sich hunderttausende Anleger befinden, soweit sie ihre ersparten Gelder in offene Immobilienfonds gesteckt haben. Milliardenfach. Was für ein Untergang einer einstmals glanzvollen Anlageklasse, die zweifellos zu den Papieren gehörten, bei denen sich ganze Generationen rundum wohlfühlten, weil es sich mit diesen Werten einerseits gut schlafen ließ, aber gleichwohl jahrelang auskömmliche Renditen erwirtschaftet wurden.

Erst durch die Finanzmarktkrise wurden die jahrelang ignorierten systemimmanenten Fehler dieses Produkts – Bewertungsprobleme und schwere Verkäuflichkeit, wenn es denn brennt – an die Oberfläche gespült. Die Krise ist nicht die „Schuldige“ am elenden Zustand der offenen Immobilienfonds. Sie diente bestenfalls als Brandbeschleuniger. Immobilien(fonds) lassen sich eben nicht börsentäglich kostenneutral abstoßen wie etwa Aktien oder Bundesanleihen.

Das Debakel um die offenen Immobilienfonds stürzte Anleger in schiere Verzweiflung, und das über Jahre. Viele Fondsgesellschaften machten kurzen Prozess und froren die Rückgabe der Anteilsscheine ein, als immer mehr Kunden eben diese Fonds verließen. Doch das Problem wurde nur vertagt, denn auch eingefrorene Fonds müssen sich nach dem Auslaufen von Fristen erklären, ob sie wieder aufmachen oder aber endgültig den Fonds abwickeln.

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So hat es nun also nach dem renommierten KanAm-Grundinvest zwei weitere Fonds erwischt, die mangels Liquidität aufgelöst werden müssen. Degi Europa, einer der ältesten und einstmals angesehensten Produkte, wird von der Fondsgesellschaft Aberdeen aus dem Rennen genommen und abgewickelt. Ebenfalls die Notbremse zog zuletzt Morgan Stanley mit dem P2 Value und setzte damit für rund 40 000 entsetzte Kunden ihrem berechtigten Streben nach Sicherheit ein jähes Ende. Vermutlich werden sie rund die Hälfte ihres Einsatzes verlieren, je nach Einstiegszeitpunkt und Kaufkurs natürlich.

Wo es so viele Betroffene gibt, die auch noch ziemlich wütend und erbost sind, gibt es freilich auch Nutznießer. Für auf Kapitalmarktrecht spezialisierte Anwälte ist das Thema ein Konjunkturprogramm par excellence. Heerscharen dieser Berufsspezies haben sich bereits in Stellung gebracht. Schadensersatz gegen die Fondsgesellschaft oder den Anlageberater, der damals zum Einstieg geraten hat, lautet das Zauberwort. Bei allem Verständnis für die ohnmachtsvolle Wut: Meiner Meinung nach haben Klagen wenig Aussicht auf Erfolg und würden ohnehin noch Jahre an den Nerven zerren. Abbuchen unter Lebenserfahrung und einen inneren Schlusspunkt setzen halte ich für die klügere Variante.

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