ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 4/2010Design in der Medizintechnik: Produktgestaltung zum Wohle aller

SUPPLEMENT: PRAXiS

Design in der Medizintechnik: Produktgestaltung zum Wohle aller

Dtsch Arztebl 2010; 107(45): [16]

Buhr, Daniel

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Prozessoptimierung heißt in der Medizin: Zeitersparnis, Kosteneffizienz, Sicherheit, Patienten- und Bedienkomfort. Design kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, Arbeitsabläufe zu verbessern.

Beispiel für ein mobiles Informations- und Kommunikationsgerät, das viele Funktionen in einem formschönen Gehäuse integriert. Der Medical Tablet PC MCA001 von Bormann ist ausgestattet mit integrierter Kamera, RFID-Scanner, Barcode-Leser, W-LAN- und UMTS-Modul. Er erleichtert den Arbeitsalltag von Ärzten, Pflegepersonal und Rettungssanitätern. Kompakt, ergonomisch optimiert, visuell ansprechend gestaltet, fügt es sich harmonisch in die speziellen Arbeitsabläufe ein. Fotos: Lunar Europe
Beispiel für ein mobiles Informations- und Kommunikationsgerät, das viele Funktionen in einem formschönen Gehäuse integriert. Der Medical Tablet PC MCA001 von Bormann ist ausgestattet mit integrierter Kamera, RFID-Scanner, Barcode-Leser, W-LAN- und UMTS-Modul. Er erleichtert den Arbeitsalltag von Ärzten, Pflegepersonal und Rettungssanitätern. Kompakt, ergonomisch optimiert, visuell ansprechend gestaltet, fügt es sich harmonisch in die speziellen Arbeitsabläufe ein. Fotos: Lunar Europe

Design ist weit mehr als die „schöne Form“ allein. Gerade in der Medizin. Hier senkt es die Produktions- und Behandlungskosten, erleichtert den Umgang mit der Technik und erhöht zugleich die Sicherheit. „Wir möchten mit Design dazu beitragen, die technische Komplexität des Gerätes zu reduzieren und die Handhabung durch ergonomische Anpassung zu erleichtern. Der Anwender soll intuitiv an die Bedienung herangeführt und nicht von Technik und EDV überfordert werden“, erklärt Matthis Hamann, Geschäftsführer von Lunar Europe, einem weltweit agierenden Designunternehmen.

Anzeige

Vor allem in der Medizin steht das Design vor besonderen Herausforderungen, zumal in der Zukunft mehr und mehr Geräte direkt von den Patienten bedient werden sollen. „Daher arbeiten wir Designer auch meist in größeren Spezialistenteams – gemeinsam mit Marktforschern und Ingenieuren, aber vor allem mit den potenziellen Nutzern. Im konkreten Fall mit Patienten, Pflegepersonal und Ärzten“, erläutert Hamann.

Die Geräte kommen zu den Patienten

Medizinische Geräte müssen Sicherheit, Zuverlässigkeit und Modernität vermitteln und sollen dabei zudem einfach und bequem zu nutzen und zu reinigen sein – vor allem wenn es sich beim Nutzer nicht nur um Fachkräfte handelt. So verlassen in der Medizin sukzessive die Geräte das Krankenhaus- und Arztpraxisumfeld und ziehen mehr und mehr bei den Patienten ein: vom Analysegerät bis zur Thoraxpumpe. Ein Trend, der durch die wachsende Bedeutung der Telemedizin noch zunehmen wird.

Bei der „CyberKnife“-Weste von Accuray betraten die Designer Neuland: Durch die Funktionsweise, die das automatische Verfolgen, Erfassen und Korrigieren intrafraktioneller Tumorbewegungen ermöglicht, erzielt das „CyberKnife“- System eine hohe Präzision bei der Behandlung von Tumoren in jeder Körperregion. Der Patient trägt während der Bestrahlung eine spezielle Weste, die mit Elektroden versehen ist, die seine Körperbewegungen registrieren.
Bei der „CyberKnife“-Weste von Accuray betraten die Designer Neuland: Durch die Funktionsweise, die das automatische Verfolgen, Erfassen und Korrigieren intrafraktioneller Tumorbewegungen ermöglicht, erzielt das „CyberKnife“- System eine hohe Präzision bei der Behandlung von Tumoren in jeder Körperregion. Der Patient trägt während der Bestrahlung eine spezielle Weste, die mit Elektroden versehen ist, die seine Körperbewegungen registrieren.

Aber auch in der Arztpraxis ist der Wunsch nach sinnvoll gestalteten Produkten groß. „Ergonomisch gestaltete Geräte, die sich gut in unsere Arbeitsabläufe integrieren lassen, zudem einfach zu bedienen sind und für unsere Patienten sicher, zuverlässig und professionell wirken – so würden wir uns das wünschen“, erklärt Dr. med. Christian Grill, Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Mitinhaber der Staufenklinik in Göppingen. Allerdings sieht die Realität oft anders aus: Da habe man es oftmals mit klobigen, unförmigen Geräten zu tun, die sich nur schlecht bedienen und noch schlechter warten ließen, berichtet Grill. „Das geht dann soweit, dass ein Servicetechniker extra 300 Kilometer im Auto zurücklegen muss, um ein Birnchen am Röntgengerät zu wechseln, weil man das nicht selbst machen kann. So ein Ausfall würde hier die ganze Praxis blockieren.“

Die Medizintechnikhersteller reagieren darauf und binden verstärkt Designer in den Entwicklungsprozess ein. Jens-Peter Scharnagl,Glob- al Director Brand Management von Siemens Healthcare, nennt die Vorzüge: „Dem Produktdesign kommt bei unseren Geräten eine tragende Rolle zu. Dabei geht es nicht nur um die reine ‚Formgebung‘ oder eine angenehmere Haptik, sondern auch darum, Produktionsprozesse zu vereinfachen oder neue Werkstoffe zu entwickeln. Diese können beispielsweise dazu beitragen, das Gewicht zu vermindern oder die Umweltverträglichkeit im Produktionsprozess und im täglichen Einsatz zu verbessern. Außerdem überlegen wir bei jeder neuen Gerätegeneration, wie wir den Komfort für den Patienten während der Untersuchung weiter verbessern können.“

Zudem sind die Produkte mitunter in ein sehr komplexes Umfeld und in spezielle Praxen- und Krankenhaussoftware eingebunden. Das Medizintechnikdesign muss sich dazu stetig über neueste Entwicklungen in Medizin und Technik informieren. Auch Studien und Patientenbefragungen, Nutzerszenarien und Prototypen helfen bei der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten.

Die Geräteproduktion muss aber auch ökonomischen Regeln folgen. Schließlich handelt es sich bei der Medizintechnik um industriell gefertigte Produkte, wenngleich die Stückzahlen meist sehr gering sind. Die niedrigen Stückzahlen waren auch der wesentliche Grund dafür, dass viele Medizintechnikhersteller jahrzehntelang auf größere Investitionen ins Design verzichteten. Doch dann folgten rasante Entwicklungen in der Fertigungstechnologie und mit ihnen ein Umdenken bei den Herstellern, erklärt Dr. Thomas Vetter, Vorstandsvorsitzender der Alphaform AG, einem der europäischen Technologieführer auf dem Gebiet der Kleinserienfertigung: „Designer können in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren die Produktionskosten oft deutlich senken. Etwa durch die Lösung von gestaltbedingten Fertigungsproblemen, die Auswahl einfach zu verarbeitender Materialien oder durch die Optimierung von Verpackung, Lagerung und Transport. Das lohnt sich schon bei sehr kleinen Stückzahlen. Heute produzieren wir auch komplexe Medizintechnik kostengünstig in Kleinserie.“

Daher sind Designer meist sehr früh in den Innovationsprozess eines Produktes involviert, um rechtzeitig beratend einzuwirken. So achten die Hersteller darauf, dass ihre Geräte sowohl in der Anwendung als auch der Produktion rentabel sind. Scharnagl kennt das aus seiner Arbeit bei Siemens Healthcare: „Man steht im Grunde häufig vor der Herausforderung, den Spagat zwischen Kostensenkung einerseits und Optimierung des Patientenkomforts andererseits zu meistern. Da ist es entscheidend, frühzeitig in der Produktkonzeption entsprechende Weichen zu stellen. Nur so lassen sich innovative, flexible und kostengünstige Beleuchtungskonzepte umsetzen, wie beispielsweise an unseren Magnetresonanztomographen, oder aber kleine, mobile Diagnosegeräte für einen breiten Markt realisieren.“

Ganzheitlicher Designansatz

Bei der Konstruktion und Fertigung, beim Transport, aber eben auch für den späteren Unterhalt und die Wartung der Geräte spielt das Design somit eine wesentliche Rolle. Dies umzusetzen, ist keine leichte Aufgabe. Daher sei es unerlässlich, einem ganzheitlichen Designansatz zu folgen, sagt Designer Hamann: „Gut gestaltete Medizintechnik kann die medizinische Behandlung erheblich verbessern. Dafür ist es sinnvoll, interdisziplinär zusammenzuarbeiten und einen nutzerorientierten Ansatz zu wählen, um alle Facetten des Nutzungszyklus erfassen zu können. Bei dieser Methodik werden Potenziale und Gestaltungsmöglichkeiten von Innovationen früher erkannt und Risiken richtig eingeschätzt.“

Bei Lunar arbeitet daher ein Team aus Designern, Ingenieuren und Marktforschern in einem ganzheitlichen Designansatz zusammen. Ein Ansatz, der bei der Entwicklung von Geräten für die Medizintechnik den Unterschied machen soll. Designer begleiten dabei das Produkt gedanklich durch seinen gesamten Lebenszyklus – aus Nutzersicht. Sie erforschen das Nutzerverhalten und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten, wählen das passende Material, die richtige Form und Farbe und gestalten ergonomische Oberflächen sowie eine einfache Bedienung, die sogenannte Usability eines Produkts. Das bedeutet, nicht nur die Gerätegeometrien mit der Physis der Anwender zu harmonisieren, sondern auch die Gerätesoftware an die Erwartungen und Gewohnheiten dieser – häufig sehr unterschiedlichen – Anwender und Anwendungen anzupassen.

Ein wichtiger Hintergrund für diesen ganzheitlichen Blick auf das Produkt ist der Wunsch nach Optimierung des gesamten medizinischen Prozesses. Das meint auch Dr. Bernd Rebmann, Geschäftsführer von Rebmann Research, einem auf das Gesundheitswesen spezialisierten Marktforschungs- und Beratungsunternehmen: „Prozessoptimierung heißt in der Medizin: Zeitersparnis, Kosteneffizienz, Sicherheit, Patienten- und Bedienkomfort. Design kann tatsächlich einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, den Arbeitsablauf zu verbessern. Wenn Einblicke aus der Analyse des medizinischen Alltags, gesetzliche Anforderungen an Hygiene und Sicherheit, Anforderungen aller Nutzergruppen und das Produkt in seinem ganzheitlichen Lebens- und Nutzungszyklus in das Design des Produkts übersetzt werden, dann ist das zum Wohle aller.“

Dr. rer. soc. Daniel Buhr, E-Mail: db@textfreund.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema