ArchivDeutsches Ärzteblatt40/1997Praxisgründung 1995/96: Investitionsverhalten von Ärzten

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Praxisgründung 1995/96: Investitionsverhalten von Ärzten

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LNSLNS In den Jahren 1995/96 wurden rund 1 500 der von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank vorgenommenen Finanzierungen von Praxisgründungen nach einer einheitlichen Systematik ausgewertet. Diese Auswertung der APO-Bank gemeinsam mit dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) vermittelt ein Bild über das Investitionsverhalten der Ärzte und Ärztinnen bei Praxisneugründung und -übernahme.
Fünf Formen der Praxisgründung lassen sich bei den von der Deutschen Apotheker- und Ärztebank vorgenommenen Finanzierungen 1995/96 unterscheiden, wobei sich die nachfolgenden Prozentsätze auf Westdeutschland beziehen:
1 Einzelpraxisneugründungen (32,5 Prozent),
1 Einzelpraxisübernahmen (47,5 Prozent),
1 Gemeinschaftspraxisneugründungen (4,1 Prozent),
1 Praxisgemeinschaftsneugründungen (0,7 Prozent),
1 Eintritt in eine bereits bestehende Praxis (15,2 Prozent).
Der Trend, eine Praxis zu übernehmen oder in eine bestehende einzutreten, war in Westdeutschland mit 62,7 Prozent aller Finanzierungen hoch. In Ostdeutschland spielt die Einzelpraxisneugründung mit 66,1 Prozent die entscheidende Rolle. Nur 10,8 Prozent aller Finanzierungen dienten in den neuen Ländern der Gemeinschaftspraxisneugründung. Einzelpraxisübernahmen (17,7 Prozent) beschränkten sich auf wenige Fachgebiete.
Einzelpraxis
Von den in die Auswertung eingehenden Belegen entfielen in Westdeutschland 80 Prozent auf Einzelpraxisneugründungen und -übernahmen. 60,7 Prozent der Einzelpraxisfinanzierungen waren Übernahmen und lediglich 39,3 Prozent Neugründungen. Dieses Verhältnis dürfte auch durch die Zulassungsbeschränkungen des GSG verursacht worden sein. Wegen der geringen Zahl von Gemeinschaftspraxen und Praxisbeitritten in den meisten Fachgebieten bezieht sich die nachfolgende Auswertung zunächst nur auf Einzelpraxen.
Von den in Ostdeutschland erfaßten Niederlassungen entfielen rund 66 Prozent auf Einzelpraxisneugründungen. Bei knapp 18 Prozent wurde das Merkmal Einzelpraxisübernahme angegeben. Übernahmen fanden nur bei den primärärztlich tätigen Fachgebieten der Allgemeinärzte, Internisten und Kinderärzte statt. Praxisübernahmen wie auch Gemeinschaftspraxisgründungen wurden deshalb nicht analysiert.
Im folgenden Text werden zunächst immer die Ergebnisse für Westdeutschland und in Klammern die entsprechenden Werte für Ostdeutschland dargestellt.
60 Prozent (63,7 Prozent) aller Kreditnehmer waren zwischen 33 und 40 Jahre alt, weitere 21,8 Prozent (6,6 Prozent) zwischen 41 und 45 Jahre. Auch im Osten wurde über die Hälfte der Finanzierungen im Alter zwischen 33 und 40 Jahren getätigt. Gleichzeitig hatten aber junge Ärzte unter 33 Jahren im Osten einen deutlich höheren Anteil an den Einzelpraxisfinanzierungen als im Westen (15,7 gegenüber 5,8 Prozent). Bei den analysierten Finanzierungen zeigte sich im Westen ein deutlicher Schwerpunkt der Einzelpraxisgründungen in der Großstadt, während im Osten Praxisgründungen überwiegend in Mittelstädten vorgenommen wurden: 44,4 Prozent (24,8 Prozent) aller Praxisfinanzierungen lagen in der Großstadt, weitere 39 Prozent (53,4 Prozent) in Mittelstädten und 8,2 Prozent (10,7 Prozent) in Kleinstädten. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß 66,5 Prozent (75,6 Prozent) aller Praxisfinanzierungen auf Spezialisten entfielen, deren Niederlassung tendenziell im städtischen Bereich stattfindet.
Das mittlere Finanzierungsvolumen einer Einzelpraxis lag in Westdeutschland 1995/96 bei 361 019 DM. Es errechnet sich aus Praxisneugründungen und Praxisübernahmen. In Ostdeutschland betrug das mittlere Finanzierungsvolumen einer Einzelpraxisneugründung 374 188 DM. Die Durchschnittsbeträge sowie alle im folgenden Text genannten Werte beziehen sich nur auf die in der Tabelle dargestellten Fachgebiete.
Im Westen zeigte sich eine Vorteilhaftigkeit im Finanzierungsvolumen bei der Praxisneugründung mit 334 927 DM im Verhältnis zur Praxisübernahme mit 377 944 DM. Die Vorteilhaftigkeit ist allerdings nach Fachgebieten unterschiedlich. Soweit die Übernahme günstiger ist, ist dies im wesentlichen durch geringere Betriebsmittelkredite bedingt. Die geringeren Kosten für Geräte und Praxisausstattung bei Praxisübernahmen werden durch die Zahlung von Übernahmeentgelt für den materiellen und immateriellen Wert relativiert. Auch ist zu berücksichtigen, daß möglicherweise unterschiedliche Praxisgrößen in den Vergleich eingehen.
Im Zeitvergleich hat sich das durchschnittliche Finanzierungsvolumen bei der Praxisneugründung im Westen von 269 476 DM (1985/86) auf 334 927 DM (1995/96) erhöht. Dies entspricht einer Steigerung um 24,3 Prozent.
Bei der Praxisneugründung, für die im Mittel 334 927 DM (374 188 DM) aufgewendet wurden, entfielen durchschnittlich 207 256 DM (261 939 DM) oder 61,9 Prozent (70 Prozent) auf die Investitionen für die Praxisausstattung und medizinische Geräte. Weitere 86 934 DM (72 753 DM) - das entspricht einem Anteil von 26 Prozent (19,4 Prozent) - wurden für den Betriebsmittelkredit benötigt, wobei es sich um den im Durchschnitt eingeräumten - und nicht den in Anspruch genommenen - Betrag handelt. 9,7 Prozent (9,2 Prozent) mußten für die Finanzierung von Bau- und Umbaukosten aufgebracht werden.
Bei der Praxisübernahme wurden in Westdeutschland im Mittel 377 944 DM zur Finanzierung aufgewendet. Davon entfielen 207 752 DM (55 Prozent) auf das Übernahmeentgelt. Für die Neuanschaffung medizinischer Geräte und Ausstattung bei Praxisübernahme wurden durchschnittlich 69 086 DM (18,3 Prozent) aufgewendet. Auf den Betriebsmittelkredit entfielen 77 158 DM (20,4 Prozent), auf die Finanzierung von Bau- und Umbaukosten 18 351 DM (4,9 Prozent).
Fazit: Bei der Praxisübernahme war die Summe aus ideellem und materiellem Wert der Praxis sowie Neuinvestitionen in Höhe von 276 838 DM größer als die Summe der Investitionskosten für die Praxisausstattung und -geräte bei der Praxisneugründung mit 207 256 DM. Ein solcher Vergleich kann jedoch nur ein Orientierungskriterium sein. In diese Berechnungen gehen lediglich die Mittelwerte ein, unabhängig davon, ob bei der Finanzierung im Einzelfall Kosten für jede Position angefallen sind.
Verteuerung
Die Entwicklung der Übernahmeentgelte seit 1989 zeigt einen interessanten Trend. Der Substanzwert bei Praxisübernahme stieg von 69 889 DM in den Jahren 1989/90 auf 90 701 DM in den Jahren 1995/96. Dies entspricht einer Steigerung um 30 Prozent. Der immaterielle Praxiswert dagegen wuchs im gleichen Zeitraum um 60,9 Prozent von 89 381 DM auf 143 788 DM. Offensichtlich hat die Zulassungsbeschränkung zu einer Verteuerung bestehender Praxen geführt, was sich im immateriellen Praxiswert niederschlägt.
In der Analyse werden die einzelnen Formen kooperativer Praxisführung unterschieden nach Gemeinschaftspraxisneugründung, Praxisgemeinschaftsneugründung sowie Beitritt in eine bereits bestehende Praxis (nur Westdeutschland). Der Praxisbeitritt umfaßt den Eintritt in eine Gemeinschaftspraxis oder Praxisgemeinschaft und die Überführung einer bestehenden Einzelpraxis in eine Gemeinschaftspraxis beziehungsweise Praxisgemeinschaft.
Für Allgemeinärzte, Internisten und Orthopäden läßt sich aufgrund der Zahl der Finanzierungen ein Vergleich zwischen den verschiedenen Praxisgründungsarten anstellen. Bei Internisten und Orthopäden ist der Unterschied zwischen den Finanzierungsvolumina bei Einzelpraxisneugründung und bei kooperativer Praxisführung wesentlich größer als bei Allgemeinärzten. Auffällig ist, daß der Praxisbeitritt bei Internisten und Orthopäden etwa gleich hohe Investitionen wie die Gemeinschaftspraxisneugründung erfordert. Allgemeinärzte dagegen investieren bei Eintritt in eine bestehende Praxis deutlich mehr als bei Einzelpraxis- und Gemeinschaftspraxisneugründung.
Die Gemeinschaftspraxisneugründung und der Praxisbeitritt sind für den einzelnen Arzt - mit Ausnahme der Allgemeinärzte - zwar preiswerter als eine Einzelpraxis-neugründung; das Gesamtfinanzierungsvolumen ist jedoch bei kooperativer Praxisführung deutlich höher. Dies deutet darauf hin, daß sich Praxisstruktur und -größe
von Einzel- und Gemeinschaftspraxen unterscheiden.
Das Investitionsverhalten in Ost- und Westdeutschland war im Analysezeitraum ähnlich. Es ist jedoch zu vermuten, daß sich trotz tendenziell ähnlicher Finanzierungsbeträge in Ost- und Westdeutschland unterschiedliche Praxisstrukturen und -größen hinter den Gründungen verbergen. Diese Annahme wird durch die deutlich voneinander abweichenden Finanzierungsvolumina einzelner Arztgruppen in Ost- und Westdeutschland gestützt.
So lag das durchschnittliche Finanzierungsvolumen von Internisten in Ostdeutschland um rund 28 Prozent über dem Westniveau. Auch ostdeutsche Allgemeinärzte und Augenärzte hatten insgesamt ein höheres Gesamtfinanzierungsvolumen bei einer Einzelpraxisneugründung als ihre westdeutschen Kollegen. Insbesondere die Finanzierungsvolumina von HNO-Ärzten, Chirurgen und Orthopäden waren dagegen im Osten zwischen 20 Prozent und 30 Prozent niedriger als bei einer Einzelpraxisneugründung in Westdeutschland.
Deutsche Apotheker- und
Ärztebank eG
Postfach 10 10 31
40001 Düsseldorf
Zentralinstitut für die
kassenärztliche Versorgung
in der Bundesrepublik
Deutschland
Herbert-Lewin-Straße 5
50931 Köln
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