ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2010Tierversuche: Das Beispiel Contergan
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In dem ansonsten lesenswerten Artikel über die Bedeutung und Zukunft von Tierversuchen haben Sie die Behauptung vieler Tierversuchsgegner einfließen lassen, Contergan sei ein Beleg für die „unzureichende Aussagekraft“ von Tierversuchen. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Contergan-Katastrophe konnte passieren, weil zu dem Zeitpunkt (Markteinführung 1957) das Problem der Teratogenität kaum im Bewusstsein der Fachkreise gewesen ist. Deswegen wurden Versuche an schwangeren Tieren vor der Markteinführung nicht durchgeführt – hätte man das getan, wäre die Katastrophe vermeidbar gewesen! Dies ergibt sich daraus, dass die Wirkungen auf menschliche Feten zwar weniger bei Ratten, wohl aber bei Kaninchen, Hamstern und erst recht bei Primaten zu beobachten sind. Zu Recht wurden als Konsequenz aus Contergan präklinische Tierversuche in weit größerem Umfang vorgeschrieben.

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Ein anderes Beispiel aus Ihrem Artikel, TGN1412, hingegen zeigt sehr im Gegensatz dazu deutlich, dass speziell immunologische Arzneiwirkungen manchmal im Reagenzglas besser als selbst beim Primaten vorhersehbar sind. Damals (2006) waren sechs Probanden völlig unerwartet an einer lebensbedrohlichen systemischen Reaktion erkrankt (Zytokinsturm-Reaktion). Die Affen hatten das Medikament bestens vertragen. Spezielle, aber durchaus routinemäßig einsetzbare Zellkulturversuche mit menschlichen Lymphozyten ließen die Reaktion hingegen erkennen, hätte man sie vor der Anwendung am Menschen eingesetzt.

Zusammenfassend sind aus meiner Sicht Tierversuche in der Medikamentenentwicklung keineswegs unsinnig und verzichtbar, wie gelegentlich behauptet wird. Sie sollten aber – auch mit dem Ziel ihrer Reduktion, aber vor allem zur Verbesserung der Patientensicherheit – mit modernen In-vitro-Verfahren kombiniert werden.

Literatur beim Verfasser

Priv.-Doz. Dr. med. Christoph Frohn,
Labor Dr. Heidrich und Kollegen, 22081 Hamburg

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