ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2010Psychotherapeutische Versorgung von Migranten: „Ziel ist die interkulturelle Öffnung des Gesundheitswesens“

POLITIK

Psychotherapeutische Versorgung von Migranten: „Ziel ist die interkulturelle Öffnung des Gesundheitswesens“

PP 9, Ausgabe November 2010, Seite 487

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Für Migranten besteht eine erhöhte Prävalenz psychischer Erkrankungen, sie nehmen aber psychotherapeutische Versorgungsangebote unterdurchschnittlich oft in Anspruch. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer will die Versorgung verbessern.

Foto: ddp
Foto: ddp

Mehr als sieben Millionen Menschen mit einem ausländischen Pass leben in Deutschland. 15,6 Millionen haben einen Migrationshintergrund, das heißt mindestens ein Elternteil kommt aus einem anderen Land. Migration kann Stress bedeuten: Identitätskrisen, Entwurzelungsgefühle, sozioökonomische Probleme, eventuelle ungesicherte Aufenthaltssituation oder Traumatisierungen vor oder während der Migration. Dies trifft sicherlich nicht auf alle zu, denn Migranten in Deutschland sind eine sehr heterogene Gruppe: Asylsuchende Flüchtlinge oder „illegale“ Migranten haben mit indischen Ingenieuren oder Studierenden aus der Europäischen Union nur die Herkunft aus einem anderen Land gemein. Die Risiken für die psychische Gesundheit sind dementsprechend unterschiedlich.

Anzeige

„Ein kausaler Zusammenhang zwischen Migration und psychischer Erkrankung ist nicht belegt“, betonte Prof. Dr. Rainer Richter bei dem Symposium der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPTK) zur „Psychotherapeutischen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund“ am 7. Oktober in Berlin. Wohl aber eine erhöhte Prävalenz psychischer Erkrankungen, vor allem bei somatoformen Störungen und Depressionen (Grafik) und besonders häufig bei türkischen Migranten. Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey zeigt zudem bei Kindern von Migranten erhöhte Prävalenzen von Verhaltensauffälligkeiten und Essstörungen.

Somatoforme Störungen und Depressionen sind bei Migranten häufiger als bei Deutschen. Quelle: Bundes­psycho­therapeuten­kammer
Somatoforme Störungen und Depressionen sind bei Migranten häufiger als bei Deutschen. Quelle: Bundes­psycho­therapeuten­kammer

Gleichzeitig nehmen Migranten psychotherapeutische und psychiatrische Versorgungsangebote nur unterdurchschnittlich häufig in Anspruch, stellte die BPTK fest und setzt sich deshalb dafür ein, den Zugang zu erleichtern. Die Barrieren für die Inanspruchnahme psychotherapeutischer Leistungen können in der fehlenden gemeinsamen Sprache liegen, die interkulturelle Kompetenz von Psychotherapeuten und Ärzten ist verbesserungsbedürftig. Migranten sind nicht immer über die Leistungen der Gesundheitsberufe informiert, Informationen zu psychischen Erkrankungen und psychotherapeutischer Versorgung sollten deshalb bei den Ausländerbehörden vorliegen und mehrsprachig sein. Je nach Aufenthaltsstatus erschwert oder verhindert auch die Gesetzgebung in bestimmten Fällen eine Psychotherapie. Spezialisierte Behandlungsangebote gibt es nur wenige. „Die Gesundheitsberufe sollten sich darüber Gedanken machen, wie sie Migranten besser erreichen“, fordert Kammerpräsident Richter. ►

Zur Auflösung der Sprachbarrieren schlägt die Bundes­psycho­therapeuten­kammer vor, Migranten, die nicht ausreichend deutsch sprechen, eine „muttersprachliche“ Psychotherapie anzubieten. In Großstädten mit hohem Migrantenanteil könnte dies, nach Ansicht der BPTK, über das Instrument des lokalen Sonderbedarfs gewährleistet werden. Für die Zukunft sehen sich die Psychotherapeuten gut gerüstet: In der Ausbildung zum Psychotherapeuten befinden sich derzeit mehr russische, polnische und türkische Kandidaten als in der Versorgung. Dies ergab eine Umfrage bei den Landespsychotherapeutenkammern. Sind muttersprachliche Psychotherapeuten nicht verfügbar, zum Beispiel bei seltenen Sprachen, sollte auf speziell ausgebildete Dolmetscher zurückgegriffen werden. Deren Einsatz müsse von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung übernommen werden, fordert die Kammer.

Die eigene Kulturabhängigkeit zu kennen, sei die Basis interkultureller Kompetenz, betonte Dr. Maria Gavranidou, Referat für Gesundheit und Umwelt der Stadt München: „Die Relativität von Haltungen und Wertvorstellungen muss uns bewusst sein, damit die Therapie mit Menschen aus anderen Kulturen gelingen kann.“ Zunächst sollte der Therapeut immer überlegen oder recherchieren, was in der Kultur des Hilfesuchenden normal ist. Der Einsatz von schamanischen Heilern beispielsweise dürfe nicht als befremdlich abgetan werden.

Die Psychotherapeutin Gavranidou empfiehlt für eine gelingende Patienten-Therapeuten-Beziehung die Theorie der positiven Wertschätzung nach Rogers. „Ich muss mir bewusst werden, ob ich das Mädchen mit dem Kopftuch wertschätzen kann oder aufgrund feministischer Konzepte ablehne“, veranschaulichte sie. Für eine gelingende Beziehungsgestaltung sollte auch in Betracht gezogen werden, dass für manche Patienten eine direktivere Herangehensweise besser geeignet sei. Gavranidou rät Therapeuten, Migranten aus der Opferrolle herauszuholen und auf ihre Ressourcen hinzuweisen. Die meisten seien flexibel, mutig und optimistisch. Viele profitierten auch vom familiären Zusammenhalt. Die Religion gibt ebenfalls Halt. „Im Grunde ist jede gute Psychotherapie interkulturell kompetent“, konstatiert Gavranidou. „Die Psychotherapeuten haben sich bisher nur zu wenig damit beschäftigt.“

Bei der Psychotherapie von Kindern mit Migrationshintergrund „sind Neugier und Kreativität gefragt“, betonte Peter Lehndorfer, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut aus München. Er besucht die Familien der kleinen Patienten auch schon mal abends zu Hause. „Im eigenen Wohnzimmer öffnet sich der türkische Vater viel eher als in der therapeutischen Situation.“ Sprachprobleme erlebt er eher mit den Eltern als mit den Kindern. In keinem Fall dürften die Kinder jedoch als Dolmetscher eingesetzt werden. „Das ist ein Kunstfehler“, betonte Lehndorfer. Er wies darauf hin, dass sich Migrantenfamilien oftmals mit dem für Psychotherapeutenpraxen üblichen Anrufbeantworter schwertäten. „Eine Hürde zur Therapie, die einfach zu beheben ist.“

Ein Ausdruck dafür, dass Migranten psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe erst sehr spät suchen, sei deren hoher Anteil in der forensischen Psychiatrie und in den Abteilungen für Abhängigkeitserkrankungen, stellte Dr. med. Meryam Schouler-Ocak, Leiterin der Arbeitsgruppe Migrationsforschung an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Berliner Charité, fest. Nach einer Pilotstudie der AG Psychiatrie und Migration der Bundesdirektorenkonferenz beträgt der Anteil von Migranten in stationärer Behandlung rund 17 Prozent. Davon befinden sich 27 Prozent in der Forensik und knapp 22 Prozent in der Suchtbehandlung. Bei Migranten osteuropäischer Herkunft werde signifikant häufiger eine Abhängigkeitserkrankung diagnostiziert, bei türkischen Patienten auffallend häufiger affektive Störungen, berichtet die Oberärztin. Sie halte einen integrativen Ansatz im Krankenhaus grundsätzlich für sinnvoller als reine „Migratenambulanzen“. „Ziel ist eine interkulturelle Öffnung aller Einrichtungen des Gesundheitswesens“, fordert Schouler-Ocak.

Hochbelastete Flüchtlinge

Lange Wartelisten hat das Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf e.V., eines der wenigen institutionellen Behandlungszentren, die es nur in Großstädten gibt. 20 bis 70 Prozent der jährlich rund 400 Flüchtlinge aus über 30 Ländern, die dort behandelt würden, wiesen Traumafolgestörungen auf, berichtet die Psychologin Cinur Ghaderi. Neben der posttraumatischen Belastungsstörung werden oft somatoforme Schmerzen, aggressives und suizidales Verhalten diagnostiziert. Ehemalige Kindersoldaten, Zwangsprostituierte, Mütter, deren Kinder verschollen sind, gehören zu den hochbelasteten Patienten des Zentrums. Die Lebenssituation der Flüchtlinge wird bestimmt durch das Ausländerrecht: das Arbeitsverbot, das Leben in Lagern oder Gemeinschaftunterkünften sowie die Pflicht, in einem bestimmten Landkreis oder Bundesland zu bleiben (Residenzpflicht).

Sie werde oft gefragt, ob Psychotherapie unter diesen schwierigen Bedingungen überhaupt möglich sei, berichtet Ghaderi. „Ja, Therapie ist möglich und kann sogar Spaß machen.“ Die individuelle psychosoziale Lage und der Stand des Asylverfahrens seien jedoch immer auch Gegenstand der Therapie. Die Therapieziele müssten realistisch sein. „Manchmal bereiten wir die Klienten auch einfach auf das nächste Behördengespräch vor.“

Soziale Unterstützung

Georg Classen vom Flüchtlingsrat Berlin e.V., einem Zusammenschluss von Initiativen und Beratungsstellen, bezeichnet die Bestimmungen des Ausländerrechts für Flüchtlinge als „ausgrenzend, diskriminierend und krankmachend“. „Solange die Rahmenbedingungen nicht stimmen, bleibt die Psychotherapie und Sozialarbeit mit Flüchtlingen Sisyphusarbeit.“ Psychotherapie könne nicht auf die Therapie der psychischen Erkrankung beschränkt sein, sondern müsse die Flüchtlinge darin unterstützen, angemessene soziale Bedingungen einzufordern. „Man kann von einem Therapeuten nicht verlangen, dass er sich mit den Bestimmungen des Ausländerrechts auskennt“, betont Classen, die unterschiedlich sind, je nachdem ob der Patient asylsuchend, geduldet oder bleibeberechtigt ist. Der Therapeut könne jedoch abklären, ob der Flüchtling einen Anwalt hat, der sozialrechtlich berät oder ob er Kontakt zu einer Beratungsstelle hat. Niedergelassene Psychotherapeuten, die mit Flüchtlingen arbeiten, sollten Adressen von regionalen Beratungsstellen parat haben, empfiehlt Classen. Auf der Website www.fluechtlingsrat-berlin.de sind Adressen für Berlin und Brandenburg aufgelistet. Mit den Flüchtlingsratsinitiativen in anderen Städten und Bundesländern wird zudem verlinkt.

Petra Bühring

Suizide häufiger bei Türkinnen

Wissenschaftliches Hintergrundmaterial zum Thema Suizid bei Migrantinnen und der Aktion „Beende Dein Schweigen, nicht Dein Leben“ hat die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) veröffentlicht. Diese Aktion ist Teil einer auf mehrere Jahre angelegten wissenschaftlichen Untersuchung zu der Frage, warum Suizidversuche und vollendete Suizide bei jungen Frauen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland deutlich häufiger sind als bei gleichaltrigen Deutschen.

Die Studie unter Federführung der Psychiatrie der Charité geht vor allem der Frage nach, welche Risiko-, aber auch welche Schutzfaktoren die Suizidanfälligkeit in dieser Gruppe beeinflussen. Im Interventionsteil der Studie wird in Berlin untersucht, ob und welche Aufklärungskampagnen und Hilfsangebote die Suizidrate verringern können.

Die beteiligten Forscher um Studienleiterin Dr. med. Meryam Schouler-Ocak haben die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Studie „Suizidraten und Suizidprävention bei türkischen Frauen in Berlin“ noch nicht abgeschlossen, dennoch zeichnen sich nach Aussagen der Wissenschaftler erste Ergebnisse ab. Dazu gehört unter anderem, dass grobe Vereinfachungen aus der jüngsten Zeit, wonach Probleme von und mit Migranten auf deren Unwillen zurückzuführen sind, sich an die deutsche Gesellschaft anzupassen, nicht nur nicht weiterführen, sondern auch falsch sind. Informationen unter: www.beende-dein-schweigen.de hil

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema