ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 4/2010Lebensversicherungen: Mittelzuflüsse bereiten Sorgen

SUPPLEMENT: PRAXiS

Lebensversicherungen: Mittelzuflüsse bereiten Sorgen

Dtsch Arztebl 2010; 107(45): [19]

Löwe, Armin

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Wegen der niedrigen Zinsen legen viele Deutsche ihr Geld derzeit als Einmalbeiträge bei den Lebensversicherungen an. Dies kann Probleme verursachen.

Die Lebensversicherungen profitieren und leiden unter den derzeit niedrigen Zinsen. Weil am Kapitalmarkt und auch bei den Kreditinstituten die Anleger momentan nur Magerzinsen erhalten, legen viele Bundesbürger ihr Geld als Einmalbeiträge bei den Lebensversicherungen an, wo drei bis fünf Prozent winken. Aber auf der anderen Seite haben es die Lebensversicherer in ihrer Anlagepolitik in Niedrigzinsphasen wie der aktuellen sehr schwer, vernünftige Renditen zu erzielen. Die Versicherungen investieren den Deckungsstock überwiegend in festverzinsliche Wertpapiere. Zehnjährige Bundesanleihen werfen derzeit eine Rendite von nur 2,5 Prozent ab.

Unsichere Kalkulation

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Vor diesem Hintergrund bereitet es den Experten und vor allem der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) große Sorgen, dass die deutschen Lebensversicherer zur Zeit einen so hohen Mittelzufluss in Form von Einmalbeiträgen haben. Im letzten Jahr entfiel von den 85,2 Milliarden Euro Beitragseinnahmen der Versicherer rund ein Viertel auf Einmalbeiträge. Das Neugeschäft basierte 2009 sogar zu 77 Prozent auf Einmalbeiträgen. In den ersten sechs Monaten 2010 entfielen 85 Prozent des Neugeschäfts auf Einmalbeiträge.

Während Verträge mit monatlicher regelmäßiger Prämienzahlung auf lange Sicht sicher kalkulierbare Mittelzuflüsse gewährleisten, können die hohen Mittelzuflüsse durch Einmalbeiträge später Probleme verursachen, weil solche Gelder möglicherweise auch schnell wieder abgezogen werden. Versicherungsnehmer, die sich für die Einmaleinzahlung eines größeren vier- bis sechsstelligen Betrags entscheiden, neigen dazu, auch kurzfristig wieder auszusteigen, sollte es zu einem Zinsanstieg kommen.

Für Brisanz sorgt in diesem Zusammenhang eine Vorschrift des neuen Versicherungsvertragsgesetzes (VVG), das seit 2008 gilt. Nach § 153 VVG müssen die Versicherungsgesellschaften den Kunden, die ihren Vertrag kündigen, die Hälfte der Bewertungsreserven auszahlen, welche die Gesellschaften mit dem Geld der Versicherungsnehmer gebildet haben. Das kann auf Kosten derjenigen Versicherungsnehmer gehen, die in der Versicherung bleiben. Neue Kunden können also auf Kosten der Altkunden geködert werden. Mit den Geldern, die jetzt durch Einmalbeiträge den Versicherern zufließen, können die Kunden gleichsam gegen die Versicherungsgesellschaften spekulieren, wenn die Zinsen wieder anziehen.

Dass die Versicherungen heute auch den Neukunden eine bessere Rendite bieten können als Banken und Kapitalmarktprodukte, liegt dar- an, dass sich die Versicherer in der Vergangenheit mit langlaufenden hochverzinslichen Anleihen eindecken konnten. In den Genuss dieser höheren Zinsen kommen also auch die aktuell mit hohen Einmalzahlungen beitretenden Neukunden, obwohl ihre Gelder von den Versicherern nur in niedriger verzinsliche Wertpapiere angelegt werden können.

Die laufende Verzinsung für kapitalgedeckte Renten- und Lebensversicherungen liegt für das Jahr 2010 bei durchschnittlich etwa 4,18 Prozent im Jahr, die beste Versicherung kommt sogar auf 4,8 Prozent, das Schlusslicht auf 3,5 Prozent. Auch wenn diese Sätze nur dem Teil der Prämien zugeschrieben werden, der in den Deckungsstock geht (abgezogen werden die Kosten für Vertrieb und Verwaltung, bei Risikolebensversicherungen auch für den Todesfallschutz), ist die Anlage in der Lebensversicherung für Einmalanleger sehr attraktiv.

Sinkender Garantiezins?

Da die Versicherer das Geld ihrer Kunden nur noch zu derzeit niedrigen Zinsen anlegen können, beschäftigt sich die Deutsche Aktuarvereinigung mit dem Thema Garantieverzinsung. In Deutschland müssen die Lebensversicherer beim Abschluss eines Versicherungsvertrags eine gesetzlich vorgeschriebene Mindestverzinsung der Guthaben der Versicherten garantieren. Dieser Rechnungszins beträgt derzeit 2,25 Prozent. Die Deutsche Aktuarvereinigung mag nicht ausschließen, dass sie dem Gesetzgeber im Jahr 2012 eine Senkung des Rechnungszinses auf 1,75 Prozent vorschlagen wird. Das heißt also: Die Aktuare befürchten, dass nicht mehr alle Lebensversicherungen die 2,25 Prozent Garantieverzinsung in der heutigen Phase niedriger Kapitalmarktzinsen erwirtschaften können. Gleichwohl werden neue Kunden mit attraktiven Zinsen gelockt – weit höheren, als der Garantieverzinsung entspricht. Armin Löwe

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