ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2010Akutes Lungenversagen: Muskelrelaxans verringert die 90-Tage-Sterblichkeit

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Akutes Lungenversagen: Muskelrelaxans verringert die 90-Tage-Sterblichkeit

Dtsch Arztebl 2010; 107(44): A-2171 / B-1884 / C-1856

Heinzl, Susanne

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Muskelrelaxanzien sollen die künstliche Beatmung erleichtern, wenn eine Sedierung bei Patienten mit akutem Lungenversagen (Acute respiratory distress syndrome, ARDS) nicht ausreicht. In der ACURASYS-Studie (ARDS et Curarisation Systematique) wurde untersucht, wie eine Therapie mit dem Relaxans Cisatracurium über 48 Stunden bei schwerem ARDS, das innerhalb der letzten zwei Tage begonnen hatte, wirkt. Randomisiert erhielten in der doppelblinden multizentrischen Studie 162 Patienten Placebo, 178 Patienten das Muskelrelaxans (15 mg initial, dann 37,5 mg/h). Alle Patienten wurden lungenprotektiv beatmet. Primärer Endpunkt war der Anteil der Patienten, der in der Klinik oder innerhalb von 90 Tagen nach Studienbeginn starb.

Die adjustierte Hazard Ratio für die 90-Tage-Sterblichkeit betrug in der Cisatracuriumgruppe 0,68 (95%-KI: 0,48–0,98, p = 0,04) im Vergleich zu Placebo. Das relative Letalitätsrisiko wurde also um etwa 30 % gesenkt. Die nichtadjustierte 90-Tage-Letalität lag in der Verumgruppe bei 31,6 % (25,2–38,8 %), in der Placebogruppe bei 40,7 % (33,5–48,4%, p = 0,08). Der günstige Effekt des Muskelrelaxans wurde vor allem bei Hinweis auf eine Hypoxämie (PaO2/FiO2 < 120) beobachtet. Die 28-Tage-Sterblichkeit war in der Cisatracuriumgruppe mit 23,7 % um 9,6 Prozentpunkte niedriger als im Placeboarm mit 33,3 % (p = 0,05). Patienten der Verumgruppe waren länger ohne Beatmung über 28 (10,6 vs. 8,5 Tage, p = 0,04) oder 90 Tage (53,1 vs. 44,6 Tage, p = 0,03) und verbrachten bis zum Tag 90 signifikant mehr Tage außerhalb der Intensivstation (47,7 vs. 39,5 Tage, p = 0,03). Unter Verum gab es nicht signifikant häufiger Muskelschwächen als bei Placebo.

Fazit: Erstmals konnte für Cisatracurium gezeigt werden, dass eine Pharmakotherapie von Patienten mit ARDS das adjustierte 90-Tage-Überleben verbessert. Die Autoren halten weitere Studien für nötig, bis ein solches Vorgehen in die klinische Praxis übernommen werden kann. Auch ließen sich die Ergebnisse nicht auf andere Relaxanzien übertragen. Dr. rer. nat. Susanne Heinzl

Papazian L et al.: Neuromuscular blockers in early acute respiratory distress syndrome. NEJM 2010; 363: 1107–16.

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