ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPRAXiS 4/2010Rohstoffe als Geldanlage: Gewinne mit Kupfer und Schweinebäuchen

Supplement: PRAXiS

Rohstoffe als Geldanlage: Gewinne mit Kupfer und Schweinebäuchen

Dtsch Arztebl 2010; 107(45): [26]

Jobst, Peter

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Geht es um die Sicherheit ihrer Ersparnisse, sind deutsche Anleger zutiefst beunruhigt: Gefragt sind fast ausnahmslos die als sicher geltenden deutschen Staatsanleihen, aber auch Sachwertanlagen wie Immobilien oder Rohstoffe. Schnell werden dabei jedoch die Risiken übersehen, denn gerade der Rohstoffmarkt ist für Laien nur schwer durchschaubar.

Fotos: Fotolia
Fotos: Fotolia

Noch im Jahr 2001 kostete die Feinunze Gold an den internationalen Warenterminbörsen gerade einmal rund 260 US-Dollar, heute werden mehr als 1 300 US-Dollar dafür bezahlt. Aber auch Silber, Platin oder Kupfer verzeichneten zumindest zeitweise drastische Preissteigerungen, selbst bei Zucker oder Mais lassen sich Preissprünge beobachten. Fragt man nach den Gründen, haben Finanzdienstleister vorrangig drei Varianten parat:

Anzeige
  • Das schnelle Wachstum in China – im ersten Quartal 2010 waren es schon wieder mehr als zehn Prozent – hat auch einen enormen Rohstoffbedarf zur Folge.
  • Die Konjunkturbelebung in der westlichen Welt erfordert zum einen wieder mehr Rohstoffe, zum anderen wächst die Nachfrage zum Beispiel nach Edelmetallen aus der Schmuckindustrie.
  • Die Haushaltsprobleme von Griechenland, Spanien und Portugal, aber auch Deutschland können mittel- bis langfristig nur über eine höhere Inflationsrate gelöst werden. Dann sind es aber die Sachwerte, deren Kaufkraft erhalten bleibt. Metalle wie das derzeit besonders beliebte Gold können jedoch nicht nur vor einer drohenden hohen Inflationsrate schützen, sondern auch vor einer von manchem befürchteten Währungsreform.

Alle drei Thesen haben durchaus ihre Berechtigung und werden entsprechend von den Finanzdienstleistern in ihre Werbung eingebaut. Denn schließlich hat die Branche einige passende Produkte zu bieten. Zu nennen sind hier unter anderem Rohstofffonds, Optionen sowie Zertifikate, aber auch die zuletzt besonders beliebt gewordenen Exchange Traded Commodities (ETCs). Mit ihnen können sich Anleger direkt und ohne Umwege am Rohstoffsektor engagieren. Steigt der Rohstoffpreis, klettert auch der Börsenkurs der ETCs – und umgekehrt. Zumindest teilweise sind die Papiere physisch unterlegt, das heißt, der Emittent hat den Basiswert eingelagert, so dass das Emittentenrisiko weitgehend ausgeschlossen ist. Grundsätzlich sind alle Produkte speziell für den privaten Anleger konzipiert, wobei man sich vor dem Kauf möglichst umfassend nicht nur über den ausgewählten Rohstoff, sondern auch über die Funktionsweise des jeweiligen Papiers informieren sollte.

Die „Oberklasse“ der Rohstoffanlage sind schließlich sogenannte Terminkontrakte, also der Kauf und Verkauf von Waren auf Termin. Hier winken enorme Gewinne, allerdings auch fatale Risiken. Wer beispielsweise mit einem steigenden Ölpreis rechnet, kann einen Terminkontrakt mit einer Laufzeit von zum Beispiel einem Jahr erwerben. Dafür zahlt der Anleger jedoch nicht den vollen Preis, sondern lediglich den „Einschuss“, der oft nur bei drei bis acht Prozent des realen Wertes liegt. Steigt nun der Ölpreis tatsächlich stark, trennt er sich von seinem Engagement und macht einen entsprechenden überproportionalen Gewinn. Gehen die Erwartungen jedoch nicht auf und fällt der Ölpreis, werden schnell Nachzahlungen erforderlich. Und diese können um ein Vielfaches höher sein als die bereits eingezahlte Anlagesumme, so dass derartige Engagements nur für sehr erfahrene Anleger infrage kommen.

Gesteigert wird diese Strategie nur noch durch die physische Abwicklung entsprechender Geschäfte, die besonders vermögenden Anlegern und Fonds vorbehalten ist. Hier werden Preisdifferenzen zwischen Kassa- und Terminmarkt direkt genutzt. Liegt der Preis beispielsweise von Rohöl an den Terminbörsen für einen Sechs-Monats-Kontrakt – also die Lieferung in sechs Monaten – deutlich über dem Preis, der aktuell bezahlt wird, verkauft der Anleger einen solchen Terminkontrakt und erwirbt gleichzeitig die physische Ware. Diese wird dann gelagert, zum Beispiel auf einem angemieteten Öltanker, der irgendwo auf den Weltmeeren „geparkt“ ist. Nach sechs Monaten wird Kasse gemacht. Auf der Plusseite steht die Differenz zwischen den unterschiedlichen Handelspreisen, als Spesen sind die Lager- und Versicherungskosten sowie gegebenenfalls Finanzierungskosten abzurechnen.

Doch ob schlichtes Zertifikat oder Warenterminkontrakt: Der blühende Markt ist nicht ohne Schattenseiten. An den weltweiten Finanzmärkten wird täglich ein Vielfaches dessen umgesetzt, was tatsächlich vorhanden ist. Lag das Volumen spekulativer Gelder in Warentermingeschäften vor zehn Jahren noch bei rund fünf Milliarden US-Dollar, so hat sich diese Summe nach Schätzungen der Commerzbank mittlerweile fast verhundertfacht. Allein im Ölsektor wird jeden Tag zwölfmal so viel Öl gehandelt wie gefördert, jeder Barrel geförderten Öls wechselt auf dem Weg zum Endverbraucher mehr als 20-mal den Besitzer. Und damit sind die Probleme programmiert: Konnte man früher davon ausgehen, dass letztlich das Wechselspiel aus Angebot und Nachfrage der tatsächlich vorhandenen Ware ausschlagend für den Preis war, so sorgen jetzt die Spekulanten für die Preisbildung. Rechnen sie mit Steigerungen, klettern die Preise auch ohne realen Hintergrund. Haben sie sich indes gegen ein Produkt eingeschworen, fällt der Preis ins Bodenlose – selbst wenn real eigentlich ein Anstieg gerechtfertigt wäre.

Bestes Beispiel ist hier der Kupfermarkt. Anfang 2003 lag der Tonnenpreis im Bereich von rund 1 700 US-Dollar. Dann lenkte der China-Boom das Interesse auf diesen wichtigen Rohstoff, und man munkelt sogar, dass interessierte Kreise die Statistik bewusst verfälscht haben. Es wurden große Mengen Kupfer in chinesischen Depots eingelagert – und tauchten prompt in der Importstatistik des Landes auf. Schon hatte man ein praktikables Werbeargument für eine Fortsetzung des Booms, selbst wenn Experten immer wieder darauf verwiesen, dass China selbst Kupfererz fördert und die weltweite Produktion schneller steigt als die Nachfrage. Das Ergebnis der „Werbe“bemühungen: Binnen drei Jahren hatte sich der Preis fast verfünffacht. Doch dann platzte die Blase, und der Kupferpreis brach auf 3 000 US-Dollar ein. Seit Anfang 2009 ist erneut ein kräftiger Anstieg zu beobachten, wobei wiederum China als Hauptargument für den neuerlichen Boom genannt wird.

Dies zeigt jedoch: Der Rohstoffmarkt ist inzwischen absolut unberechenbar geworden, wobei der private Anleger stets am Ende einer langen Informationskette steht. Zwar kann es durchaus sinnvoll sein, im Interesse einer breiten Diversifizierung auch das eine oder andere Rohstoffprodukt mit in die Anlagepalette aufzunehmen. Dabei ist jedoch eine sehr selektive Vorgehensweise erforderlich, das heißt, man sollte sich mit dem Rohstoff befassen, in den man investieren will.

Noch vergleichsweise überschaubar sind Investments in Gold, wobei neben physischen Anlagen, etwa in Goldbarren, insbesondere ETCs und Goldzertifikate eine Rolle spielen sollten. Das Problem dabei: Der Goldpreis ist in den vergangenen acht Jahren so massiv gestiegen, dass er sich deutlich vom marktgerechten Preis aus Angebot und Nachfrage abgehoben hat. Rückschläge sind besonders dann zu erwarten, wenn sich die Haushaltslage in Europa stabilisiert. Im Fall eines starken Inflationsanstiegs kann Gold jedoch durchaus eine interessante Diversifizierungsmöglichkeit bieten. Vergleichbares gilt für Silber, dessen Preis nicht derart massiv gestiegen ist wie der Goldpreis. Wesentlich spekulativer sind Platin und – vor allem – Palladium, genügen hier doch schon unbedeutende Meldungen, um den Preis in die eine oder andere Richtung springen zu lassen.

Auch der Rohölmarkt unterliegt deutlichen Preisschwankungen, wobei sich das BP-Unglück nur unwesentlich im Barrelpreis niedergeschlagen hat. Hier sind Engagements insbesondere unter dem Gesichtspunkt überlegenswert, die Preise seines eigenen Öl- und Benzinbedarfs durch den Kauf entsprechender Papiere auf Jahre hinaus festzuschreiben. Allerdings sollte sich das Engagement auch hier in eher engen Grenzen halten, denn die Schwankungen sind oft beträchtlich. Generell Vorsicht ist schließlich bei landwirtschaftlichen Produkten geboten, seien es Mais, Zucker, Kaffee oder Schlachtschweine, die ebenfalls an den Börsen gehandelt werden. Zwar gibt es auch dafür eine Vielzahl passender Papiere, die Preistendenz wird man jedoch ohne Insiderwissen kaum zuverlässig prognostizieren können. Vorsicht ist vor allem bei Gerüchten – zum Beispiel über Ernteausfälle – geboten. Meist werden sie „von interessierten Kreisen“ gestreut, die entsprechende eigene Profite anstreben. Gerade für Agrarprodukte bieten sich im Übrigen Fonds an, wobei man allerdings sehr genau auf die Zusammensetzung und den bisherigen Erfolg achten sollte. Peter Jobst

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema