SUPPLEMENT: PRAXiS

Medica 2010: Aufbruch ins Netz

Dtsch Arztebl 2010; 107(45): [3]

Krüger-Brand, Heike E.

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Online-Anwendungen gehören zunehmend zum Praxisalltag. Zu den Schwerpunktthemen der Medizinmesse im Bereich Gesundheitstelematik zählen die Quartalsabrechnung, die sichere Netzanbindung, mobile Dienste und Lösungen für die Telemedizin.

Ab dem 1. Januar 2011 wird es für die Vertragsärzte und -psychotherapeuten ernst: Sie müssen die Quartalsabrechnung künftig online an ihre Kassenärztliche Vereinigung (KV) übermitteln. Somit stehen auch die Praxen, die bislang noch keine Online-Anbindung haben, vor der Frage, wie sie sicher ans Netz gelangen. Die Online-Anbindung ist daher eines der Themen, die bei der diesjährigen Fachmesse Medica im Zentrum stehen. Circa 400 der mehr als 4 000 Aussteller in Düsseldorf präsentieren Produkte und Lösungen für den Bereich IT und Telemedizin (Kasten).

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Foto: Telekom
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Das zum Compugroup-Konzern gehörende Softwarehaus Turbomed setzt beispielsweise bei der Online-Anbindung auf die Telekommunikationsplattform „Telemed.net“: Anwender der Praxissoftware können mit wenigen Klicks die Abrechnung erstellen und elektronisch an die zuständige KV übermitteln. Telemed.net wählt dabei automatisch das von der jeweiligen KV geforderte Übermittlungsverfahren. Zudem ermöglicht die in die Praxissoftware integrierte Kommunikationslösung auch die Patientendatenübertragung zu ärztlichen Kollegen oder Kliniken, die Labordatenabfrage und den Austausch per Chat (Halle 15/A33).

Die Umsetzung der ambulanten Codierrichtlinien ist ein weiteres Thema, das die niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten ab 2011 beschäftigen wird, nachdem die Kassenärztliche Bundesvereinigung einen Aufschub ausgeschlossen hat. Tests in Bayern haben ergeben, dass es hierbei vor allem auf die Umsetzung der Richtlinie in den Praxiscomputersystemen ankommt, denn nur so lässt sich der tägliche Aufwand im Praxisalltag dafür möglichst gering halten. Die Medizinmesse bietet die Gelegenheit, entsprechende Lösungen der Praxis-EDV-Anbieter, etwa von Turbomed, Medistar, Frey ADV oder Duria, unter die Lupe zu nehmen.

Auch für die hausarztzentrierte Versorgung (HzV), die in Baden-Württemberg und in Bayern schon seit Ende 2008 praktiziert wird, gibt es inzwischen intelligente IT-Unterstützung: Die Firma Medistar hat etwa für die HzV-Abrechnung in Bayern einen „Abrechungs-Coach“ entwickelt, der neue Möglichkeiten rund um die Abrechnung der hausarztzentrierten Versorgung aufzeigt und die Abrechnung vereinfachen soll (Halle 15/A23, 25).

IT-Sicherheit

Eine sichere Lösung zum Schutz sensibler Patientendaten im Praxisnetzwerk präsentiert die BWG-Systemhausgruppe, ein Kooperationspartner von Medistar. Mit dem Sicherheitsgateway „secure VD“ vermeiden Anwender der Arztsoftware Angriffe auf ihr Praxisnetzwerk. Das Firewall- und VPN-Gateway mit integrierter Virtualisierungsumgebung entkoppelt den Internetzugang von Arbeitsplätzen mit Zugang zu kritischen Daten. So können Internetbrowser und E-Mail-Programme auf dem virtuellen PC in der Firewall laufen und werden vom eigentlichen Arbeitsplatz über eine grafische Netzwerkverbindung ferngesteuert. Die Internetprogramme haben damit weder Zugang zu den Daten in der Praxissoftware, noch auf den PC oder das Netzwerk. Die aus der Internetnutzung resultierenden Risiken bleiben auf das virtuelle System begrenzt.

Mit der „CGM Mobile-App“ können Ärzte, die eine Arztsoftware der Compugroup Medical einsetzen, sicher per iPhone und iPad auf ihre jeweiligen Patientendaten in der Praxis zugreifen. Foto: Turbomed
Mit der „CGM Mobile-App“ können Ärzte, die eine Arztsoftware der Compugroup Medical einsetzen, sicher per iPhone und iPad auf ihre jeweiligen Patientendaten in der Praxis zugreifen. Foto: Turbomed

Tele­ma­tik­infra­struk­tur

Die Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) werden wie in den Jahren zuvor ebenfalls Gegenstand der Messe sein. So stehen im Zusammenhang mit der Einführung der eGK weitere Änderungen für die Arzt- und Psychotherapeutenpraxen bevor: Nach dem Neustart des Projekts soll als erste Anwendung der Versichertenstammdatendienst realisiert werden. Hierfür müssen die Krankenkassen Online-Dienste anbieten, mit denen die Leistungserbringer die Gültigkeit der Versichertenstammdaten überprüfen und auf der eGK aktualisieren können. Zusätzlich sollen drei weitere Telematikanwendungen auf den Weg gebracht werden: die adressierte Kommunikation der Leistungserbringer, der Not­fall­daten­satz und die elektronische Fallakte. 2011 sind erste Schritte zur praktischen Umsetzung im Rahmen einer Fortführung des eGK-Basisrollouts zu erwarten. Eine dritte Rechtsverordnung über Testmaßnahmen zur Einführung der eGK wird derzeit vorbereitet. Über den Stand des Projekts informiert die Betriebsgesellschaft Gematik in Halle 15/B17.

Ein erstes Projekt zum elektronischen Arztbrief stellt das Softwarehaus Duria vor (Halle 15/G4). Im Raum Düren erproben 200 Ärzte und drei Krankenhäuser den Arztbrief als einen Baustein für die einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakte. Dabei verwenden die Ärzte erstmals den elektronischen Heilberufsausweis zum Signieren der Briefe, bevor diese übermittelt und in die Patientenakte eingestellt werden.

Bei den Kartenlesegeräten für die eGK stellt Hypercom ein Multifunktionsterminal vor, das zwei Kartenleser in einem Gerät kombiniert und so die Übermittlung von Daten der eGK, der Krankenversichertenkarte sowie elektronische Kartenzahlungen in den Arztpraxen ermöglicht. Das „medHybrid“-Terminal ist von der Gematik zertifiziert und durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik sowie vom Zentralen Kreditausschuss für die Bezahlanwendung zugelassen. Es hat verschiedene Kommunikationsschnittstellen, wie eine serielle Datenschnittstelle sowie USB- und LAN-Anschlüsse, und akzeptiert sowohl Magnet- als auch Chipkarten. Vermarktet wird es von Hypercom und TeleCash (Halle 15/D 41).

Daten per iPhone

Mobile Anwendungen sind im medizinischen Alltag zunehmend gefragt. Um den außer Haus tätigen Ärzten die synchronisierte Datenhaltung zu erleichtern, hat das Berliner Unternehmen Epikur Software eine webbasierte Servervariante entwickelt, die einen Datenabgleich in Echtzeit über verschiedene mobile Eingabegeräte ermöglicht. Dazu zählen neben Netbooks, Handys und PDAs auch das iPad und das iPhone von Apple sowie jedes beliebige andere Smartphone. Die Serverversion läuft browsergestützt, die Daten werden per Internet oder Intranet abgeglichen. Auf die zentrale Patientendatenbank wird passwortgeschützt zugegriffen, wobei Verschlüsselungstechniken nach dem SSL-Standard genutzt werden. Voraussetzung für den mobilen Einsatz ist eine Desktop-Installation der Netzwerkversion von „epikur medico“. Die Patientendatenbank muss sich auf einem mit dem Internet verbundenen und über einen VPN-Router abgesicherten Server befinden. Alternativ ist der Datenaustausch über UMTS möglich. Auch für MVZs und Praxisgemeinschaften ist diese Lösung interessant: Einzelplatzrechner, die sich als Clients in einer Satellitenpraxis an einem anderen Ort befinden, lassen sich so mit der zentralen Patientendatenbank und dem lokalen Netzwerk im MVZ oder in der Praxisgemeinschaft für den Datenaustausch verbinden (Halle 15/G8).

Auch Turbomed stellt mit „CGM Mobile“ eine Lösung vor, mit der sich der Arzt Patientendaten aus dem Praxissystem online auf dem iPhone oder iPad über die sichere Kommunikationsplattform Telemed.net online anzeigen lassen kann. Speziell für Haus- und Heimbesuche ist diese Funktion praktisch, denn direkt aus der App heraus kann er auch eine Wegbeschreibung starten oder einen Patienten anrufen.

Das Multifunktionsterminal „medHybrid“ kann die EKGs verarbeiten und zusätzlich elektronische Kartenzahlungen abwickeln. Foto: Hypercom
Das Multifunktionsterminal „medHybrid“ kann die EKGs verarbeiten und zusätzlich elektronische Kartenzahlungen abwickeln. Foto: Hypercom

Medizintechnikanbindung

Wie sich Medizintechnik intelligent an die Praxissoftware anbinden lässt, demonstrieren die kooperierenden Unternehmen Zimmer MedizinSysteme und Medistar (Halle 15/A23, 25). Durch eine bidirektionale Highspeed-Schnittstelle ermöglichen sie einen intuitiven Aufruf der verschiedenen EKG-Modi der „CardioData“-EKG-Software aus der Arztsoftware heraus. Zusätzlich gibt es eine Vorschaufunktion zu den erzeugten EKGs in der Karteikarte. Mit dem an die Praxissoftware angebundenen EKG-System lassen sich 12-Kanal-EKGs aufzeichnen, darstellen und analysieren. Dabei werden die in der EKG-Software erhobenen Daten in Echtzeit an den PC übertragen.

Für Nutzer der Produktfamilie „Quincy“ von Frey ADV gibt es eine Archivierungslösung als Schritt in Richtung „papierlose“ Arztpraxis. Eingehende Post (Arztbriefe, Befunde, Bilder etc.) wird per Scanner eingelesen oder über Videokamera aufgenommen und dem Patienten zugeordnet. Gespeicherte Dokumente können in der elektronischen Karteikarte jederzeit geladen werden. Eine Nachbearbeitung mit anderen Programmen, beispielsweise MS-WinWord, ist möglich (Halle 15/G25). ► Unabhängig vom Aufbau der Tele­ma­tik­infra­struk­tur gibt es eine Vielzahl von Telemedizinprojekten, viele davon sind aus ärztlicher Initiative entstanden. Die Übernahme in die Regelversorgung, etwa in Form eines Disease-Management-Programms, wird intensiv diskutiert. Eine vielversprechende Anwendung ist die Betreuung von Herzinsuffizienzpatienten mittels Telemonitoring, die derzeit in Studien evaluiert und mit der Standardtherapie verglichen wird.

Telemedizin-Vielfalt

Die ICW AG präsentiert mit der „ICW Professional Suite“ Lösungen für die Telemedizin, etwa zur Versorgung von herzinsuffizienten Patienten (Halle 15/G34). Teilnehmer der telemedizinischen Versorgung erhalten ein Blutdruckmessgerät und eine digitale Waage. Über diese Geräte werden die Blutdruck- und Gewichtswerte des Patienten drahtlos per Bluetooth an eine Basisstation in dessen Wohnung und von dort verschlüsselt über eine Telefonleitung an ein telemedizinisches Zentrum weitergeleitet. Medizinische Fachkräfte überwachen die Entwicklung und greifen gegebenenfalls ein. Das System ist unter anderem an der Charité in Berlin im Einsatz, wo derzeit die größte Studie zum Telemonitoring chronisch herzinsuffizienter Patienten weltweit läuft.

Der „Mobile Medical Assistant“ von der Firma Aipermon ist ein PDA speziell für die Kommunikation zwischen Patienten und telemedizinisch betreuenden Ärzten. Er empfängt Messungen aus telemedizinisch integrierten Messgeräten wie Blutdruckmessgerät, EKG oder Aktivitätssensoren und ermöglicht ein ortsunabhängiges Telemonitoring. Neben dem Senden von biometrischen Daten kann der PDA auch für Kommunikationszwecke und Rückmeldungen zwischen Betreuungsdienst und Patient genutzt werden (Halle 15/C39).

Zur Betreuung von Risikopatienten im häuslichen Bereich hat die Getemed AG, Teltow, ein mobiles Aufzeichnungsgerät für EKG und Sauerstoffsättigung entwickelt. „PhysioMem“ ermöglicht sowohl eine zweiminütige Einzel- als auch eine Dauermessung. Für erstere legt der Patient das Gerät auf seinen Brustkorb, woraufhin vier ins Gehäuse integrierte Elektroden das 3-Kanal-EKG ableiten. Treten im EKG pathologische Veränderungen auf, wird der Patient vom Telemedizinzentrum kontaktiert und aufgefordert, zur Abklärung eine Dauermessung vorzunehmen. Für diese legt der Patient vier Klebeelektroden an. Die Sauerstoffsättigung wird zusammen mit der Pulsrate unter Verwendung eines Fingersensors gemessen. Das Gerät überträgt danach das EKG und die SpO2-Werte kontinuierlich bis zu mehreren Stunden. Bei der Dauermessung sieht der Arzt im „Online-Viewer“, also in „Echt-Zeit“, die Vitalfunktionen des Patienten auf seinem Bildschirm (Halle 9/C15).

Der „Tele-Care-Monitor“ von Vitaphone, Mannheim, dient als zentraler Zugang zur Aufnahme der Daten von peripheren Messgeräten und automatisierter Weiterleitung biometrischer Daten. Die Möglichkeiten zur Fernkonfiguration und zur Sprachfunktion unterstützen die interaktive Kommunikation mit dem Patienten, zum Beispiel durch die Erinnerungsfunktion. Das Unternehmen stellt außerdem Geräte für die Telekardiologie und die Telebeobachtung der Lungen- und Atemfunktion vor (Halle 9/C54).

Ein kabelfreies EKG-System zeigt Corscience (Halle 9/C63). Das Bluetooth-EKG-Modul BT 12 ist ein kompaktes, am Körper tragbares, netzunabhängiges EKG-Messgerät, mit dem drahtlos 3-, 6- und 12-Kanal-EKGs im Nahbereich bis 25 m auf einen Monitor, zum Beispiel einen PC oder einen Patientenmonitor, übertragen werden können.

Die Deutsche Telekom präsentiert Telemedizinprojekte aus ihrem Zukunftslabor „T-City Friedrichshafen“ (Halle 15/A49). Dort erproben Ärzte unter anderem das Diabetes-Managementsystem „GlucoTel“, bei dem Zuckerwerte vom Messgerät des Patienten per Bluetooth an dessen Handy und von dort automatisch in ein Online-Tagebuch übertragen werden (Abbildung, Seite 3). Ebenfalls gezeigt wird ein mobiles Notrufgerät, mit dem der Nutzer per Knopfdruck von überall einen Notruf absetzen kann. Heike E. Krüger-Brand

Medica-Basisinfo

Zeit: 17. bis 20. November 2010

Ort: Düsseldorf, Messe

Eintritt: Eintrittskarten sind online preiswerter als an der Tageskasse. Sie gelten auch für die meisten Veranstaltungen des Kongresses.

Öffnungszeiten: 10 bis 18.30 Uhr, samstags 10 bis 17 Uhr

Internetportal: www.medica.de

Sonderschauen

  • Medica Media (www.medicamedia.de): Forum für neue Entwicklungen aus E-Health, Telemedizin und medizinischer IT (Halle 15/A13). Themen: Finanzierung von Telematikanwendungen, elektronische Patientenakten, Telemonitoring bei chronischer Herzinsuffizienz
  • Medica Vision: Medizinische und medizintechnische Forschung (Halle 3/H92). Themen: bildgebende Verfahren, Mikrosysteme in der Medizin, schonendes Operieren
  • Medica Tech Forum: Expertenforum im Rahmen des Kongressprogramms mit täglich wechselnden Schwerpunkten (Halle 11/E70). Vormittags Vorträge in englischer Sprache zu einem medizinischen Thema, nachmittags geht es um die Umsetzung moderner Methoden und Verfahren in die Praxis zum selben Thema.

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