ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2010Gemeinsamer Bundes­aus­schuss: Mit Versorgungsorientierung eigene Schwerpunkte setzen

POLITIK

Gemeinsamer Bundes­aus­schuss: Mit Versorgungsorientierung eigene Schwerpunkte setzen

PP 9, Ausgabe November 2010, Seite 496

Perleth, Matthias; Hess, Rainer

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Sein Konzept zur Versorgungsorientierung erprobt der G-BA zunächst an der Volkskrankheit Depression. Foto: Fotolia
Sein Konzept zur Versorgungsorientierung erprobt der G-BA zunächst an der Volkskrankheit Depression. Foto: Fotolia

Bislang fasst der Gemeinsame Bundes­aus­schuss auf Antrag Beschlüsse zu einzelnen Indikationen. Auf eigene Initiative erprobt er nun ein Konzept, mit dem er komplette Krankheitsbilder strukturieren und Lücken in der Versorgung schließen will.

Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat sich seit seiner Gründung am 1. Januar 2004 von einem eher unauffälligen Akteur des Gesundheitswesens, der seine Entscheidung quasi „hinter verschlossenen Türen“ traf, zu einer professionell agierenden Organisation mit immer weiterreichenden gesetzlichen Aufgaben entwickelt. Die inzwischen umfassende Zuständigkeit des G-BA für weite Bereiche der medizinischen Versorgung im System der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung hat zu einer höheren Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit geführt. Bis in die jüngste Zeit war daher an grundsätzlicher Kritik am G-BA kein Mangel. Neben der Beanstandung konkreter Einzelentscheidungen entzündete sich die Kritik auch an den teilweise langen Beratungsverfahren und an der Themenwahl, die als unsystematische Themenbearbeitung auf Zuruf apostrophiert wurde.

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Auch der G-BA betrachtet die Diskrepanz zwischen den eingebrachten Beratungsthemen und der wahrgenommenen Versorgungssituation als unbefriedigend und überlegt schon seit Jahren, das System weiterzuentwickeln, um vor allem Volkskrankheiten systematischer und zusammenhängend erfassen zu können. Bereits Mitte 2008 äußerte der Vorsitzende des G-BA im Deutschen Ärzteblatt die Absicht, die Arbeit des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses stärker an umfassenden Versorgungskonzepten zu orientieren und auf diese Weise zu einer eigenen Schwerpunktsetzung zu kommen.

Nach einer grundsätzlichen Debatte hat der G-BA nun die Weichen gestellt, um in Teilbereichen eine solche Weiterentwicklung zu erreichen. Das übergeordnete Ziel dieser Konzeption ist die umfassende Verbesserung der Versorgung wichtiger Krankheitsbilder auf der Basis systematischer, koordinierter, effektiver und effizienter Vorgehensweisen.

Versorgungsorientiert statt indikationsbezogen

In der Plenumssitzung im April 2010 wurde eine entsprechende Konzeption einstimmig beschlossen und die eigens eingesetzte, beim Plenum angesiedelte Arbeitsgruppe zur Versorgungsorientierung/Priorisierung beauftragt, die Vorgehensweise beispielhaft am Krankheitsbild „Depression“ zu erproben. Mit der Volkskrankheit Depression hat sich das Plenum bewusst für ein komplexes Krankheitsbild entschieden.

Auf der Grundlage des § 92 SGB V legt der G-BA „die zur Sicherung der ärztlichen Versorgung erforderlichen Richtlinien über die Gewährung für eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung der Versicherten“ fest. Arbeitsgruppen und Unterausschüsse erarbeiten diese Richtlinien teilweise auf der Grundlage von externen Beauftragungen (IQWiG, AQUA), bevor sie vom Plenum beschlossen werden.

Die Beratungen zu einem Thema werden prinzipiell erst aufgenommen, nachdem ein qualifizierter Beratungsantrag von einer der Trägerorganisationen, den Patientenvertretungsorganisationen oder einem Unparteiischen eingebracht wird. Das Konzept zur Versorgungsorientierung setzt an der bisherigen Praxis der Beratung einzelner Themen beziehungsweise Themenkomplexe an, die mit Ausnahme der Disease-Management-Programme keinen Krankheitsbezug haben, sondern indikationsbezogen einer bestimmten medizinischen Technologie zugeordnet sind – zum Beispiel der Positronen-Emissions-Tomographie, der Psychotherapie, der Akupunktur oder bestimmten Arzneimitteln. Neu am Konzept der Versorgungsorientierung ist also die Weiterentwicklung der bisherigen Beratungspraxis hin zu einer stärker krankheits- beziehungsweise versorgungsorientierten Betrachtung. Diese Vorgehensweise als Möglichkeit ist der Selbstverwaltung nicht fremd, eine konsequente Umsetzung in der Beratungspraxis fehlt aber bisher.

Um ein Schwerpunktthema für weitere Beratungen aufzuarbeiten, hat sich der G-BA für ein zweistufiges Vorgehen entschieden. Nach der Themenvorgabe durch das G-BA-Plenum, inklusive einer Fristsetzung, werden in insgesamt fünf Arbeitsschritten Recherchen durchgeführt. Ergebnis dieser Recherchen ist dann ein Bericht mit Handlungsempfehlungen an das Plenum (siehe Grafik).

In dem Konzept bleibt die Entscheidung über die Wahl des Schwerpunktthemas dem Plenum vorbehalten. Damit wird gewährleistet, dass in der Arbeitsgruppe eine sachlich orientierte Themenbearbeitung erfolgen kann. Zudem kann das Plenum auch auf externe Anregungen eingehen und auf diese Weise versorgungspolitische Prioritäten setzen.

Bei dem Konzept handelt es sich um eine Ergänzung des bisherigen Antragsverfahrens, das selbst weiterhin unverändert gilt. Dabei wird jedoch kein Vollständigkeitsanspruch erhoben. Genauer gesagt kann eine enzyklopädische Aufbereitung der Versorgung eines kompletten Krankheitsbildes nicht geleistet werden. Soweit möglich, soll eine parallele Bearbeitung der konzeptionell getrennten fünf Arbeitsschritte erfolgen. Und schließlich ist eine Koordination mit und zwischen den Beratungen in den Unterausschüssen unabdingbar, damit einerseits die Expertise der Unterausschüsse einbezogen wird und andererseits inhaltliche Widersprüche vermieden werden. Die Klammer eines gemeinsamen Themas soll Querverbindungen zwischen den Ausschüssen herstellen.

Defizite in der Versorgung erkennen

Im ersten Arbeitsschritt wird eine Strukturierung der Thematik vorgenommen, die eine Leitliniensynopse (zum Beispiel durch das IQWiG) enthält und quasi ein Rahmenkonzept für die weiteren Analysen vorgibt. Dadurch sollen komplexe Krankheitsbilder strukturiert und Versorgungsdefizite erkannt werden. Der G-BA beabsichtigt, auf diese Weise die derzeit bestehenden Lücken bei den Beschlüssen zu einem Krankheitsbild erfassen und zusätzliche Beratungsthemen identifizieren zu können. Die Struktur (I) dürfte sich in den meisten Fällen an der Versorgungskette orientieren, zum Beispiel Prävention – Diagnostik – Therapie – Rehabilitation. In diesem Schritt kann auch eine Differenzierung in den Bereichen Patientenpopulation oder Setting erfolgen. Ergänzend zu dieser Analyse wird eine Darstellung der Versorgungsstruktur vorgenommen. Die Analyse der Versorgungssituation (II) erfasst in einem mehrdimensionalen Ansatz Versorgungsdefizite und ermöglicht so einen Abgleich von Soll- und Ist-Zustand, erschließt also den Handlungsbedarf. Die Analysedimensionen für Schritt II beinhalten die Fragen danach, welche Leistungen und Methoden erbracht werden (Nutzen, Berücksichtigung von Innovationen), wie (Qualität) und mit welchem Ergebnis (Effektivität) beziehungsweise wo und bei wem (Bedarf, Zugang, Angemessenheit, Unter- und Überversorgung) sowie ob sie wirtschaftlich erbracht werden. Diese ersten zwei Arbeitsschritte werden durch die Hinzuziehung von Experten (Vertreter der Wissenschaft und der Patienten) hinsichtlich Plausibilität und Relevanz diskutiert.

Eine Bestandsaufnahme der Themen, die aktuell vom G-BA beraten werden, ergänzt dieses Raster (III). Aus dem Kontrast aktueller Beratungsthemen und der Analyse der Versorgungssituation ergeben sich Ansätze für mögliche weitere Beratungsthemen (IV), die abschließend mit der Zuständigkeit des G-BA abgeglichen werden müssen (V).

Die Arbeitsgruppe informiert schließlich das Plenum in einem zusammenfassenden Bericht über das Ergebnis der Themenaufarbeitung. Der Bericht wird Handlungsempfehlungen enthalten, so dass eine unmittelbare Umsetzung in die Beratungspraxis erfolgen kann. Da sich die Handlungsempfehlungen grundsätzlich auf alle acht Unterausschüsse des G-BA beziehen können, ist die kontinuierliche Einbindung der relevanten Unterausschüsse in den Informationsfluss wichtig. Die Empfehlungen können neue Beratungsanträge zur Folge haben, wie nachfolgende Beauftragungen von IQWiG (Nutzenbewertungen) oder AQUA (Qualitätsindikatoren), aber auch zum Beispiel die Information der Öffentlichkeit oder die Anregung von Initiativen bei anderen Institutionen.

Einen Bericht zu dem Beispielthema „Depression“ erwartet das Plenum bis zum Januar 2011. Im Anschluss wird sich der Gemeinsame Bundes­aus­schuss entscheiden, ob das Konzept zur Versorgungsorientierung auch auf andere Krankheitsbilder angewandt werden kann.

Dr. med. Matthias Perleth

Dr. jur. Rainer Hess

Gemeinsamer Bundes­aus­schuss

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