ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2010Willem Einthoven: „Ein neues Kapitel im Studium der Herzerkrankungen“

KULTUR

Willem Einthoven: „Ein neues Kapitel im Studium der Herzerkrankungen“

Dtsch Arztebl 2010; 107(44): A-2184 / C-1866

Goddemeier, Christof

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Zeichnung: Ekle R. Steiner
Zeichnung: Ekle R. Steiner

Vor 150 Jahren wurde der Arzt und Nobelpreisträger geboren.

Den Begriff „Elektrokardiogramm“ prägte Einthoven zufolge der Londoner Physiologe August Waller. Einthovens Interesse an der Elektrophysiologie des Herzens erwachte vermutlich schon früh: 1889 stellte Waller auf dem Basler Physiologenkongress seine Methode zur Messung kardialer Oberflächenpotenziale vor. Sechs Jahre später publizierte der Brite die erste präkordial abgeleitete Potenzialkurve; von einem möglichen Einsatz dieser Technik in der Medizin hatte er jedoch noch keine Vorstellung.

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Am 21. Mai 1860 wird Willem Einthoven in Niederländisch-Ostindien (Indonesien) geboren. Der Vater ist Militärarzt. Nach seinem frühen Tod kehrt die Mutter mit fünf Kindern in die Niederlande zurück. Einthoven studiert in Utrecht Medizin. Noch vor dem Examen bietet man ihm die Leitung des Physiologischen Labors in Leiden an. Einthoven sagt zu und verbringt dort den Rest seines Lebens als Professor. In den ersten zehn Jahren erforscht er die Physiologie der Atmung und beschreibt ein neues Modell des Asthma bronchiale. Dessen Richtigkeit bestätigen Experimente erst Jahrzehnte später. Ab 1894 konzentriert Einthoven sich auf die Arbeit mit einem Kapillarelektrometer und weist 1900 unterschiedliche Potenzialverläufe bei Gesunden und Patienten mit Herzerkrankungen nach. Doch die kapillarelektrometrische Methode ist ungenau, und Einthoven entwickelt ein besseres Messinstrument. 1901 berichtet er über erste Erfahrungen mit dem Saitengalvanometer. Der Apparat wiegt 270 Kilogramm und befindet sich 1,5 Kilometer von der Klinik entfernt in zwei eigenen Räumen. Fünf Personen bedienen ihn. Um im Krankenhaus elektrokardiographische Messungen vornehmen zu können, verlegt Einthoven Kabel, die den Galvanometer mit den Elektroden in der Klinik verbinden. Anfangs werden seine Arbeiten kaum beachtet, doch ab 1908 kommen Wissenschaftler aus aller Welt nach Leiden, um die neue Methode kennenzulernen.

1906 beschreibt Einthoven die nach ihm benannten Standardableitungen I, II und III. Dabei werden an beiden Armen und am linken Bein Elektroden angebracht, und man misst die Spannung zwischen beiden Armen, zwischen rechtem Arm und linkem Bein sowie zwischen linkem Arm und linkem Bein im zeitlichen Ablauf. 1913 legt Einthoven fest, wie man kardiale Potenzialkurven interpretiert und postuliert das sogenannte Einthoven-Dreieck. Mit dessen Hilfe kann man die Hauptachse der Erregungsausbreitung am Herzen, die „elektrische Herzachse“ bestimmen. Nur bei normaler Erregungsausbreitung entspricht sie der anatomischen Herzachse. In der Folge verfasst Einthoven zahlreiche Arbeiten, in denen er EKG-Veränderungen darstellt, etwa bei Herzhypertrophie, Rhythmusstörungen, Ein- und Ausatmung sowie verschiedenen Lagetypen. „Es ist wohl wahrscheinlich, dass man durch die elektrokardiographische Ermittlung einer solchen Veränderung (. . .) eine beginnende Hypertrophie des linken Herzens wird diagnostizieren können“, schreibt er 1913. Thomas Lewis begründet schließlich die breite Anwendung der Elektrokardiographie in der klinischen Diagnostik.

1924 erhält Einthoven für seine Entwicklung des Saitengalvanometers den Nobelpreis für Medizin. In seiner Rede würdigt er vor allem Thomas Lewis, aber auch „unzählige andere Forscher“, die „auf dem Gebiet der Elektrokardiographie große Verdienste erworben [haben] (. . .)“ 1927 ist Willem Einthoven im Alter von 67 Jahren gestorben.

Christof Goddemeier

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